Im Katastrophenfall wird es schnell klar

Künstlicher Saft des Lebens

Sind nicht genügend Blutkonserven vorhanden, stehen Menschenleben auf dem Spiel. Künstliches Blut, das unbegrenzt verfügbar ist, könnte die Probleme lösen. Weltweit suchen Forscher nach Blutersatzstoffen.

Das Deutsche Rote Kreuz schlägt Alarm: Blutkonserven seien bedrohlich knapp geworden. In einigen Fällen mußten Operationen bereits aufgeschoben werden, damit akute Unfallopfer mit Blut versorgt werden konnten. Der Grund für die Notlage ist fast banal: Im Sommer sind einfach zu viele Blutspender im Urlaub. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn in den Industriestaaten sinkt die Zahl der Spender stetig – auf 3 % bis 5 % der Bevölkerung. Verschärft wird die Lage noch durch Einschränkungen, wie sie etwa die Gesundheitsbehörden in den USA jüngst aus Furcht vor der Übertragung von BSE angeordnet haben.
Der Bedarf an Blutkonserven übersteigt die verfügbaren Reserven bereits um 17 %, Tendenz steigend. Deshalb suchen Forscher nach Blutersatzmitteln. Sie sollen im Notfall den Transport von Sauerstoff im Körper übernehmen – so wie sonst der natürliche Farbstoff Hämoglobin in den roten Blutkörperchen. Mittlerweile sind einige Substanzen bekannt, die diese Eigenschaft recht gut imitieren können. Flüssige Perfluorkohlenstoffe (PFC), die mit Teflon verwandt sind, gehören dazu.
Daß die Verbindungen PFC durchaus das Zeug zum Hämoglobin-Ersatz hätten, wurde in den 60er Jahren in den USA entdeckt. In einem spektakulären Experiment demonstrierte Leland Clark von der University of Alabama in Tuscaloosa, daß eine vollständig in PFC eingetauchte Maus deshalb nicht erstickte, weil die mit Sauerstoff angereicherte Flüssigkeit ihre Lungen ausreichend mit Atemgas versorgte.
PFC sind von Natur aus chemisch träge und schwer löslich, können aber durch Zugabe eines Emulgators in feinste Tröpfchen verteilt werden. Dadurch ahmen sie die Funktionsweise der roten Blutkörperchen nach. Der Kniff bewirkt, daß Sauerstofftransport und -abgabe sogar noch schneller ablaufen als bei natürlichem Blut. Das macht PFC nicht nur als Blutersatz interessant sie sind auch als leistungssteigernde Mittel für Spitzensportler im Gespräch. PFC sind zudem großtechnisch herstellbar. Mehrere Varianten befinden sich bereits in der klinischen Erprobung.
Ein anderer Ansatz versucht, Hämoglobin möglichst authentisch nachzubauen. Aus Tierversuchen weiß man, daß ihm ohne seine Vehikel, die roten Blutkörperchen, kein langes Leben beschieden ist: Nacktes Hämoglobin zerfällt sehr rasch. Durch die Anlagerung von Polyethylenglykol läßt sich der unerwünschte Effekt verhindern.
Derweil mangelt es nicht an Versuchen, Kunstblut gentechnisch herzustellen. Vor zwei Jahren erzielte ein französisches Forscherteam der Klinik in Le Kremlin-Bicêtre und der Universität in Aubière einen Teilerfolg. Dort gelang mit Hilfe transgener Tabakpflanzen die Produktion zweier wichtiger Eiweißkomponenten des Hämoglobinmoleküls. Allerdings fehlt noch der den Sauerstofftransport steuernde, eisenhaltige Zentralkomplex des Blutfarbstoffs.
Teile des menschlichen Blutfarbstoffs lassen sich auch mit Hilfe gentechnisch veränderter Coli-Bakterien gewinnen. Doch gelang es noch nicht, ein voll funktionsfähiges Hämoglobinmolekül zu erzeugen. Forschergruppen in Europa, Japan und den USA wollen noch einen Schritt weitergehen. Sie wollen mikroskopisch kleinen Lipidkügelchen möglichst viele Funktionen der roten Blutkörperchen übertragen. Diese könnten dann neben synthetischem Hämoglobin auch andere für den Gasaustausch im Blut wichtige Eiweißstoffe transportieren und so wesentliche Eigenschaften von Blut lebensecht nachahmen.
SILVIA VON DER WEIDEN
Ob Zugunglück, Flugzeugabsturz oder Erdbeben: Im Katastrophenfall mangelt es schnell an lebensrettenden Blutkonserven. Die Forschung sucht deshalb mit Hochdruck nach künstlichem Ersatz.

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