Gesundheit 21.09.2001, 17:31 Uhr

Kurzschlaf macht leistungsfähig

Katastrophen sind nicht selten die Folgen müdigkeitsbedingter Fehler. Der Mittagsschlaf am Arbeitsplatz setzt sich deshalb nicht nur in den USA immer mehr durch. Hierzulande wird nicht gern über das Thema diskutiert. Dabei führt der Kurzschlaf nachweislich zu mehr Sicherheit und erhöhter Produktivität.

Was in deutschen Firmen noch weitgehend als spinnerte Groteske abgetan wird, gilt in vielen namhaften US-Unternehmen schon lange als erfolgreiches Instrument für mehr Effizienz an Schreibtisch und Werkbank: das mittägliche Nickerchen am Arbeitsplatz, der so genannte „Power nap“.

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Schwer zu glauben, aber wahr. Denn was für skeptische Arbeitnehmerohren in Deutschland einen Tick zu exotisch klingt, was sensibles Unternehmerblut vor Grusel mitunter schockfrostet, hat tatsächlich ein wissenschaftliches Fundament. „Der Mittagsschlaf ist Teil unseres biologischen Programms und daher sehr zu empfehlen“, unterstützt etwa Professor Jürgen Zulley, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung, die Erkenntnisse seiner Kollegen aus Übersee. Der Experte weiter: „Das menschliche Leistungsvermögen unterliegt im Laufe eines Tages mehreren natürlichen Ups and Downs. Zeit für diese biorhythmischen Tiefpunkte ist zumeist zwischen drei und vier Uhr morgens sowie am Mittag gegen 13 Uhr. Während dieser Spannen geht die Müdigkeit mit maximaler Schlafbereitschaft einher.“ Und vor allem den unvermeidlichen Leistungsknick während der Arbeitszeit gilt es sinnvoll auszugleichen. Allerdings sollten notorische Faulpelze und chronische Schlafmützen nicht zu früh in den mentalen Pyjama schlüpfen. Denn die Rede ist von „kurzen Nickerchen“, nicht von ausdauernden Tiefschläfen. Forscher Zulley präzisiert: „Als ideal und leistungsfördernd gelten 20 bis 30 Minuten Schlaf, mehr nicht.“

Die kurze Auszeit am Mittag wirkt jener Müdigkeit in Büro, Werkstatt oder Labor entgegen, von der mehr als die Hälfte aller Berufstätigen heute betroffen ist. Kein Wunder übrigens: In den letzten 100 Jahren sank die Schlafdauer um knapp 20 %. Noch zur Kaiserzeit ruhten die Deutschen durchschnittlich neun Stunden. Mittlerweile gönnen sie sich durchschnittlich nur noch sieben Stunden Schlaf. Dieser Rückgang hat negative Auswirkungen auf das allgemeine Wohlbefinden und das berufliche Leistungspotenzial: chronische Schlafstörungen, merkliche Konzentrationsschwächen und Stimmungsverschlechterung sind die Folge.

Ein anderer wichtiger Aspekt: Das entspannte Nickerchen hilft auf elegante Weise, Fehlerquoten und verhaltensbedingte Unfälle während der Arbeitszeit deutlich zu reduzieren. Und spätestens an dieser Stelle sollten auch Unternehmer hellhörig werden: Eine aktuelle Studie des New Yorker Wirtschaftsanalysten Martin Moore-Ede beziffert die Kosten der allein durch Übermüdung verursachten Unfälle auf jährlich etwa 95 Mrd. Dollar. Noch höher liegen die Gesamtkosten für Produktionsverluste: 1999 bei rund 267 Mrd. Dollar allein in den USA. Nicht eingerechnet Reklamationsansprüche aufgrund qualitativ minderwertig gefertigter Produkte.

Genau aus diesem Grund ist es den Befürwortern des Kurzschlafs auch völlig schleierhaft, warum das Thema im deutschen Arbeitsalltag bisher kaum eine Rolle spielt. Nicht wenige Verkehrsunfälle sind darauf zurückzuführen, dass Fahrer erschöpft am Steuer einschlafen. Übermüdete Piloten, Ärzte und Techniker sind keine Seltenheit – aus Schlafmangel resultierende Fehler können jedoch zu schlimmen Katastrophen führen. „Das Thema braucht mehr Aufmerksamkeit. Es ist relevant für Krankenkassen, Unfallversicherer, Unternehmen, Gewerkschaften und Arbeitnehmer“, unterstreicht Professor Zulley die oft gering geschätzte Bedeutung des „strategischen Kurzschlafs“.

Doch trotz aller warmen Worte: Das mittägliche Nickerchen findet hier zu Lande bisher nur wenig Akzeptanz. Der zuständigen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAA) ist keine deutsche Firma bekannt, die ihren Mitarbeitern ein systematisches Schläferstündchen ans Herz legt. Allerdings gebe es immerhin die Möglichkeit zur individuellen Pausengestaltung. CHRISTOF SCHÖSSLER

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