Gesundheit

Mehr Prävention nötig

Die Zahl der Arbeitsunfälle ist im vergangenen Jahr weiter zurückgegangen. Experten glauben aber, daß in Zukunft ein weiterer Rückgang nicht mehr durch Sicherheitstechnik allein, sondern vor allem durch richtiges Verhalten der Mitarbeiter möglich wird.

Die Bauwirtschaft und der Bergbau sind die Sorgenkinder der Berufsgenossenschaften. In diesen Sektoren ereignen sich nach wie vor die meisten Unfälle. Zwar sind die Personenschäden etwa im Baubereich 1998 mit 7,6 % am stärksten aller Branchen zurückgegangen, gleichwohl rangiert der Bau weiterhin mit Abstand vor den anderen Berufsgruppen in der Unfallhäufigkeit. Wilfried Coenen, Leiter des Geschäftsbereichs Prävention des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften, Sankt Augustin, führt das auf die zunehmende Beschäftigung von schlecht ausgebildeten Hilfskräften zurück und auf die hohe Fluktuation des Personals auf den Baustellen.
Insgesamt konnten die Berufsgenossenschaften für das abgelaufene Jahr jedoch erfreuliche Daten vorlegen: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik wurden weniger als 1000 tödliche Arbeitsunfälle registriert (siehe Grafik). Die Zahl verringerte sich damit um 3,3 % auf 971. 1997 waren es noch 1004, und 1970 verloren gar 2700 Menschen ihr Leben bei der Ausübung ihres Berufes. Die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle (Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen) ging 1998 ebenfalls leicht um 1,2 % auf 1,2 Mio. zurück. Vor allem die Zahl der schweren Arbeits- und Wegeunfälle, die zu neuen Rentenzahlungen führten, verringerte sich um 10 % auf knapp 33 000. „Die Prävention“, so Walter Eichendorf, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes, stolz, „hat sich in sinkenden Unfallzahlen ausgewirkt.“
Die Hoffnung auf weiter drastisch fallende Zahlen dämpfte der Verband jedoch. In den vergangenen Jahren hätten die Unfallzahlen durch eine bessere Ausstattung des Arbeitsplatzes verringert werden können. Das Potential an Sicherheitstechnik sei aber jetzt ausgeschöpft. Nur mit einem großen Aufwand seien Maschinen, Installationen und die Gebäude noch etwas sicherer zu machen. Jetzt käme es darauf an, das Verhalten der Arbeiter und Angestellten sowie das ihrer Chefs zu beeinflussen. „Die Unternehmer“, so Wilfried Coenen, „müssen motiviert und überzeugt werden, daß die Arbeitssicherheit ein wichtiger Bereich ihrer Verantwortung ist.“ Und es gehe darum, das Verhalten der Mitarbeiter zu beeinflussen, sie für die Gefahren zu sensibilisieren.
Der Schwerpunkt in der Arbeit der Berufsgenossenschaften hat sich also verändert: War Arbeitsschutz früher eine Frage der Technik, und waren fehlende Arbeitsschutztechniken mit gesetzlichen Vorgaben zu regeln, so geht es jetzt um Verhaltensänderungen, die nicht „von oben herab“ vorzuschreiben sind. Die Berufsgenossenschaften, betonte Coenen mehrmals, würden sich deshalb mehr und mehr hin zu einer Beratungsinstitution entwickeln. Hier sieht er auch eine große Aufgabe, zumal die Sensibilität für die Notwendigkeit des Arbeitsschutzes und der Gefahrenabwehr noch nicht in allen Unternehmen den hohen Stellenwert einnimmt, der diesen Fragen eigentlich zukäme. Der Verband beklagte vor allem die drastischen Unterschiede zwischen Klein- und Großbetrieben.
Diese Einschätzung stützt auch eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft zum Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz. Dazu wurden 11 800 repräsentativ ausgesuchte Unternehmen angeschrieben. Ausgewertet wurden rund 1000 Fragebogen. Die antwortenden Unternehmen waren zu drei Vierteln den kleineren und mittleren Unternehmen zuzurechnen. Danach können es sich rund zwei Drittel der Unternehmen nicht vorstellen, Präventionsdienstleistungen von außerbetrieblichen Stellen zu beziehen. In Kleinbetrieben findet Arbeitsschutz jenseits gesetzlicher Bestimmungen weitgehend noch gar nicht statt. Daß sich ein derartiges Engagement auch in einer Kostenentlastung niederschlagen kann, und somit attraktiv ist für die Unternehmen, zeigt die Entwicklung der Beiträge. Diese werden schließlich entscheidend durch die Kosten der Versicherungsfälle (Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten, Wegeunfälle) bestimmt.
Dafür empfehlen sich zur Zeit 23 Berufsgenossenschaften den Klein- und Mittelbetrieben mit einem sogenannten „Unternehmermodell“. Im Rahmen dieses Angebots werden Informations- und Motivationsmaßnahmen angeboten, die es dem Unternehmer ermöglichen sollen, wesentliche Bestandteile der erforderlichen Arbeitsschutzmaßnahmen im betrieblichen Alltag selbst zu erkennen und zu veranlassen. Dadurch verringert sich der Bedarf an einer zusätzlichen externen sicherheitstechnischen Beratung auf besondere Fälle. Bei positivem Verlauf dieser Maßnahme ist vorgesehen, auch für den Bereich der betriebsärztlichen Betreuung den Ausbau der Eigenverantwortung der Unternehmer zu stärken. STEPHAN LORZ
Kranke Mitarbeiter verursachen Kosten: Trotzdem findet vorbeugender Arbeitsschutz bisher fast ausschließlich in großen Unternehmen statt.
Tödliche Arbeitsunfälle rückläufig: In diesem Jahr waren es zum ersten Mal weniger als 1000.

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