Sicherheit

In Chinas Provinzen wächst die „Entführungsindustrie“  

VDI nachrichten, Hongkong, 24. 2. 06, mav – Im chinesischen Aufschwung werden die Verlierer immer stärker sichtbar. Entführungen, Erpressungen und Raubüberfälle sind in einigen Provinzen inzwischen an der Tagesordnung. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst.

Ende 2005 reiste Zhang Dejian, Parteichef der wohlhabenden Provinz Guangdong von der Hauptstadt Guangzhou nach Shenzhen, um die dortige Polizei abzukanzeln. Entführungen, Erpressungen und Überfälle hatten in den Wochen zuvor landesweit die Schlagzeilen beherrscht. Mitte Januar versuchten Banden, die Supermarktketten Carrefour und Walmart mit Bombendrohungen zur Zahlung erheblicher Beträge zu bringen. Mehrere Bomben gingen hoch.

3864 Entführungsfälle zählte die chinesische Polizei nach offiziellen Angaben 2004. Das sind knapp 1000 mehr als in Kolumbien, das neben Irak bisher die traurige Hitliste der besonders gefährlichen Länder anführte. Noch 1987, im Geburtsjahr der wirtschaftlichen Reform von Deng Xiaoping, wurden in China gerade mal 29 Entführungen registriert. „Betroffen sind vor allem prominente Vermögende sowie Geschäftsleute, nicht selten im Streit mit ehemaligen Partnern oder Angestellten“, erzählt David O“Rear, Chefökonom der Handelskammer in Hongkong.

Die Medien berichteten im Januar über Lau Siufan aus Hongkong, der in Shenzhen eine Fahrradfabrik besitzt. Während eines Besuchs setzte ihn eine Gruppe ehemaliger Angestellter fest und forderte umgerechnet 100 000 € Lösegeld. Lau konnte Kontakt zu seiner Frau aufnehmen und bat sie, die Polizei zu alarmieren. Zwei Polizisten erschienen und verschwanden wieder. Sie klassifizierten den Fall als geschäftlichen Konflikt, der sie nichts angehe.

Die organisierte Kriminalität sei ein wachsendes Problem, meint Tom Clayton, der Chef einer auf Unternehmensrisiken wie Kidnapping spezialisierten kalifornischen Firma. Im Dezember hatte die Polizei in Guangdong 1862 Banden ausgehoben, die Verbrechen von Diebstahl, Schmuggel bis zur Entführung managten. Gearbeitet werde industriell, methodisch, so Clayton. In der Wohnung des Angehörigen eines Kidnappingrings in Guangdong habe die Polizei kürzlich eine Liste von BMW-Besitzern aufgefischt. Zuerst würden die potenziellen Opfer sorgfältig auskundschaftet. Die Restaurants und Boutiquen, die sie aufsuchten, sagten etwas über die Höhe des Lösegeldes, das gefordert werden könne. Dann folge die Aktion, nicht selten hätten es die Täter auf Kinder abgesehen.

Die Dinge sind so weit gediehen, dass die American Insurance Group (AIG) seit 2004 in Guangzhou und Schanghai Versicherungspolicen für Entführung und Erpressung anbietet. Clayton berät deren Klienten, wie sie die Risiken mindern können. Vom Zurschaustellen des Reichtums wird dringend abgeraten.

Gleichzeitig haben die Vermittler von Bodyguards in Shenzhen, Schanghai oder Peking Konjunktur. Die Polizei lanciert Infokampagnen. Verurteilten Kidnappern droht die Todesstrafe.

Neben Guangdong sind dieser Tage vor allem andere wohlhabende Provinzen wie Fujian und Zheijang vom Kidnapping betroffen. „Das ist der Preis, der für die rasche wie verzerrte Entwicklung gezahlt wird“, sagt Hans Kunz, Präsident des Swiss Business Council (SBC) in Hongkong. Er verweist auf den Koeffizienten Gini, der das Ausmaß der wirtschaftlichen Ungleichheit widergibt. Nach der Weltbank liegt China mittlerweile weltweit mit 0,45 in der Spitzengruppe der Problemländer. Japan kommt auf 0,25. Deutschland, Schweden oder auch Taiwan liegen unter der Marke von 0,3. JAN HÖHN

Von Jan Höhn

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