Sicherheit

Mit siebten Sinn und passender Technik  

VDI nachrichten, Pirna/Sachsen, 4. 4. 08 – Für neun EU-Staaten im Osten Europas gilt das Schengen-Abkommen seit Anfang des Jahres. Das Bundespolizeiamt im sächsischen Pirna verlegte seine grenzsichernde Arbeit damit in einen 30-km-Streifen im Hinterland. Hier versucht man Autoklau, Menschenschmuggel oder Zolldelikte wirksam zu unterbinden. Neben Routine, guter Ausbildung und einem siebten Sinn dient ihnen dazu auch moderne Technik.

Der Polizist setzt das Fernglas ab. Ein blauer Brummi mit gelber Plane rollt heran. „Den schauen wir uns näher an“, raunt er seinem Kollegen zu. Der nickt. Die Beamten, die mit ihrem Wagen an der B 170 nahe der Grenze zu Tschechien stehen, steigen aus. Einer hält die weiß-rote Kelle hoch: „Halt – Polizei!“

Der Lastzug bremst. Er stammt aus der Ukraine. Ein Polizist kontrolliert die Papiere: Führerschein, Fahrtenbuch, Frachtpapiere ¿, der andere umrundet wie zufällig den Lkw. In der Hand hält er ein schwarzes Kästchen, von dem ein grauer Schlauch zu einem knapp halbmeterlangen Stab führt. Nun mustert er die Plane gründlicher er sucht etwas. Und er wird fündig: Ein kleiner Riss, kaum bemerkbar, doch groß genug, um durch ihn den Hohlstab ins Innere der versiegelten Ladefläche zu führen.

„Irgendwas finden wir immer, und sei es ein leckes Dichtungsgummi“, sinniert er ohne aufzuschauen. Konzentriert verfolgt er nun das Zahlenspiel auf einem Display des Kästchens. Aber nichts Auffälliges tut sich. „Der ist sauber“, ruft er dem Kollegen zu. Der Laster kann weiterrollen.

Was sie gesucht haben? Polizeihauptmeister Uli Zieger wirkt etwas zugeknöpft. „Atemluft“, meint er schließlich. Mit dem Gerät lasse sich die CO2-Konzentration in einem begrenzten Raum messen. „Haben hier Schleuser Menschen zusammengepfercht, registriert das der Detektor“, erläutert er. „Denn ihr Atemausstoß erhöht den CO2-Gehalt im Wageninneren.“ Hightech bei der Straßenkontrolle.

Noch vor kurzem taten die beiden Dienst am Schlagbaum. Sie sind Grenzer, wie es landläufig in Pirna heißt, wo die Bundespolizei eine ihrer beiden sächsischen Hauptdienststellen unterhält. Neben dem Flugplatz Dresden und den Bahntrassen der Region wäre man aber auch weiter für 263 km Grenze zuständig, erzählt Gregor Pelzl. Der gebürtige Stuttgarter ist Chef des Amts. Keiner seiner 2300 Leute sei bislang abgezogen worden, versichert er.

Pelzl, den drei goldene Sterne als Polizeidirektor ausweisen, steht mit weiteren Beamten im Lage- und Einsatzzentrum an einer Wandkarte und hört deren Berichte: In Görlitz, wo jüngst eine dreiste Autoklauserie die Leute um den Nachtschlaf brachte, hat man die Situation durch den Wechsel von stationären Polizeisperren zu mobilen Kontrollen wieder im Griff. Im tschechischen Grenzraum blieb die Kriminalität trotz der Ängste unter den Anrainern fast unverändert gegenüber jenen Zeiten, da man notfalls noch jeden Passanten einzeln filzen konnte.

Der Rapport ist beendet. Pelzl hat nun etwas Zeit. „Die Grenzübergänge waren wie Trichter. Unsere ,Kunden¿ kamen praktisch zu uns, stellten sich an. Wir hatten ein optimales Kontrollsystem, kleine Häuschen, gut beleuchtet ¿“, erzählt er etwas salopp über die Zeit vor dem 21. Dezember, als das Schengen-Abkommen noch nicht für den Osten galt. Doch seither kann hier jedermann an jeder Stelle deutschen Boden betreten – oder auch abtauchen.

An einem großen, halbrunden Tisch sitzen zwei Polizisten vor Monitoren und Schalttafeln. „Wir koordinierten den Einsatz der Streifen, die nun im 30-km-Hinterland der Grenze Kraftfahrzeuge überprüfen“, so Polizeihauptkommissar Oliver Goldenstein. „Oft schwimmen sie dazu im fließenden Verkehr mit“, erläutert er, während er eine Durchsage notiert. Zudem habe man spezielle Fahndungsüberprüfungspunkte eingerichtet. „Unsere Aufgabe heißt denn auch weiter: Schutz der Grenze“, fügt Pelzl hinzu.

Aber nach welchen Kriterien stoppen sie Laster, kontrollieren Fahrzeuginsassen? Wie unterbinden sie Menschenhandel, Zollhinterziehung, Autodiebstahl, Schwarzarbeit oder die illegale Ausfuhr von Kulturgütern?

Der Polizeidirektor lacht hintergründig: „Mit ihrem siebten Sinn!“ Manchmal sage ihnen eine innere Stimme, dass sie jemand kontrollieren sollten. Darin vereinten sich Erfahrung, intensive Beobachtungsgabe, Ausbildungswissen und aktuelle Erkenntnisse aus Analysen und Fahndungsrastern. Ganz verschiedene Faktoren spielten da hinein, etwa bestimmte Pkw-Typen, die bevorzugt gestohlen werden. Er sucht eine Liste heraus, auf der deutsche Marken ganz vorn rangieren. Oder wenn ein 18-Jähriger einen 7er BMW fährt. Auch ethnische Aspekte oder Auffälligkeiten bei der Kleidung: „So, wenn jemand zum feinen dunklen Sakko Sandalen trägt …“

„Ausgleichsmaßnahmen“ nennt Pelzl jenes Agieren im Hinterland, oft koordiniert mit Landespolizei und Zoll, dem Bundesamt für Güterverkehr sowie polnischen und tschechischen Kollegen. Man habe sich „intensiv auf den Wegfall der Kontrollen vorbereitet“. Und er gibt sich zufrieden: „Meine Leute meistern das Klasse!“

Lauter Rotorenlärm schneidet ihm die Worte ab: Ein Hubschrauber setzt auf dem Landeplatz hinterm Haus auf. Es ist ein Eurocopter EC 135, ein leichter zweimotoriger Vielzweck-Helikopter. „Reisegeschwindigkeit gut 250 km/h, Dienstgipfelhöhe über 6000 m. Er gehört standardmäßig zu unserem Amt, steht sonst in Bautzen, ist Teil des Vornetzes“, erzählt Pelzl. Leiser Stolz ist hörbar. Nicht jedes Bundespolizeiamt hat so ein fliegendes Gerät.

Zwei Polizisten steigen aus. Pelzl läuft hinaus, bespricht sich mit seinen Leuten. „Ja, sie sind täglich in der Luft, mal nach einem Grundplan, mal unter einsatztaktischen Aspekten“, schreit er gegen die Drehflügel an. Beim gezielten Beobachten von Fahrzeugen sei der Hubschrauber oft unverzichtbar. „Man sieht aus der Luft eben gut, ob ein Wagen vor einer Straßenkontrolle plötzlich abdreht“, erzählt einer der fliegenden Beamten.

Wo es nun hingeht, verrät die Crew nicht. Wohl aber, dass ihnen nicht nur tschechische Autohehler oder kosovarische Menschenschleuser auffallen. „Letzte Woche sahen wir über einem Waldstück ein Feuer. Wir drehten bei, gingen runter und erwischten zwei Deutsche. Sie hatten Buntmetall geklaut und brannten gerade die Isolierung der Kupferkabel weg.“ Der Hubschrauber hebt wieder ab.

Pelzl schaut ihm nach. Ob ihm das Schleuserwesen die größte Sorge bereite? Der jungenhaft wirkende Amtschef schüttelt den Kopf, räumt dann aber ein: Sicher gebe es nun mehr Schleusungen in Hohlräumen von Lkw-Ladungen. Deutschland spiele jetzt eben mehr als Transitland eine Rolle.

Den Einsatz des CO2-Messgerätes empfindet er indes nicht als optimal. Bei Planen funktioniere es gut, bei festen Aufbauten nicht. Doch mobile Röntgendurchleuchtung der Ladeflächen, wie es zuweilen vorgeschlagen wurde, lehnt er strikt ab: „Das sind doch auch nur Menschen auf der Suche nach etwas Glück. Wir wollen ihnen keinen Schaden zufügen!“

Stattdessen hofft er auf eine neue Technik, die gerade die europäische Grenzschutzagentur Frontex entwickelt: Statt Röntgenstrahlen sollen Scanner auf Basis von Terahertz-Pulsen helfen, das Innere von Fahrzeugen sichtbar zu machen.

Sein Telefon läutet. Der Innenminister erwartet Pelzls Rückruf. Schon im Gehen, fällt ihm noch ein: Die ganze Technik sei letztlich zweitrangig, zumal sie nicht immer die modernste hätten. Etwa beim Funk. Während nun schon alle neuen EU-Staaten mit digitalen Netzwerken hantierten, hinke die deutsche Polizei hier tüchtig hinterher. So müssen jene, die im gemeinsamen Polizeizentrum Swiecko arbeiten, polnische Technik benutzen.

„Wir setzen auf die menschliche Komponente, auf gute Polizeiarbeit!“, betonen die Grenzer. Wirkliche Fehlschläge gebe es hier nicht, versichert Polizeioberkommissar Heiko Kunz. Er startet mit Klaus Lorenz zu einer Routinetour Richtung Sächsische Schweiz.

Es dämmert bereits. Der Wagen fährt einen Hügel hinauf, der einen guten Blick ins Umland böte – wenn es nicht schon so schummrig wäre. Kunz steigt aus und führt eine Wärmebildkamera vor die Augen. Was er sucht, bleibt sein Geheimnis. „Jeder illegale Grenzübertritt hat seine Vor- und seine Nachgeschichte“, meint er nur salomonisch. Wenn denn jemand meine, sich irgendwo im Schutz der Dunkelheit sicher zu wähnen, irre er. „Wir sehen ihn noch bei völliger Finsternis ohne Restlicht auf 5 km ¿“

Ganz ohne Technik geht es denn doch nicht. HARALD LACHMANN

 

Von Harald Lachmann/rb

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