Sicherheit

Nebel für den Ernstfall

VDI nachrichten, Düsseldorf, 30. 1. 04 – Vor Kamikaze-Angriffen ist kein deutsches Kernkraftwerk sicher, warnen Experten in einer bisher unveröffentlichten Studie. Bundesregierung und Betreiber arbeiten daher an Konzepten, wie man die Meiler vor Terrorattacken schützen kann.

Ausnahmsweise sind sich Atomkraftbefürworter wie -gegner in der Analyse weitgehend einig: Ein von Terroristen als Waffe missbrauchter, vollgetankter Jumbo könnte den Sicherheitsbehälter einiger deutscher Meiler durchschlagen, ein anhaltender Kerosinbrand die Kühl- und Notkühlsysteme lahm legen. Die Schmelze des Reaktorkerns hätte im dicht besiedelten Deutschland verheerendere Folgen als der Unfall von Tschernobyl 1986, warnt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).
Keiner der 19 deutschen Reaktoren ist nach einer bislang unveröffentlichten Studie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) so gegen einen Flugzeugabsturz gesichert, dass eine Atomkatastrophe als Folge ausgeschlossen werden kann. Zwar würden die Betonhüllen bei den sieben Druckwasserreaktoren, die gegen den Absturz eines Phantom-Kampfjets ausgelegt sind, auch dem Aufprall einer Passagiermaschine standhalten. Doch könnten die Erschütterungen durch den Aufprall zu schweren Zerstörungen im Inneren führen. Bei den drei neueren Siedewasserreaktoren würde ein größeres Verkehrsflugzeug sogar die Betonhülle durchschlagen.
Das Gutachten hatte Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) bei der Kommission kurz nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 bestellt. Vor etwas mehr als einem Jahr legten die Sicherheitsexperten ihre Ergebnisse vor. Anfang dieses Jahres forderte der BUND die Bundesregierung auf, die Ergebnisse zu veröffentlichen. Das Umweltministerium lehnte die Forderung aus Sicherheitsgründen ab.
Unterdessen arbeiten Bundesregierung und Betreiber an Konzepten, wie man die Meiler vor Terrorattacken schützen kann. Eine zweite Hülle, wie Bauexperten sie seit dem 11. September immer wieder fordern, hält die GSR in ihrem Gutachten für nicht realisierbar. Ein Schutzkonzept sieht vor, die Kraftwerke möglicherweise durch künstlichen Nebel vor Terrorattacken per Flugzeug zu schützen. Bereits in „einigen Wochen“, so das Umweltministerium, soll eine Begutachtung durch die GRS abgeschlossen sein.
Das Konzept der Einnebelung ist bislang weltweit ohne Vorbild und sieht vereinfacht so aus: Nähert sich ein verdächtiges Flugzeug, wird das Atomkraftwerk sekundenschnell durch eine künstliche Nebelwand eingehüllt. Potenzielle Angreifer, so die Idee, könnten zwar weiter ihr Ziel orten, doch die Wahrscheinlichkeit einer zielgenauen Attacke wäre gemindert.
Den Vorschlag, AKW im Ernstfall mit Nebelgranaten zu verschleiern, hatten nach dem 11. September zunächst die AKW-Betreiber ins Spiel gebracht. Erweist sich die Technik als praktikabel, wäre sie für die Betreiber billiger als diverse Nachrüstungen oder der Bau von Hindernissen rund um die Reaktoren, wie sie zum Schutz vor Luftattacken ebenfalls diskutiert wurden.
Auch in Großbritannien überlegen Experten, wie sie AKW terrorfest machen können. „Nebel und Rauch sind nur bedingt geeignet“, sagt Ben Eden, Chef der Firma PeaSoup, einem Spezialisten für Nebelanlagen. „Wenn es windig ist, hat man verloren“, sagt Eden. Außerdem dauere es mindestens zehn Minuten, ein so großes Gebäude im Nebel verschwinden zu lassen.
Welche Maßnahmen in Deutschland ergriffen werden, werde in den kommenden Monaten entschieden, sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums. Klaus Traube, energiepolitischer Sprecher des BUND sagt: „Die einzig wirksame Maßnahme gegen die terroristische Bedrohung der Kraftwerke ist die Stilllegung.“ E. BODDERAS

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