Gesundheit

Mit Technik fit ins Alter  

VDI nachrichten, Berlin, 25. 4. 08, rb – Die Industrie – und hier insbesondere die IT-Branche – sieht in der demografischen Entwicklung gute Marktchancen. Für den Bereich Gesundheit, Mobilität und vor allem für ein bequemes Leben im Alter. Doch Seniorenprodukte wollen gut überlegt sein, denn Speziallösungen, die Defizite betonen, lehnt der größte Teil der älteren Menschen ab.

Rund 9 Mio. Mal hat Japans Spielkonsolenriese Nintendo weltweit Gedächtnistrainingsprogramme verkauft. Nur eine von vielen Hightechentwicklungen aus dem Land der aufgehenden Sonne mit der Zielgruppe Senioren. So haben Forscher der Universität Tokio einen humanoiden Roboter mit Kamera-Augen entwickelt, der Tee servieren kann – Ersatz für Pflegekräfte in Nippons alternder Gesellschaft.

Demnächst soll ein zweibeiniger Fitnessroboter vom National Institute of Advanced Science and Technology Senioren in japanischen Altentagesstätten 20 Fitnessübungen vorturnen und somit für die optimale Körperertüchtigung sorgen, das meldet die Agentur Japan Access.

Ähnlich sehen Visionen hierzulande aus. Roboter, die für Ordnung im Wohnzimmer und rechtzeitige Medikamenteneinnahme sorgen. Orientierungslose alte Menschen, die dank RFID-Technik und Mobilfunk jederzeit geortet werden können. Badewannen, die nicht mehr überlaufen, oder implantierte Speichermedien, die Auskunft über alle gesundheits- und behandlungsrelevante Daten geben. Die Zukunftswelt der alternden Bevölkerung ist ein – fast – grenzenloser Zukunftsmarkt.

Die Generation 50 plus, gerne auch als „Best Ager“, oder „Silver Surfer“ zitiert, avanciert zur umworbenen Zielgruppe der Marketingspezialisten und Unternehmen, die sie zudem morgen noch als Arbeitskräfte benötigen.

Im Jahr 2020 werden die über 50-Jährigen mit über 24 Mio. Menschen die größte Konsumentengruppe in Deutschland sein. Doch lechzen die schon heute als „Megamarkt“ titulierten über 60-Jährigen tatsächlich nach maßgeschneiderten Lösungen? Beim Massenprodukt Handy zeigt sich, wie schwer es ist, diese kaufkräftige, anspruchsvolle, aber auch heterogene Klientel zu erobern.

Zuletzt versucht hat es die österreichische Firma Emporia. Seit 2008 sind zwei Handymodelle auf dem Markt. Eines mit rotem Notrufknopf auf der Rückseite. Das „Emporia Life+“ hat wenig mit den handelsüblichen flachen Kleinstmodellen gemein, sondern erinnert mehr an einen Personal Digital Assistant (PDA). Das große Display leuchtet in orange, laut unternehmenseigenen Angaben die beste Farbe für „Menschen, die am grauen Star operiert wurden“. Die Linzer setzen auf große Tasten und hörgerätkompatible Lautsprecher.

Auf der CeBIT 2008 war Emporia erstmals in der Telekommunikationshalle 26 mit einem riesigen Stand vertreten. „Regen Zuspruch von Alt bis Jung“, hieß es am Messestand. Jüngere sagten fast unisono: „Das wäre gut für meine Oma.“ Ein Standardlob. Laut Hersteller wurde das Produkt anhand von Studien und in Testgruppen exakt auf die Bedürfnisse der über 60-Jährigen abgestimmt. Doch die Zielgruppe selbst beurteilt die auffällige Optik erheblich kritischer.

Mittlerweile wird es im Elektronikfachhandel und im Internet angeboten. Große Mobilfunkunternehmen scheuen das Nischenprodukt. Ob Vodafone oder T-Mobile, unisono heißt es: Das vorhandene Angebot sei ausreichend, oder „Ältere wollen nicht als Sondergruppe behandelt werden“. Die Zurückhaltung mag aber auch daran liegen, dass Senioren nicht jeden Hype mitmachen, keine Vieltelefonierer sind und selten ihre Verträge ändern.

Experten sind sich einig, dass bei der Entwicklung von Produkten für Senioren eine Grundregel beachtet werden sollte: „Senioren sind nicht blöd, die wollen keine Spezialgeräte, die darauf hinweisen, dass sie Defizite haben“, sagt der Maschinenbauingenieur und Industriedesigner Mathias Knigge.

„Altern heißt vor allem, dass man sich verändert in einer Art und Weise, die nicht klar erkennbar oder vorhersehbar ist, weil jeder anders altert“, weiß der Psychologe Frieder Lang, Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Die Unternehmen haben dazugelernt, glaubt jedenfalls Knigge. Der Techniker stellt fest, dass anstelle von Sonderlösungen für Ältere die Firmen eher ihre gute Produktqualität nach dem Motto „made in Germany“ betonen. Darüber hinaus ist für den Experten schon jetzt die Umstellung auf eine alternde Gesellschaft deutlich erkennbar: In Supermärkten seien heute schon die Preisschilder größer und die Beleuchtung besser.

Der 38-jährige Knigge, heute Geschäftsführer des Büros für demographiefeste Produkte und Dienstleistungen „grauwert“, hat ein Konzept für die Kunsthalle Emden entwickelt, um Museen für ältere Menschen attraktiver zu machen. Das Spektrum reicht von erhöhten Sitzgelegenheiten im Ausstellungsbereich bis hin zur Kasse im Museumsshop. „Sie ist mit lesefreundlichen Anzeigen an der Kasse und EC-Terminals mit großen Tasten ausgestattet“, zählt Knigge auf. Auch die Audio-Guides haben ein großes Display, große Tasten und eine einfache Bedienstruktur. „Fast alles ist Low-Tech“, sagt Mathias Knigge, „aber wirkungsvoll.“

Doch so einfach lassen sich Defizite nicht immer ausgleichen. Weltweit arbeiten Wissenschaftler an technischen Lösungen vom fernsteuerbaren Hörgerät bis hin zum Pflegeroboter.

Die Japaner haben bereits eine Teemaschine entwickelt, die Angehörige per SMS informiert, ob Oma oder Opa ausreichend getrunken haben. Ein Produkt, das wie viele andere Entwicklungen auf Überwachung setzt. Knigge ist überzeugt, dass solche Produkte hierzulande wenig Zukunft haben.

Vieles ist technisch bereits möglich, doch die Akzeptanz mancher dieser Entwicklungen ist hierzulande gering. So heißt es, in einer vom Land Baden-Württemberg geförderten Delphi-Studie zu bereits existierenden und geplanten Produkten in der Informationstechnologie: Die Technik könne zwar einen großen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit des Gesundheitswesens leisten, der Erfolg der technischen Neuerungen sei jedoch „eng mit Faktoren wie Kosten, Akzeptanz, Regulierung oder organisatorischen Veränderungen verknüpft“.

Das gerade neu aufgelegte Großprojekt „FitforAge“ des Fraunhofer Instituts für integrierte Schaltungen (IIS) in Erlangen versucht gemeinsam mit der Bayerischen Forschungsstiftung einen neuen Ansatz. Hier arbeiten Informatiker mit Hardware-Ingenieuren, Konstrukteuren, Gerontologen und Sozialwissenschaftlern zusammen. „Das ist eine spannende Sache“, sagt der Leiter des Instituts für Psychogerontologie Lang.

Hören die technischen Experten, welche Leistungseinschränkungen ein älterer Arbeitnehmer hat, „dann sind sie immer überrascht, weil sie sich das normalerweise vor dem Hintergrund eines einfachen Defizitmodells vorstellen“, sagt Lang. Alle glaubten, altern hieße, man könne alles wie vorher, nur ein bisschen schlechter. Richtig sei: „Jeder altert individuell.“

Noch steht der neue Forschungsverbund „FitforAge“ ganz am Anfang. Kirstin Paetzold, Oberingenieurin am Institut für Konstruktionstechnik der Universität Erlangen-Nürnberg, sitzt am Querschnittsprojekt „FitforProduct“. Erster Schritt ist die Informationssammlung über Leistungseinschränkungen, danach folgt das Strukturieren und Klassifizieren, um anhand dieser Kenntnisse die Produktentwicklung zu erweitern. Dabei gehe es nicht vorrangig um die Ergonomie, sondern um Funktionalitäten von Produkten.

Mit einem Beispiel erläutert die Ingenieurin, wie ein solches Zukunftsprodukt aussehen könnte. Eine Kombination aus einem intelligenten Navigationssystem in Verbindung mit entsprechendem Handy oder PDA könnte Demenzkranken bei der Orientierung helfen. Dabei würden regelmäßige Abläufe im Alltag der Menschen mitprotokolliert. Wenn ein Demenzkranker plötzlich nicht mehr weiß, was und wohin er wollte, wüsste das Gerät beispielsweise, dass er an diesem Tag immer zum Arzt muss. Das wird ihm über das Handy mitgeteilt und auch gleich der Weg, den er nehmen muss.

„Dieses Demenzprojekt ist nur ein Beispiel, an dem wir durchexerziert haben, was man machen könnte“, sagt Paetzold. „Aber wir sind deutlich breiter aufgestellt.“ Dabei ist den FitforAge-Forschern wichtig, „dass die Systeme, die wir altengerecht entwickeln, nicht stigmatisieren“. Für Paetzold heißt das, den Betroffenenkreis frühzeitig in die Entwicklung einzubinden, um das Produkt so verkaufen zu können, „dass keine Schwächen damit kompensiert werden, sondern dass es hip und chic ist“.

Partizipation der künftigen Nutzer an der Technik will auch das Projekt „FitforWork“, bei dem es um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit u. a. durch Roboterunterstützung an Montagearbeitsplätzen geht. Laut Lang wollen die Wissenschaftler die Arbeitsplätze mitgestalten, um die künftige Technik auf den Arbeitnehmer und den Arbeitsplatz abzustimmen.

Der 27-jährige Informatiker Martin Rulsch am Fraunhofer Institut IIS arbeitet seit längerem an einem so genannten Fitnesstrainer. Hier werden über ein Sensornetz alle Bewegungen automatisch erfasst, die Daten auf ein Handy oder PDA überspielt und Fehler im Bewegungsablauf so dem Nutzer mitgeteilt. Eigentlich soll dieses Gerät als „Sportlehrer“ eingesetzt werden. Im Rahmen des Projekts „FitforWork“ ließe sich eine solche Technik aber auch auf die Beobachtung von Bewegungsabläufen an Arbeitsplätzen einsetzen.

Noch weiß niemand, ob und wie es den Wissenschaftlern des Projekts „FitforAge“ gelingt, die steigende Zahl der Älteren fit zu halten und welche heutigen Visionen morgen zum Alltag gehören. Aber als bei Siemens 1925 das erste tragbare Hörgerät entwickelt wurde, hätte auch niemand geglaubt, dass dieses unhandliche schwere Gerät gut 80 Jahre später zu einem Winzling im Ohr schrumpft, der sich per Fernsteuerung in der Hosentasche an Geräuschpegel anpassen lässt.

Die Kinder des Jahrgangs 2008 – mit einer Lebenserwartung von 100 Jahren – werden das derzeit neueste Hörgerät vermutlich in einem Technikmuseum bestaunen. Mit selbstregelnden Implantaten, künstlichen Organen, umgeben von technischen Dienstleistungen werden sie vermutlich im Alter ihren Alltag bewältigen.

N. WOHLLAIB/B. BÖHRET

www.emporia.at
www.fit4age.org
www.grauwert.info

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