Sicherheit

„Inspektoren hätten eine Chance gehabt“

USA und Großbritannien brauchen Beweise, um ihre Kriegsabsicht zu rechtfertigen.

CIA-Kreise wollen es von irakischen Kriegsgefangengen erfahren haben: Sollten amerikanische und britische Militärs eine bestimmte Bannmeile um Bagdad überschreiten, droht Saddam Hussein mit dem Einsatz von Giftgas.
Erfahrungen mit chemischen Waffen jedenfalls hat das Regime aus Bagdad bereits gesammelt: Gegen die Kurden, aber auch im Krieg mit dem Iran wurden die Nervengifte Tabun, Sarin oder Cydohexylsarin, aber auch eine Senfgas-Variante eingesetzt. Die Amerikaner haben bereits im Vietnamkrieg die Herbiziden Agent Orange, Pink und Blue verwendet – und sie drohen im aktuellen Krieg mit dem Einsatz von CS-Gas, das nach internationaler Nomenklatur auch unter die Giftgase fällt.
Oliver Thränert, ABC-Waffenexperte bei der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik, betrachtet mit Argusaugen all das, was zurzeit im Irak passiert. Eine Chemiewaffenfabrik in An Najaf, wie sie die Amerikaner vor wenigen Tagen entdeckt haben wollen? „Ich kann mir vorstellen, dass Saddam Hussein da noch etwas in petto hat“, erklärt Thränert. Allerdings sei ein Elektrozaun nicht unbedingt ein Beweis für eine Chemiewaffenfabrik. „Da müssen wir sehr vorsichtig in der Bewertung sein.“
Krieg, das steht für den Wissenschaftler fest, ist immer eine schlimme Lösung – „wie es jetzt aussieht, schlimmer, als alle zunächst dachten“. Trotz all seiner Bedenken gegenüber dem irakischen Regime, das nie richtig mit den Inspektoren zusammengearbeitet hätte, vertraute auch Thränert den Inspektionen. „Mit einer entsprechenden militärischen Drohkulisse und einem einigen Sicherheitsrat hätten sie eine Chance gehabt.“
Doch die Inspektoren mussten nach den Berichten der Unmovic scheinbar genau in dem Moment den Irak verlassen, als sie ihre volle Arbeitskapazität erreicht hatten. Das Büro in Mosul war gerade Mitte Februar richtig funktionstüchtig. Pläne über ein eigenes Büro in Basra wurden entwickelt.
Zusätzliche Arbeit bereiteten die Informationen der US-Regierung, die von den Inspektoren überprüft werden mussten. Jorn Siljeholm, norwegischer Wissenschaftler, reagierte nach der Abreise aus Bagdad sichtlich entnervt: „Keiner der heißen Tipps konnte bestätigt werden“, erklärte er. „Ich kenne keinen einzigen kontaminierten Lkw, der sich hinterher nicht als harmloser Feuerwehr- oder Tankwagen entpuppte.“
Wie viele Details die Inspektoren zu berücksichtigen haben, zeigt allein ein Blick auf die Listen der biologischen Teams. Da wurde nach 32 verschiedenen hochpathogenen Bakterienarten, 52 Virenstämmen und Dutzenden von Pilzen gesucht – Krankheitserregern von Milzbrand und Typhus, Marburg- und Ebolaviren, aber auch Tierseuchen wie die Maul- und Klauenseuche. Für den Nachweis sind verschiedene Mess- und Analysemethoden nötig.
Noch einen Tag vor Kriegsbeginn präsentierte die Unmovic dem Sicherheitsrat ein 83-seitige To-do-Liste. Mit Arbeit für Monate, einen Zeitraum, den der oberste UN-Waffeninspekteur Hans Blix dem Sicherheitsrat schon am 7. März ins Stammbuch schrieb.
Doch nun sind es die US-Militärs, die mit Spezialeinheiten nach Massenvernichtungswaffen suchen. Ihren Angaben zufolge an 600 verdächtigen Orten, von denen nur 75 auf der Liste der UN-Waffeninspekteure standen.
Bislang jedoch hatten weder die USA noch Großbritannien eine glückliche Hand mit ihren Belegen für angebliche Massenvernichtungswaffen. Ein vermeintlicher Uranimport aus Niger entpuppte sich als ein von der nigeranischen Regierung gefälschtes Dokument. Ein britisches Dossier zur irakischen „Infrastruktur des Verbergens“ stammte aus einer alten Studie. Und Kaufverträge für Aluminiumröhrchen, die für die Anreicherung von Uran in Gaszentrifugen gedacht sein sollten, waren der UNO längst bekannt und wurden als harmlos eingestuft.
Die Lage ist verzwickt. Melden die US-Militärs die Entdeckung von Massenvernichtungswaffen, so werden Kritiker an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln. Zudem werden sie Amerikanern und Briten vorwerfen, der UNO Informationen vorenthalten zu haben. Findet sich nichts , ist der Kriegsgrund hinfällig.     REGINE BÖNSCH/S. W. EDER

  • Regine Bönsch

    Regine Bönsch

    Redakteur VDI nachrichten
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