Interview zu Zeitforschung

In den Alltag gehören „Oasen der Zeitlosigkeit“

Vor rund 150 Jahren war es schick, beim Gassigehen mit Schildkröten Gemächlichkeit zu demonstrieren. Wer heute seine „Coolness“ zeigt, hat keine Zeit, denn wer sie hätte, der ist nicht gefragt. Und „Modelle, die große Freiheit versprechen, sind verlockend, sie können aber in Selbstausbeutung münden“, weiß die Bremer Zeitforscherin Nadine Schöneck-Voß.

Schöneck-Voß: Ja, eine ideale Gelegenheit sind Marathonläufe, von denen ich bereits 49 hinter mir habe. Ich habe in diesem Jahr auch meinen ersten 100 km-Lauf absolviert. Da geht es mir um nichts und ich bin mit mir allein, ganz ohne Leistungsgedanken. Das ist das, was mir guttut.

Schon im Studium hat mich das Thema fasziniert. Während meines einjährigen Aufenthalts in Texas wollte ich möglichst viele neue Eindrücke sammeln: Studium, Freizeit, Land und Leute. Als ich nach Deutschland zurückkehrte, merkte ich, wie getrieben ich war. Ich wollte fortan entschleunigt leben. Die Thematik Zeit war dann auch Thema in Diplom- und Doktorarbeit.

In den Medien sicherlich. Aber bereits 1955 sprachen Kurt Gauger und Jürgen Eick in ihrem Buch von „Angina temporis – Zeitnot, die Krankheit unserer Tage“. Beschleunigungsempfinden gab es noch viel früher. Als die ersten Eisenbahnen fuhren, hatten die Menschen Angst, das Tempo könnte ihnen gesundheitlich schaden das war bei dem sogenannten „Fahrradgesicht“ nicht anders, der Sorge, zu schnelles Fahren könne das Gesicht verformen. Es drehte sich im Zuge der Industrialisierung also vornehmlich um Angst vor physischer Überlastung. Es war schick, Bedächtigkeit zu demonstrieren. Etwa, indem man Mitte des 19. Jahrhunderts Schildkröten spazieren führte. Ganz im Gegensatz zu heute, wo es weit verbreitet und oftmals sehr angesagt ist, über Zeitmangel zu klagen, nach dem Motto „Ich bin wichtig, ich bin gefragt“. Heute ist es ein Zeichen von Wertschätzung, wenn man einem Menschen Zeit schenkt.

Ja, dem modernen Menschen sind die Risiken der Beschleunigung bewusster als früher, nicht zuletzt aufgrund der Medien, die das Thema entdeckt haben und zur Reflexion animieren. Weiterbildungsanbieter und Ratgeber sind diesem Trend in den letzten drei Jahrzehnten in immer größerer Zahl gefolgt.

Der technologische Wandel spielt eine große Rolle bei der Beschleunigung, wobei es vor allem zu einer Zeitverdichtung, also der Steigerung von Aktivitäten pro Zeiteinheit, gekommen ist. Das muss nicht zwangsläufig mit erhöhtem Stress verbunden sein. Was für den einen bereichernd ist, ist für den anderen zu stressig.

Das hängt sicher auch mit Zeitdruck zusammen, nicht selten aber in Verbindung mit Versagensängsten und sozioökonomischer Unsicherheit, also gesellschaftlichen Abstiegssorgen oder allzu flexiblen und befristeten Arbeitsverhältnissen.

Die Welt ist sicherlich vernetzter und komplexer geworden. Uns stehen in flexibilisierten Arbeitsverhältnissen viel mehr Möglichkeiten offen, es bieten sich viel größere Entscheidungsspielräume als früher. Entscheidungen zu treffen, kostet aber Zeit und Kraft. Globales Agieren potenziert diese Problematik. Wobei anzumerken ist, dass längst nicht alle mit dieser Last konfrontiert sind. Hier ist eine Lücke entstanden, die sich immer weiter spreizt: Menschen mit großer Verantwortung, flexiblen Arbeitsverhältnissen und teilweise befristeten, projektförmigen Jobs einerseits sowie andererseits Erwerbstätige, die in traditionellen Arbeitsmodellen tätig sind und häufig keinen permanenten Zeitdruck empfinden. Übrigens: Zeiterfassungssysteme tragen dazu bei, dass deren Zeit wirksam geschützt wird.

Nicht zwangsläufig. Modelle, die große Freiheit versprechen, sind verlockend, sie können aber in Selbstausbeutung münden. In der Zeitforschung spricht man von der Erosion zwischen Arbeit und Leben, etwa wenn die Nacht immer häufiger von Arbeit in Beschlag genommen wird. Diese Problematik stellt sich einer Fleischfachverkäuferin nicht, ganz im Gegensatz zur freiberuflichen Organisationsberaterin – oder auch zur Wissenschaftlerin.

Das ist richtig. Die Muster, wie Menschen ihre Zeit verbringen, ähneln sich bei Arbeit und Freizeit immer mehr. Viele Büroarbeiter sitzen auch zu Hause oft am Rechner. Diese Entgrenzung von Arbeit und Leben kann bei geringem Alternativprogramm zum Burn-out beitragen. Daher sind Pausen, Oasen der zeitweiligen Zeitlosigkeit, sehr wichtig. Wie man sich diese schafft, ist höchst individuell: vielleicht mit der Lektüre eines guten Buches, möglichst keines Sachbuches. Oder, als Gegenprogramm zur intellektuellen Tätigkeit eines Ingenieurs, mit physischen Tätigkeiten, sei es Sport, Holzhacken oder Spazierengehen.

Wer meint, das zu brauchen und wer sich damit besser fühlt – warum nicht?

Allenfalls in Teilen der Gesellschaft. Langsamkeit ist nicht besonders angesehen. Aber das wird, denke ich mir, wiederkommen. Es sieht nach einer Renaissance der „alten Werte“ aus. Es gibt Anzeichen dafür, dass Menschen mehr Zeit für die Familie haben möchten. Bei Hochschulabsolventen ist das häufig ein Kriterium bei der Berufswahl. Sie sind in die Beschleunigungs-Ära hineingewachsen und treten jetzt auf die Bremse. Aber: Zeitwohlstand setzt einen gewissen ökonomischen Wohlstand voraus. Wir dürfen nicht vergessen: Viele Menschen haben gar keine Wahl, weniger zu arbeiten.

Die Bildung ist ein illustratives Beispiel für die Beschleunigung gesellschaftlicher Zusammenhänge, für die Verkürzung und Intensivierung des Lernens. Und das bei weitestgehender Beibehaltung der Inhalte und starker zeitlicher Verzögerung der notwendigen Anpassungsprozesse. Dass das problematisch ist, liegt auf der Hand. Nicht nur, weil weniger Zeit bleibt – und nachhaltiges Lernen Zeit braucht –, sondern auch, weil die frei verfügbare Zeit auf diese Weise weiter zurückgedrängt wird.

Es gibt Studien zum Zusammenhang von berufsbedingtem Fernpendeln und Lebenszufriedenheit. Demnach ist die Fahrt zum Arbeitsplatz und zurück, insbesondere, wenn es sich um eine weite Fahrt handelt, ein großes Minusgeschäft, ein gigantischer Zeitfresser und eine große Stressquelle.

Ich habe eine ambivalente Haltung zum Zeitmanagement. Es gibt Methoden, die hilfreich sind, wie das Pareto-Prinzip, wonach bereits mit 20 % des Mitteleinsatzes 80 % der Zweckerfüllung erreicht werden können. Blockbildung wäre ein anderer Tipp, um gleichartige Tätigkeiten gebündelt anzugehen und nicht über den Tag zu streuen. Andererseits ist Zeitmanagement nur eine Symptombehandlung. Die Gefahr ist groß, sich bei hohem Arbeitsaufwand mithilfe des Zeitmanagements weiterhin auszubeuten – nur noch strukturierter.

Ja, neben dem Zusammensein mit der Familie werde ich mich tatsächlich auf besonders lange Trainingsstrecken begeben.  WOLFGANG SCHMITZ

Nadine Schöneck-Voß ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS) der Universität Bremen.

Wie nutzen Sie die Freizeit während der Feiertage? Mit Langstreckenläufen?

Gibt es das perfekte Zeitmanagement?

Früher wohnte man in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes. Das ist längst nicht mehr so. Welche Rolle spielt das Pendeln im persönlichen Zeitmanagement?

In der Bildung wird immer mehr aufs Tempo gedrückt, so bei der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre und stärker regulierten Studienverläufen. Ist das in einer „Wissensgesellschaft“, in der wir angeblich leben, sinnvoll?

Wird Langsamkeit als Stärke wahrgenommen?

Die Beratungsbranche mit Work-Life-Balance-Tipps und Literatur boomt. Braucht der Mensch Ratgeber für Lebensplanung?

Diese Erosion der Arbeit betrifft aber nicht nur das zeitliche Ausufern von Tätigkeiten bis in die tiefe Nacht.

Also lieber eine Stechuhr als Vertrauensarbeitszeit und Home-Office?

Übt die Globalisierung Druck auf das Zeitbudget der Menschen aus?

. . . und endet immer häufiger im Burn-out.

Damals beschleunigte die Eisenbahn, heute die Kommunikationstechnologien. Welche Rolle spielt die Technik im Zeitfenster Berufstätiger?

Wenn es schon seit Langem Zeitdruck gibt, hat sich aber doch die Wahrnehmung verändert.

Sind Zeitdruck und die damit verbundenen Folgen aktuelle Themen?

Wie kamen Sie auf den Gedanken, sich wissenschaftlich mit der Zeit zu beschäftigen?

VDI nachrichten: Frau Schöneck-Voß, nehmen Sie sich ausreichend Zeit für sich selbst?

Von Wolfgang Schmitz

Stellenangebote im Bereich Arbeitssicherheit

Stadtwerke Augsburg Holding GmbH-Firmenlogo
Stadtwerke Augsburg Holding GmbH Leiter Arbeitssicherheit und Umweltmanagement (m/w/d) Augsburg
bluesign technologies ag-Firmenlogo
bluesign technologies ag Chemical Company Assessor (f/m) Sankt Gallen (Schweiz), Augsburg
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation-Firmenlogo
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation Ingenieur*in (m/divers/w) für die Prüfung von Maschinen und Arbeitsmitteln deutschlandweit
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. (DGUV)-Firmenlogo
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. (DGUV) Referent/Referentin (m/w/d) Präventionsdienste Sankt Augustin
Advanced Nuclear Fuels GmbH-Firmenlogo
Advanced Nuclear Fuels GmbH Ingenieur (m/w/d) für Kerntechnik oder Sicherheitstechnik Lingen
Stadt Frankfurt am Main-Firmenlogo
Stadt Frankfurt am Main Ingenieur_in (w/m/d) Betriebssicherheit Frankfurt am Main
Stadt Frankfurt am Main-Firmenlogo
Stadt Frankfurt am Main Ingenieur_in (w/m/d) Betriebssicherheit / Elektrotechnik Frankfurt am Main
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr-Firmenlogo
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr Feuerwehrmann/-frau (m/w/d) im gehobenen feuerwehrtechnischen Dienst (Laufbahnausbildung) Köln
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr-Firmenlogo
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr Duales Studium: Sicherheitstechnik im gehobenen Feuerwehrtechnischen Dienst (m/w/d) Wuppertal

Alle Arbeitssicherheit Jobs

Top 5 Arbeitssic…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.