Gesundheit

Medizin 2.0: Der Avatar im weißen Kittel  

Web-2.0-Technologien erlauben Gesundheitsvorsorge außerhalb des Wartezimmers. In virtuellen Kliniken und Praxen studieren Spezialisten digitale Krankenakten, schreiben Rezepte oder Überweisungen und teilen Befunde mit. Vorreiter ist Großbritannien, das mit Polikliniken und niedergelassenen Ärzten unterversorgt ist.

Lange Anfahrten, überfüllte Wartezimmer und gestresste Ärzte gehören bei „Second Health“ der Vergangenheit an. Das künstliche Krankenhaus, integriert in die virtuelle 3-D-Welt von Second Life, bildet eine voll ausgestattete Poliklinik in London nach.

Britische Patienten können sich dorthin „begeben“, um einen virtuellen Arzt aufzusuchen. Die Mediziner reden mit den Patienten, gucken ihre digitalen Röntgen- und Ultraschallbilder an, stellen einen Befund aus und schreiben Rezepte oder Überweisungen. In brenzligen Fällen wird sogar ein Krankenpfleger losgeschickt, der aus der virtuellen in die reale Welt wechselt und bei den Kranken nach dem Rechten sehen.

Der Hintergrund: Großbritannien ist mit Polikliniken unterversorgt und auch die Zahl der niedergelassenen Ärzte vor allem in Ballungsräumen ist vergleichsweise gering. So kamen das britische National Physical Laboratory und das Imperial College in London auf die Idee, den Arztbesuch zu virtualisieren. Momentan ist „Second Health“ noch ein Modellversuch. Doch das „Krankenhaus von morgen“ könnte ganz ähnlich aussehen: klinisch sauber, effizient und virtuell.

Zunehmend macht die Medizin von Web-2.0-Technologien Gebrauch: Das Gesundheitssystem wird virtuell. Wissenschaftler, Mediziner und interessierte Laien tauschen sich bei „Scienceblogs“ über neueste Forschungsergebnisse aus und diskutieren aktuelle Themen aus Genforschung, Chirurgie und Medizin. Die amerikanische Krankenversicherung CIGNA bietet im Projekt „Get“ virtuelle Präventionsarbeit und Gesundheitsseminare speziell für ihre technikaffinen Mitglieder an. An der Ohio State University ist eine virtuelle „Tour durch den Testis“ entstanden, die sich an Medizinstudenten in der Ausbildung richtet und ebenfalls Bestandteil von Second Life ist.

Eine richtige Videokonferenz mit ihrem Arzt können Patienten bei HealthPresence führen, einem von Cisco Systems zu Jahresbeginn in England vorgestellten System der Telemedizin. Die Ausrüstung besteht aus einem Videokonferenzsystem und Geräten zum Messen von Blutdruck, Temperatur, Pulsschlag sowie Gewicht und Lungenfunktion. Der Arzt leitet die Patienten per Kamera und Bildschirm an, die Messungen selbsttätig durchzuführen, und erstellt anhand der Daten eine Diagnose. Die deutsche Plattform Doctr.com hat etwas ganz Ähnliches vor. Das Medizinportal will Wartezeiten verkürzen und Ärzte entlasten, indem der Dialog zischen Doktor und Patient im Internet stattfindet. Solchen „Online-Sprechstunden“ sind hierzulande allerdings gesetzliche Grenzen gesetzt. Erst nach vorherigem Patientenkontakt darf eine sogenannte „Fernbehandlung“ vorgenommen werden. Online muss es beim ergänzenden Beratungsgespräch bleiben.

Welche Erwartungen sich mit der Telemedizin verbinden, zeigen zwei vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie geförderte Projekte. „Partnership for the Heart“ ist ein mobiler Gesundheitsdienst, bei dem Vitalparameter von herzkranken Patienten gemessen und an ein Mobilfunkgerät übertragen werden. Dieses sendet die Daten an ein telemedizinisches Zentrum, wo Ärzte im Ernstfall schnell einschreiten können.

Bei „InPRIMO“, einem Konsortium, an dem sich Vodafone, das Fraunhofer Institut und Motorola beteiligen, wird das Handy zum Terminal für persönliche Gesundheitsdienste. Beispielsweise können jugendliche Asthmatiker ihre Lungenfunktion überprüfen lassen und stehen in einem ständigen elektronischen Kontakt mit ihrer Patientenakte auf der Plattform „mhealth“. Beide Projekte dienen vornehmlich dazu, die Zahl der Arztbesuche „auf Verdacht“ zu reduzieren. In den Leistungskatalog der Krankenkassen sind sie aber noch nicht aufgenommen worden. Dazu muss erst der medizinische Nutzen nachgewiesen werden – ein aufwändiges Verfahren. Nicht zuletzt spielt hier auch die Zufriedenheit der Patienten eine Rolle und ihre Akzeptanz der Technologie.

Dass Telemedizin und Web 2.0 zukünftig jedoch eine immer größere Rolle im Gesundheitswesen spielen werden, steht schon aus Kostengründen außer Frage. Viele Menschen, die einen Arzt oder Facharzt suchen, schauen bereits jetzt ins Internet, wo sie auf Empfehlungsseiten wie Docinsiders.de fündig werden. Dort brauchen nur die Postleitzahl und die gesuchte Fachrichtung in eine Suchmaske eingegeben werden und schon erscheint eine Liste mit niedergelassenen Doktoren in der Nähe. Bei Docinsiders.de können Patienten ihre Ärzte auch beurteilen und kommentieren – ein in der Ärzteschaft umstrittenes Verfahren. Diese Art von öffentlichem Wettbewerb sind Mediziner nicht gewöhnt. HELMUTH MERSCHMANN

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