Sicherheit

In Großbritannien ist es nur ganz knapp gut gegangen

In den Chefetagen der Fluggesellschaften und Flughäfen Europas wird derzeit darüber diskutiert, welche langfristigen Folgen die Ereignisse in London wohl für die Branche haben werden. Einzelne Fluggesellschaften sind pessimistisch und gehen davon aus, dass die Passagierverluste in den gehobenen Sitzplatzklassen kaum zu vermeiden sein werden. Andere denken weitaus aggressiver. Sie glauben, dem befürchteten Passagierschwund vor allem durch neue Sicherheitsprogramme begegnen zu können.

Alle fünf Londoner Flughäfen bieten ein geradezu gespenstisches Bild. Es wimmelt von schwer bewaffneten Polizisten – draußen, drinnen, wo immer Passagiere und Personal auch nur hintreten können. Wurden vor wenigen Wochen, während der Fußballweltmeisterschaft, ausschließlich nach Deutschland reisende junge Männer von den Beamten unter die Lupe genommen, so entgeht jetzt niemand mehr den prüfenden Blicken.

Selbst an den Personaleingängen ist die sonst eher ruhig-freundliche Sicherheitskontrolle durch ein ungewohnt hartes Vorgehen abgelöst worden. Schuhe ausziehen und durchleuchten lassen, die Person eingehend abtasten lassen – das sind nur wenige Neuerungen. Ausweise werden nach dem Scannen nicht einfach zurückgegeben. Vielmehr muss ihr Inhaber sich in eine Liste eintragen, Namen in Druckbuchstaben sowie als Unterschrift, Dienststelle und Ähnliches – während vom Kontrolleur genau überprüft wird, ob das alles mit den Angaben auf dem Ausweis übereinstimmt. In den Taschen der zu Überprüfenden darf sich ohnehin nichts befinden. Einige Mitarbeiter, die berufsbedingt immer wieder die Kontrollen passieren müssen, sind längst dazu übergegangen, ihre leeren Hosentaschen nach außen aus der Hose zu ziehen – damit schon von weitem sichtbar ist, dass sie nichts bei sich tragen.

Trotz allem – die Beschwerden der Passagiere und des Personals halten sich in ganz engen Grenzen. Die britischen Behörden hatten nach fast übereinstimmender Einschätzung allen Grund, in der vergangenen Woche hart zuzugreifen und fast den ganzen Luftverkehr von und nach den Britischen Inseln zeitweise stillzulegen. Beschränkungen vielfältiger Art dürfte es noch auf Wochen hinaus geben. Und wann der Flugverkehr über den Atlantik zu den Vereinigten Staaten wieder unbeeinträchtigt läuft, ist nicht abzusehen. Die amerikanischen Eingriffe gehen derzeit noch über die britischen Maßnahmen hinaus.

Der Grund für diese Maßnahmen ist auf beiden Seiten des Atlantiks der gleiche: Allem Anschein nach sollte die geplante Attentats-Welle am Mittwoch, 16. August, beginnen. Dabei war alles teuflisch ausgedacht. Die muslimischen Attentäter, die allesamt als britische Bürger über britische Pässe verfügten, wollten ihre Bomben in Einzelteilen im Handgepäck an Bord der Flugzeuge bringen. Niemand hätte dabei aus den einzelnen Teilen auf eine wirkungsvolle Bombe schließen können. Über dem Atlantik sollten Flugzeuge dreier amerikanischer Fluggesellschaften (American, Continental und United) auf dem Weg in die USA explodieren. Von der Wassertiefe her hätte es keinerlei Chance gegeben je herauszufinden, wie die Maschinen zum Absturz gebracht worden waren.

Wenn alles im Sinne der Attentäter funktioniert hätte, sollte sich das böse Spiel mit weiteren Flugzeugen wiederholen. Neun oder sogar zehn Abstürze waren geplant. So die derzeitigen Annahmen. Dass alles nicht so verlief wie geplant und vorbereitet, ist zum einen dem britischen Geheimdienst MI5 zu verdanken, der die 23 Attentäter, die bisher in Untersuchungshaft sitzen, schon seit nahezu einem Jahr beobachtete. Letztlich ausschlaggebend für das schnelle Zuschlagen war aber, dass der pakistanische Geheimdienst mehrere Muslime mit britischen Pässen festnahm, von denen dann bei der Vernehmung ausgeplaudert wurde, welches Datum für die Anschläge geplant war. Hinzu kam, dass ein mitgeschnittenes Telefongespräch aus Pakistan nach Großbritannien ergab, dass die Anschläge trotz der Verhaftungen wie geplant ablaufen sollten. Damit gab es dann für die britischen Behörden keinerlei Warten mehr. Vielmehr war höchste Eile geboten.

Was die Behörden ganz besonders beunruhigt ist die Tatsache, dass die Bomben aus Haushaltschemikalien wie Aceton und Wasserstoffperoxyd mit ganz einfachen Mitteln zu bauen waren und dies keinerlei Spezialkenntnisse voraussetzt. Zugleich waren nur kleine Mengen erforderlich. Als Untergrenze sind inzwischen 140 g verflüssigter Chemikalien genannt worden. Da zumindest die flüssigen Bestandteile mit den bisherigen Passagier-Handgepäck-Durchleuchtungsanlagen an den Flughäfen nicht herauszufinden sind, blieb nichts anderes als ein totales Handgepäckverbot übrig. Von den britischen Flughäfen wird allerdings erwartet, dass zumindest die modernsten Durchleuchtungsmaschinen schon in sechs Wochen über eine Software verfügen könnten, die es dann erlaubt, mehrere der gefährlichen Haushaltschemikalien auch dann zu orten, wenn sie in in irreführenden Verpackungen stecken. Zwar wurden die Terrorwarnstufen wieder gesenkt, in den USA Anfang der Woche von rot auf orange, in Großbritannien von „kritisch“ auf „ernst“, aber für Flüge von und nach und über Großbritannien sowie in die USA ist die Beobachtung der neuen Vorschriften für das Handgepäck unbedingt zu beachten.

Laut Lufthansa galt am Mittwoch für USA- und Großbritannien-Flüge, dass weder Gels, Cremes noch Flüssigkeiten im Handgepäck sein dürfen. Laptops. Kameras. Mobiltelefone und MP3-Player dürfen wieder als Handgepäck mit an Bord. Für Hinflüge nach Großbritannien gelten, so Lufthansa, die „normalen“ Bedingungen, bei Flügen aus oder über Großbritannien gelte – neben dem Creme- und Flüssigkeitsverbot, dass das „ein Stück Handgepäck“ nicht größer sein darf als 45 cm x 35 cm x 16 cm. Die erlaubte Handgepäckgröße betragt sonst 55 cm x 40 cm x 20 cm.

Verzögerungen bei der Abfertigung und weitere Unannehmlichkeiten könnten gerade dem für die Branche lukrativen Geschäftsreiseverkehr Abbruch tun. Für die Airlines bedenklich ist eine Geschäftsentwicklung, die schon bisher ansatzweise zu beobachten war: Mehr und mehr so genannte hoch tarifierte Fluggäste, also Business und First, könnten vom Linienverkehr abgehen und immer häufiger mit Business-Jets spezieller Anbieter fliegen. Firmenflugzeuge sind für die allermeisten Unternehmen viel zu teuer. Ein Abonnement bei einer Gesellschaft, die auf Anruf kleine Jets überall dort anbietet, wo der Kunde sie haben will, ist ungleich billiger und schon heute auf beiden Seiten des Atlantiks immer häufiger zu beobachten. Einzelne Fluggesellschaften sind pessimistisch und gehen davon aus, dass die Passagierverluste in den gehobenen Sitzplatzklassen kaum zu vermeiden sein werden.

Andere denken weitaus aggressiver. Sie glauben, dem befürchteten Passagierschwund vor allem durch neue Sicherheitsprogramme begegnen zu können. In den Niederlanden und in Frankreich gibt es schon neue Sicherheitsansätze. Notwendig wäre aber eine multinationale Lösung, bei der Passagiere, die von den Behörden eingehend überprüft worden sind, mit speziellen Ausweisen, die Fingerabdrücke und Iris-Daten enthalten, ganz schnell die Sicherheitskontrollen passieren könnten. Viele halten ein solches System für realisierbar die Kosten müssten ohnehin die jeweiligen Passagiere in Form der Gebühr für diese Ausweise tragen. Andere Luftfahrtmanager sind pessimistischer. Sie befürchten, dass es bald Länder geben könnte, die entsprechende Ausweise auch ohne genaue Überprüfung ausgeben – beispielsweise als Belohnung für Parteispenden. Ereigneten sich dann aber Anschläge, machte dies dem ganzen System schnell den Garaus.

Die Flughäfen schließlich hoffen auf die Weiterentwicklung der Geräte und Techniken zur bestmöglichen schnellen Kontrolle der Passagierströme. Dabei herrscht allerdings ausnahmslos Einigkeit darüber, dass der Mechanisierung und Automatisierung im Kampf gegen Terroristen Grenzen gesetzt sind. Bessere Täterprofile und eine noch eingehendere Schulung des Sicherheitspersonals im Umgang mit den Reisenden werden als unumgänglich angesehen. Im Augenblick ist unter dem Druck der Verhältnisse allerdings eher eine Verschlechterung zu bemerken. Zwölf Stunden Dienst am Tag sind selbst unter den heutigen Sonderumständen zu viel. Da lässt die Konzentration und Genauigkeit irgendwann bei jedem nach. Und auch darauf könnten die potenziellen Täter setzen. PETER ODRICH

Von Peter Odrich

Stellenangebote im Bereich Arbeitssicherheit

Stadtwerke Augsburg Holding GmbH-Firmenlogo
Stadtwerke Augsburg Holding GmbH Leiter Arbeitssicherheit und Umweltmanagement (m/w/d) Augsburg
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr-Firmenlogo
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr Feuerwehrmann/-frau (m/w/d) im gehobenen feuerwehrtechnischen Dienst (Laufbahnausbildung) Köln
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr-Firmenlogo
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr Duales Studium: Sicherheitstechnik im gehobenen Feuerwehrtechnischen Dienst (m/w/d) Wuppertal
Advanced Nuclear Fuels GmbH-Firmenlogo
Advanced Nuclear Fuels GmbH Ingenieur (m/w/d) für Kerntechnik oder Sicherheitstechnik Lingen
Stadtwerke Leipzig GmbH-Firmenlogo
Stadtwerke Leipzig GmbH Krisenmanager / Brandschutzbeauftragter (m/w/d) Leipzig
Bezirksregierung Arnsberg-Firmenlogo
Bezirksregierung Arnsberg Gewerbeoberinspektoranwärter*innen – Arbeitsschutzverwaltung NRW Arnsberg, Dortmund, Siegen
Hamburger Hochbahn AG-Firmenlogo
Hamburger Hochbahn AG Ingenieurin / Ingenieur Brandschutz und Arbeitssicherheit (m/w/d) Hamburg

Alle Arbeitssicherheit Jobs

Top 5 Arbeitssic…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.