Sicherheit

Krieg den Chemiewaffen

Hasso von Blücher hat sich mit seiner Filtertechnologie an die Spitze des Weltmarktes gesetzt.

Chemische Kampfstoffe, wie Nerven- oder Kontaktgas, gelangen nicht nur über die Atemwege in den menschlichen Körper, sondern auch durch die Poren der Haut. Deshalb reicht eine Gasmaske nicht aus – der ganze Körper benötigt Schutz. Im Kriegsfall muss ein Soldat aber handlungsfähig bleiben. Schutzanzüge müssen beides leisten: den Soldaten schützen und seine Einsatzfähigkeit garantieren.
Die Blücher GmbH aus Erkrath bei Düsseldorf mit ihrem Geschäftsführer Hasso von Blücher hat genau das zum Ziel: In einem klassischen Schutzanzug mit Maske, so Hasso von Blücher, „verliert ein Soldat rund 70 % seiner Bewegungsfähigkeit. Unser Ziel ist es, diese Einschränkung auf 20 % zu drücken.“
Unter dem Markennamen Saratoga vertreibt von Blücher seit gut 15 Jahren Schutzanzüge gegen biologische und chemische Waffen. Die Saratoga-Anzüge setzen sich aus zwei Schichten zusammen: zum einen dem strapazierfähigen Außenstoff, zum andern der „Gas schluckenden“ Filterschicht. Die Außenhaut kann aus einem Nylon-Baumwollgemisch bestehen. Ihre Aufgabe ist es vor allem, flüssige Kampfstoffe in einen gasförmigen Zustand umzuwandeln, bevor diese die innenliegende Filterschicht erreichen. „Diese adsorptive Schicht“, erklärt von Blücher, „muss genügend Kapazität haben, um das Gas aufzunehmen.“
Diese innenliegende Filterschicht ist die innovative Leistung der Blücher GmbH: Sie besteht aus einem Verbundstoff mit stark adsorbierender Aktivkohle. Der Stoff fühlt sich an wie ein dickerer Kleiderstoff. Erst unter dem Mikroskop entdeckt man die winzigen Kügelchen, die dicht an dicht auf dem Stoff aufgebracht sind. „Wir haben perfekt runde Kugeln von gut einem halben Millimeter Durchmesser“, so der 61-jährige Unternehmer. Sie sind extrem hart und sehr widerstandsfähig. Ein Gramm dieser Kugeln, gut ein Teelöffel voll, hat eine innere Oberfläche von 1500 Quadratmetern. Blücher vergleicht das Prinzip mit zusammengeknülltem Seidenpapier. Die Giftgasmoleküle werden durch das Oberflächensystem von Spalten und Poren adsorbiert. Bis zu 45 Tagen kann so ein Schutzanzug im Kampfeinsatz ununterbrochen getragen werden.
Die Kohlekügelchen hat Blücher in einer japanischen Raffinerie entdeckt und verbessert. Blüchers Fabrikationsgeheimnis ist die Art, wie die Kugeln auf ihrem Trägermaterial fixiert sind. Jede steht auf einem kleinen Sockel. So stehen über 70 % der Kugeloberfläche frei im Gasstrom. „Zudem haben wir eine einmalig homogene Verteilung der Kügelchen auf dem Trägermaterial erreicht“, so von Blücher.
Gut 5,5 Mio. Anzüge seiner Marke Saratoga hat von Blücher seit Anfang der 80er Jahre an Armeen in 21 Ländern geliefert – davon 3 Mio. allein in die USA. Dazu kommt der Verkauf an zivile Einrichtungen in 35 Ländern, darunter das Technische Hilfswerk in Deutschland, der Katastrophenschutz in den USA und das Internationale Rote Kreuz. Insgesamt wird jeder fünfte Blücher-Anzug zu nichtmilitärischen Zwecken eingesetzt. Von Blücher beherrscht 70 % des Weltmarktes.
Von Blüchers Technologie ist nicht die einzige, die für Schutzanzüge eingesetzt wird. „Es gibt vier konkurrierende Techniken“, sagt er. Zwei würden für diesen Zweck taugen: Die erste sei seine eigene, die zweite ein gewebtes Material, das carbonisiert werde: Alle Bestandteile bis auf den Kohlenstoff werden durch Schwelung ausgetrieben. Übrig bleibt ein schwarzes Kohlenstofftextil, das als Gewebe aktiviert wird, um seine innere Oberfläche zu vergrößern. Doch das Problem sei, dass die Stoffe aus technischen Gründen nur einen Meter breit seien. Die Herstellung der Anzüge dauere sehr lange, ihre „Belastbarkeit sei auch nicht sehr groß.“
Die anderen beiden Techniken hält der Düsseldorfer für weniger tauglich. Zum einen gebe es dünne, offenzellige Schäume, die mit einem Trikotstoff verstärkt würden. „Die innere Oberfläche der Zellen wird mit einer Mischung aus Aktivkohlepuder und Binder imprägniert.“ Die Variante dazu sei der Einsatz von Vlies, das ebenfalls mit der Mischung überzogen wird.
Laut von Blücher dauert es jedoch Stunden, bis die Giftmoleküle durch die Binderschicht zur Aktivkohle gelangen. Wenn in dieser Phase ein Temperatursprung von nur zehn Grad erfolgt, desorbiert das Material. Kommt der Träger des Anzugs etwa aus der Morgenkälte der Wüste in die Vormittagssonne und nimmt die Gasmaske ab, atmet er das desorbierende Gift ein.
Seiner Kenntnis nach werden jedoch französische und britische Soldaten bis heute mit Schutzanzügen dieser Art ausgestattet.
Der Unternehmer Hasso von Blücher hat es sich nach eigener Aussage zum Lebensziel gemacht, Menschen vor Giftgasen zu schützen. Chemische Waffen hält er militärisch sowieso für überholt. „Ein Massenvernichtungsmittel sind sie nur in der Hand von Terroristen. Eine Ampulle Nervengas in die zentrale Ansaugung einer Klimaanlage geworfen, kann alle Menschen in einem Bürohaus auf einen Schlag töten.“ Auch die militärisch verwendete chemische Giftgasgranate wirke nur punktuell, zudem könne man sich gegen sie schützen. „Sie ist viel stärker eine psychologische Waffe.“
Und sie behindert natürlich den Soldaten, da dieser mit Schutzkleidung und Maske rund 70 % seiner Bewegungsfähigkeit einbüßte. Blüchers Anzug ist dabei noch das kleinste Problem: Er wiegt je nach Größe 1,4 kg bis 1,8 kg. Von Blücher hofft, dass er in den nächsten Jahren diese Einbußen auf 20 % reduzieren kann. „In Zukunft“, da ist er sich sicher, „werden diese Schutzanzüge von den Soldaten als ganz normale Kampfanzüge getragen.“
Die Blücher GmbH beschäftigt in ihrer Zentrale in Düsseldorf, einem kleinen Schloss des Stahlindustriellen Wilhelm Grillo, 40 Mitarbeiter, davon gut ein Dutzend in der Forschung und Entwicklung. Die Herstellung der Blücherschen Filterschicht findet an drei ausgelagerten Standorten in Deutschland statt, ebenso in den USA. Die Konfektion der Schutzanzüge überlässt man anderen Unternehmen.
Doch von Blücher setzt immer mehr auch auf ein ziviles Standbein – eine Tapete. Diese Filtertapete mit Aktivkohlekügelchen ist, so von Blücher, „die perfekte Lösung für Räume mit PCB-Belastung“. Die Telekom hat eine große Zahl ihrer Räume bereits damit saniert. „Doch die Gutachter sind gegen uns“, klagt der Unternehmer. Den Grund sieht er in ihren Honoraren, die steigen, je höher die Sanierungskosten sind. Und bei einer Tapete sind sie deutlich geringer. ANNETTE ZELLNER/moc

Von Annette Zellner/Wolfgang Mock

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