Sicherheit 19.12.2003, 18:28 Uhr

Letzte Runde im Ringen um Polizeifunk

Moderne Funktechnik zur Fußball-WM 2006 gehört dazu. Doch weder das System noch Betreibermodelle stehen fest. Grund genug für den Bundeskanzler gestern gegenüber den verantwortlichen Ministerpräsidenten der Länder, die schnelle bundesweite Einführung zu fordern.

Der Zeitdruck wird größer, der Aufbau eines bundesweit einheitlichen digitalen Funknetzes für die Behörden für Ordnung und Sicherheit (BOS) immer schwieriger. Die zuständigen Landesinnenminister konnten sich bisher weder auf eine gemeinsame Finanzierung noch ein Betreibermodell einigen. Länder wie Nordrhein-Westfalen und Hamburg wollen nun nach Auskunft von Industrievertretern vorpreschen und eigene Netze bauen – ohne den Konsens auf Bundesebene.
Die Zahl der Bewerber um den Zuschlag für den Aufbau des neuen digitalen BOS-Funknetzes wächst immer noch. Unter anderem will jetzt auch die Lufthansa Systems „ihre Kompetenz zur Verfügung stellen“, erklärte Jörg Liebe, Integrationsfachmann von Lufthansa Systems. Nach dem erfolgreichen Aufbau eines eigenen Funknetzes für den Frankfurter Flughafen und die Lufthansa kann sich Liebe gut vorstellen, „gemeinsam mit Partnern wie Vodafone auch ein bundesweites Netz für professionelle Nutzer aufzubauen und zu betreiben“.
Vodafone hat sich indes Siemens zum Partner erwählt und will derzeit mit einem Praxistest in Würzburg der Fachwelt beweisen, dass auch eine GSM-Lösung den Anforderungen der BOS genügen würde. Wichtigstes Argument gegen die Konkurrenz sind die Kosten. „Mit einer bestehenden Infrastruktur können wir die BOS günstiger und schneller versorgen als Anbieter, die erst einmal eine Infrastruktur aufbauen müssen“, so Harald Holzer, verantwortlich für das BOS-Geschäft.
Ob Gruppenruf oder „Push to talk“ – Vodafone scheut den Vergleich mit der Konkurrenz nicht. Die geforderte Verfügbarkeit des Netzes in Krisensituationen wollen die Düsseldorfer über mobile Basisstationen erreichen. „Die passen inzwischen sogar in einen Kleinbus“, erklärt Holzer. Damit können gegebenenfalls auch Kapazitäten in ländlichen Umgebungen aufgestockt werden. Eine Überlastung des Netzes auf Kosten der privaten Nutzer sei so gut wie ausgeschlossen.
So ganz auf die Kompetenz aus dem Lager der Anbieter von Tetra (Terrestrial Trunked Radio), eine eigens für den BOS entwickelte Funktechnologie, kann Vodafone jedoch nicht verzichten. Innerhalb von Gebäuden z. B. sollen so genannte Dual-Mode-Geräte sowohl im GSM- als auch Tetra-Standard funken.
Mit Siemens hat Vodafone einen Partner, der über das gesamte Spektrum an Profifunk-Techniken verfügt: Als GSM-Ausrüster ist Siemens schon seit langem Vodafone-Partner. Andere Erfahrungen sammeln die Münchener im benachbarten Ausland.
In der Schweiz beteiligt sich Siemens seit Jahren an einem Projekt für die Grenzpolizei, das den Tetrapol-Standard erprobt. Dieses System wurde von Matra entwickelt und wird u. a. für die Funkausrüstung der französischen Polizei genutzt. Inzwischen ist der Geschäftsbereich Profifunk an den Rüstungskonzern EADS übergegangen.
Und der nimmt für sich in Anspruch die größten praktischen Erfahrungen für den Aufbau, die Organisation und den Betrieb eines Funknetzes der BOS mitzubringen. Zumal Tetrapol nicht nur bei unserem westlichen Nachbarn, sondern auch in den Staaten des ehemaligen Ostblocks wie Tschechien und Ungarn eingesetzt wird.
In Wien befindet sich das Tetra-Kompetenzzentrum von Siemens. Mit dem Projekt Adonis-Austrian Digital Operating Network for Integrated Services, einem Auftrag des österreichischen Innenministeriums, sollte die Tauglichkeit von Tetra praktisch unter Beweis gestellt werden. Den Zuschlag für den Aufbau und Betrieb des digitalen Bündelfunknetzes für die österreichischen Blaulicht-Organisationen erhielt der Wiener Betreiber Mater-Talk.
Noch Ende 2002 wurde dem Projekt der Oscar der weltweiten Tetra-Famile verliehen, doch bereits wenige Wochen später gab es Probleme mit der Finanzierung. Im Juni wurde der Vertrag gekündigt. Das Projekt soll jetzt neu ausgeschrieben werden.
Ein Scheitern wollen hierzulande die Innenminister der Länder, die seit mehreren Jahren über ein Betreibermodell für ein Profifunknetz nachdenken, auf jeden Fall verhindern.
Diese Gründlichkeit hat ihren Preis: So hat der Verband der professionellen Mobilfunknutzer vor einigen Wochen erklärt, dass der von Innenminister Otto Schily vorgegebene Zeitrahmen für den Aufbau eines neuen BOS-Netzes nicht mehr einzuhalten ist. „Zur Fußballweltmeisterschaft in 2006 werden bestenfalls nur die Großstädte der Austragungsstätten der WM mit digitalem Funk versorgt werden können“, erklären Fachleute wie Peter Damerau von Motorola.
Der US-Anbieter von Tetra-Technik hat bereits in einem Feldversuch rund um Aachen praktische Erfahrungen gesammelt. Im Gegensatz zu den Praxistests von Vodafone waren in Aachen Vertreter der BOS wie die Polizei beteiligt. Sie haben die Technologie im Alltag erprobt und sogar grenzüberschreitend mit den Kollegen in Belgien und den Niederlanden genutzt.
Mit dem neuen Partner T-Systems gibt Motorola den verantwortlichen Ministern noch eine Chance, beim Aufbau der Funknetze doch noch Zeit aufzuholen: „Schon bei einer ersten Funknetzplanung ist klar geworden, dass über die Schwestergesellschaft T-Mobile genügend Standort verfügbar ist“, erklärte Damerau. Die Tetra-Infrastruktur müsse lediglich aufgerüstet werden. Als Standorte für die Technik könnten die Einrichtungen des alten C-Netzes dienen, die auch die notwendige Sicherheit bieten. Weiterer Vorteil: Der Anschluss an das Netz der Deutschen Telekom, die als Carrier die per Tetra-Funk eingehenden Datenströme weiterleiten könnte, sei vorhanden.
Die rasche Einführung des digitalen Polizeifunks in Deutschland scheitert jedoch offenbar weiterhin am Geld. Über die Kostenverteilung sei bisher keine Einigung erzielt worden, erklärte der deutsche Innenminister Otto Schily nach einem Treffen mit dem amtierenden Vorsitzenden der Innenministerkonferenz, dem thüringischen Ressortchef Andreas Trautvetter. Allerdings, so argumentiert die Industrie, könnten die Kosten auch nach der Ausschreibung realistisch kalkuliert werden.
DORO WENDELN-MÜNCHOW

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