Sicherheit

„Keine Argumente, andere Länder an einem Atomkrieg zu hindern“

Trotz Abrüstungsvertrag treiben die USA die Atomwaffen- forschung voran. Knapp 6 Mrd. Dollar stellt die Regierung für das Projekt Manhattan II zur Verfügung.

Nukleare Explosionen haben gewaltige Ausmaße – auch wenn sie nur im Computer stattfinden. Drei Jahre haben der Astrophysiker Bob Rosner und sein Forscherteam an einer Software gebastelt, die atomare Explosionen im All simulieren kann. Schließlich fütterte Rosner einen der mächtigsten Computer der USA mit 1000 Gigabite Daten. Er wartete dann einige Tage, bis die Maschine zu Ende gerechnet hatte. Das Ergebnis: Die komplette Simulation einer thermonuklearen Explosion auf einem fernen Stern.
Finanziert wurde die Arbeit von der Atombehörde, ausgeführt in zwei militärischen Atomlabors in Kalifornien. Rosners Arbeit ist Teil des ambitionierten Projektes „Manhattan II“. Offiziell soll das Regierungsprogramm nur der Sicherung alter Atombomben dienen.
Doch der Name verrät mehr, als er will. Unter dem Deckmantel der sicheren Vorratshaltung treiben die USA die Entwicklung neuer Waffen voran. „Manhattan“ war auch der Deckname für das erste Atomwaffenprogramm der USA in den 40er Jahren. Damals kostete die Forschung 3,8 Mrd. Dollar pro Jahr. Heute gibt Bush knapp 6 Mrd. Dollar für „Manhattan II“ aus.
Geforscht wird an Nuklear- und Laserwaffen – für den Einsatz auf der Erde und im All.
Die so genannte X-1 Maschine z. B. soll Röntgenstrahlen und Hitze von mehr als 3 Mio. Kelvin produzieren, um Kapseln mit Deuterium und Tritium zur Kernschmelze zu bringen. In einem Militärlabor in Kalifornien entwickelt man den mächtigsten Laser der Welt. Richtet man alle seine Strahlen auf ein Ziel, werden in Sekundenbruchteilen 1,8 Mio. Joule Energie freigesetzt. Dabei entstehen Temperaturen von 100 Mio. Grad Celsius und ein Druck, der 100 Milliarden Mal höher ist als die Erdatmosphäre – Konditionen wie im Zentrum der Sonne.
Auch dieser Laser soll, auf Tritium/Deuterium Kapseln abgefeuert, eine Kernschmelze induzieren. Noch sind die Tests nur teils von Erfolg gekrönt, doch wenn es einmal klappt, könnten diese Zündungsmechanismen die Herstellung von Atomwaffen revolutionieren.
Auch auf Basis bekannter Technik werden Nuklearwaffen weiterentwickelt. Der Kongress hat die Wiederaufnahme eines Projektes erlaubt, das „Mini-Nukes“ erforschen soll, so genannte taktische Atombomben mit geringer Reichweite. Die Waffen sollen eine Sprengkraft von „nur“ fünf Kilotonnen haben. Der Zerstörungsradius der Explosion würde eine Meile betragen. Zum Vergleich: Die 13 Kilotonnen-Bombe von Hiroshima hatte einen Zerstörungsradius von „nur“ 1,5 Meilen.
Nach dem Terrorangriff des 11. September gelang ein Geheimpapier des Pentagon an die Öffentlichkeit, in dem der Einsatz solcher taktischen Atombomben durchgespielt wird. Die in dem Papier genannten möglichen Einsatzländer sind Afghanistan, Irak und andere Mächte aus der von Bush benannten „Achse des Bösen.“
Für die Herstellung der neuen Atomwaffe „Bunker Buster“ hat Bush dieses Jahr 15 Mio. Dollar bereitgestellt. Diese Bombe gräbt sich bis zu 30 Meter tief in die Erde ein, bevor sie explodiert. Sie wird eine Zerstörungskraft von 5 bis 10 Kilotonnen haben. Sie soll auf tief verborgene Ziele fallen, wie z. B. den Bunker von Saddam Hussein. Experten gehen davon aus, dass diese Waffe bei einem Krieg gegen den Irak mit Sicherheit zum Einsatz kommt.
Ängstliche Stimmen beruhigt die Armee mit dem Hinweis, dass eine unterirdische Detonation keine Strahlenschäden an der Oberfläche zur Folge hätte. „Solche Waffen sind gefährlich, weil sie den Einsatz von Atombomben normal erscheinen lassen“, kritisiert der Militärpolitikprofessor William Hartung. Die Hemmschwelle für atomaren Krieg werde herabgesetzt. „Andere Länder könnten das als Einladung begreifen, ihr eigenes Arsenal einzusetzen“, so Hartung. „Die USA hätten in Zukunft keine Argumente mehr, Länder wie Indien und Pakistan von einem nuklearen Krieg abzuhalten.“
Die Entwicklung neuer Atomwaffen widerspricht nur scheinbar dem kürzlich geschlossenen Abrüstungsvertrag zwischen Bush und Putin. Die USA werden ihre Sprengköpfe nicht vernichten, sondern nur einlagern. Außerdem ist der Vertrag mit einer Dreimonatsfrist jederzeit kündbar und gegenseitige Kontrollen sind noch nicht geregelt.
Erst kürzlich verkündete Präsident Bush, dass Amerika ein Recht auf den Erstschlag habe. „Der Krieg gegen den Terror wird nicht in der Defensive gewonnen,“ sagte er vor Kadetten der Militärakademie Westpoint. „Amerika wolle „kein Imperium ausbreiten“, nur Frieden und Freiheit verteidigen. STEFANIE WÄTJEN

  • Stefanie Wätjen

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