Gesundheit 08.10.2004, 18:33 Uhr

Moderater Alkoholkonsum kann vor Herzinfarkt schützen

Im Wein liegt Wahrheit. Dem sind nun mehrere große Untersuchungen bei den Auswirkungen auf die Gesundheit auf den Grund gegangen – mit überraschenden Ergebnissen.

Der Genuss maßvoller Alkoholmengen, wie sie etwa in einem Glas Wein enthalten sind, schützt vor Herzinfarkt. Freilich nicht allein, wie die vor kurzem auf dem Europäischen Kardiologenkongress in München vorgestellte Interheart-Studie herausgefunden hat.
Mit der Langzeituntersuchung, an der über 30 000 Männer und Frauen aus allen Teilen der Welt teilgenommen hatten, wollten kanadische Wissenschaftler den Risikofaktoren für Herzinfarkt und Arteriosklerose auf den Grund gehen.
„Die Untersuchung zeigt, dass die beiden wichtigsten Faktoren für einen Herzinfarkt Zigarettenrauchen und ein ungünstiges Verhältnis bestimmter Blutfette, so genannter Apolipoproteine sind,“ sagt Studienleiter Prof. Salim Yusuf von der McMaster University in Hamilton/Ontario. Gefahr drohe auch durch zu hohen Blutdruck, Diabetes, Bauchfett, sowie eine ungesunde Ernährung mit wenig Obst und Gemüse sowie Bewegungsmangel.
Für alle Bevölkerungsgruppen nachgewiesen wurde bei der von den Canadian Institutes of Health und der Heart and Stroke Foundation in Ontario unterstützten Untersuchung die lang gehegte Vermutung, dass Menschen, die regelmäßig moderate Alkoholmengen zu sich nehmen, besser vor Gefäßerkrankungen geschützt sind.
Was unter „moderat“ zu verstehen ist, erläutert Arthur Klatsky, US-Spezialist für Koronarerkrankungen am Kaiser Permanente Medical Center in Oakland, Kalifornien: „Für Männer sind das nicht mehr als 20 Gramm Alkohol pro Tag, also etwas weniger als zwei Gläser Wein oder zwei kleine Glas Bier. Für Frauen gilt wegen bestimmter Unterschiede im Stoffwechsel die Hälfte.“
Dabei scheint es keineswegs egal zu sein, in welchem Getränk der Alkohol zu sich genommen wird. Wie Klatsky in einer Untersuchung an fast 130 000 US-Bürgern herausgefunden hat, schneiden Weintrinker bei der gefäßschützenden Wirkung am besten ab.
Über die Frage, was die Schutzwirkung ausmacht, streiten sich die Geister. Klatsky will nicht ausschließen, dass „weiche“ Faktoren wie die Lebensphilosophie eine Rolle spielen. Tatsächlich sind die Mechanismen, die die herzschützende Wirkung alkoholischer Getränke und genauer von Wein erklären können, nur spärlich belegt.
Nachgewiesen ist der Cholesterin-Effekt. Menschen, die regelmäßig geringe Mengen Alkohol zu sich nehmen, haben durchschnittlich um 10 % bis 20 % bessere Blutwerte für das gefäßschützende, „gute“ HDL-Cholesterin.
Zudem gibt es Hinweise, dass kleine Alkoholmengen den Fibrinogenspiegel im Blut senken, was das Risiko von Blutgerinnseln mindert. Auch britischen Forschern war aufgefallen, dass Menschen, die regelmäßig ein Glas Wein trinken, selten Gefäßverschlüsse erleiden. Weil dabei Endothelin, ein Botenstoff, der gefäßverengend wirkt, eine wichtige Rolle spielt, haben die Wissenschaftler untersucht, welche Auswirkungen der Genuss von Wein auf die Hormonproduktion hat. Seit langem wird vermutet, dass bestimmte Substanzen im Rotwein, so genannte Polyphenole, der gefäßverengenden Wirkung von Endothelin entgegenwirken.
Die Forscher brachten die Polyphenolextrakte aus 23 verschiedenen Rotweinen, einem Rosè und vier Weißweinen mit angezüchteten Gewebekulturen aus Blutgefäßzellen von Rindern zusammen. Das Ergebnis war eindeutig: „Am deutlichsten wirkte der Extrakt aus einem Cabernet. Er unterdrückte die gefäßverengende Wirkung von Endothelin am stärksten, weil er besonders viele Polyphenole enthält“, stellt Roger Corder vom William Harvey Institut für Kreislaufforschung in London fest. Die bitter schmeckenden Polyphenole dienen im Pflanzenreich als Fraßschutz und verleihen roten Weintrauben die intensive Färbung. Sie kommen vor allem in Haut und Kernen vor, die bei Rotweinen mitfermentiert werden. Deshalb schnitten Weißweine bei dem Experiment weniger gut ab. Wichtig sei auch eine lange Gärzeit der Weine, weil das die Wirkung der Polyphenole verstärke, so der Forscher.
Dass mit dem gesundheitsfördernden Image gute Geschäfte zu machen sind, merken nicht nur Winzer, die nun auch für die Freunde des Weißweins helle Rebsorten mit hohem Polyphenolgehalt züchten. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa und die europäische Weltraumagentur Esa setzen ebenfalls auf den Trend: Sie bieten einen satellitengestützten Service an, mit dem sich auf den Tag genau der optimale Zeitpunkt zur Weinlese ermitteln lässt. SILVIA VON DER WEIDEN

 

Ein Beitrag von:

  • Silvia von der Weiden

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