Arzneimittel

Mit Hightech gegen skrupellose Giftmischer  

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass mittlerweile weltweit jedes zehnte Arzneimittel gefälscht ist. Abgesehen von der Gefahr für Leib und Leben – der Pharmaindustrie entsteht daraus jedes Jahr ein Schaden von 32 Mrd. Dollar. RFID-Technologie, Siegel und Hologramme sollen die Mogelpackungen künftig enttarnen.

Gefälscht wird alles, was der Markt hergibt. In den Mogelpackungen stecken vor allem Antibiotika, Chemotherapeutika sowie schmerz- und entzündungshemmende Mittel, so die WHO. Das Fatale daran: Hier wird bewusst das Leben anderer aufs Spiel gesetzt.

Schlaftablette statt Schmerzmittel, Frostschutzmittel im Hustensaft, Backpulver gegen Malaria – die Fantasie der Fälscher kennt keine Grenzen. Die WHO fand bei 325 untersuchten Fällen, dass 60 % der Produkte gar keinen Wirkstoff aufwiesen, bei 17 % fand sich die falsche Wirkstoffmenge und 16 % enthielten falsche, gesundheitsschädliche oder gar giftige Wirkstoffe. „Gerade einmal 7 % der Proben waren mit dem Originalprodukt identisch“, erläutert Pharmazieexperte Harald Schweim von der Universität Bonn.

Jedes zehnte Medikament ist weltweit gefälscht, so die WHO. Der Arzneimittelherstellerverband Association of British Pharmaceutical Industry (ABPI) geht davon aus, dass der Pharmaindustrie so jährlich zweistellige Milliardenbeträge verloren gehen. „Bei einem geschätzten Umsatz von 337 Mrd. $ kommt da ein hübsches Sümmchen zusammen“, rechnet Schweim vor.

Während in Asien, Afrika und Lateinamerika bevorzugt Medikamente gegen lebensbedrohliche Infektionskrankheiten im Visier von Kriminellen stehen, werden im Westen vornehmlich Lifestyle-Medikamente imitiert: Haarwuchsmittel, Potenzpillen oder Anabolika. „Einfallstor für gefälschte Medikamente ist in Deutschland das Internet“, berichtet Dr. Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA).

Doch wie kann die Pharmabranche nun ihre Ware vor Fälschungen schützen? Der Multitechnologie-Konzern 3M in Neuss beispielsweise entwickelt individuelle Lösungen, die auf Produkt und Prozesse im Herstellungsunternehmen zugeschnitten sind.

„Damit eine Sicherheitslösung überhaupt funktioniert, muss klar sein, wer die Echtheit der Produkte überprüfen soll: Endverbraucher oder nur speziell befähigte Fachleute“, erklärt Jörg Biermann, Markenschutzexperte bei 3M.

„Wichtig ist auch, wo ein Siegel oder Label platziert und wie es konzipiert wird“, ergänzt Biermann. In Westeuropa werden Arzneimittel beispielsweise nur in fertigen Packungen gehandelt. In anderen Ländern hingegen werden auch einzelne Blister verkauft.

Eine Universallösung gibt es nicht. Für den Diebstahlschutz hat 3M ein übertragungssicheres Label und ein Sicherheitssiegel entwickelt. Beide zerstören sich selbst, wenn sich jemand an der Verpackung zu schaffen macht.

Markenprodukt und Fälschung sind oft auch für Fachleute schwer zu unterscheiden. Spezielle Sicherheitslabel können aber das Original eindeutig kennzeichnen. So können Produktdetektive die Echtheit überprüfen.

„Den sichersten Schutz“, so Biermann, „aber bietet das Confirm Label.“ Auf den ersten Blick erscheint es wie ein normales Etikett, doch unter einer konzentrierten Lichtquelle wird die versteckte retroreflektierende Kennzeichnung sichtbar. Spezielle Folien mit Farbkippeffekt, ähnlich den Wackelbildern für Kinder, oder Hologramme erschweren den Fälschern und Produktpiraten das Handwerk.

Auch mit RFID-Technologie wollen die Hersteller gegen Fälschungen vorgehen. RFID (Radio Frequency Identification) ermöglicht den kontaktlosen Austausch von Informationen mittels Radiowellen. Mit so genannten RFID-Etiketten lässt sich die Echtheit der Produkte an jeder Stelle der Lieferkette überprüfen.

Ziel der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA ist es, dass ein Großteil der pharmazeutischen Hersteller bis zum Jahr 2007 ihre in den USA vertriebenen Produkte mit RFID-Sicherheitstechnologie ausgestattet hat. Hersteller wie Pfizer, GlaxoSmithKline und Purdue Pharma haben mit RFID-Pilotprojekten bereits begonnen.

In Kooperation mit Texas Instruments und dem Software-Entwickler VeriSign entwickelt auch 3M jetzt eine Systemlösung zur RFID-basierten Sicherung von Produkten gegen Fälschungen. Erste Pilotprojekte für die Arzneimittelbranche laufen derzeit in den USA. BETTINA RECKTER

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