Sicherheit

Grobe Fehler macht man in unserem Metier nur einmal

Dort wo das Fällen mit der Motorsäge zu gefährlich ist, beginnt für die Sprengstoff-Spezialisten die Arbeit. Ihre Art, Bäume nieder zu legen, soll Forstarbeiter und Umwelt schützen.

Der Warnruf ist unüberhörbar: Auf das „1 – 2 – 3“ von Botho Neumann drücken alle, die sich im Beobachtungsbunker befinden, einen Finger ins Ohr. Sekundenbruchteile später erfolgt ein dumpfer Knall, der weniger im Gehörgang, sondern eher als ein Vibrieren unter den Füßen spürbar ist.
Kaum sind die Rauchschwaden verzogen, stapft Neumann seelenruhig durch den Schnee zum Ort des Geschehens, einem gut 40 cm dicken Buchenstamm, der auf einer Palette ruht. Hektik gehört nicht zum Rüstzeug des Diplom-Ingenieurs für Sicherheitstechnik, Sorgfalt ist ein Überlebensfaktor. „Ich lasse mich nicht unter Druck setzen“, macht Neumann klar.
Hoffentlich nicht. Schließlich hantiert Neumann nicht mit Stofftieren oder Backwaren, sondern mit Explosivstoffen. „Grobe Fehler“, weiß Neumann, „macht man in unserem Metier nur einmal.“
Doch der Sprengversuch lief nicht nach Neumanns Wunsch. Die Ladung hat zwar ein großes, splittriges Loch in den Baumstamm gerissen und den Schnee weggeblasen, aber den Stamm nicht geteilt.
Die Testreihe, die Neumann gemeinsam mit dem Forstunternehmer Thomas Friedrich in einem an diesem verschneiten Morgen in dem kraterähnlichen Versuchsgelände nahe Linz am Rhein durchführt, ist die akribische Vorbereitung auf den Ernstfall. In einigen Wochen will sich Neumann mehreren Bäumen widmen, die an steilen Siebengebirgshängen für Wanderer eine ernsthafte Bedrohung bedeuten.
Sie sind durch Erdbewegungen und Unterspülungen so labil geworden, dass sie unkontrolliert auf die Wege zu stürzen drohen. „Da oft mehrere Bäume ineinander hängen, der Hang steil ist und der Boden locker, wäre die Arbeit mit einer Motorsäge am Hang nur unter Lebensgefahr möglich“, weiß Neumann aus eigener Erfahrung.
Neumann testet deshalb heute einen neuer Sprengstoff, ein spezielles Gemisch namens Resaflex, das in der Sowjetunion als Raketentreibstoff verwendet wurde. Die Detonationsgeschwindigkeit ist weit höher als bei herkömmlichen, gewerblichen Sprengstoffen. Der, den er jetzt testet, ist außerdem preiswerter – aber eben Neuland.
Im Schnee bereitet Neumann jetzt einen neuen Baumstamm vor, diesmal eine Kirsche, schiebt vorsichtig die Ladung in das gut 2 cm dicke Loch, das quer durch den Stamm gebohrt ist, schließt die Sprengkabel an. „Gesicherte Erkenntnisse über die Sprengstoffmengen dieses Typs im Verhältnis zu Dicke und Beschaffenheit der Hölzer gibt es nicht“, erklärt er. So muss Neumann sich Sprengung für Sprengung an die optimale Ladung heranarbeiten: „Ist erst einmal die richtige Dosis Sprengstoff gefunden, ist die Hauptarbeit geleistet“.
Schließlich wirft er einen letzten kritischen Blick auf den präparierten Stamm und verschwindet dann wieder in Richtung Beobachtungsbunker.
Für die Sprengung der verschiedenen Holzarten ist dabei weniger der Sprengstoff als vielmehr die Geometrie der Ladung sowie deren Einbringung in ein Bohrloch von Bedeutung. Die Schneidladung besteht aus dem Sprengstoff sowie einer Einlage aus Metallpulver. Bei der Detonation formt der Sprengstoff das Metallpulver zu einem Schneidstachel – wie ein Wasserstrahl, der sich seinen Weg durch Sand bahnt, teilt der Keil das Holz.

Je nach Holzart variiert die Sprengstoffmenge

Je nachdem, in welcher Lage Neumann die Ladung im Stamm anbringt, schneidet sie mehr längs oder mehr quer ins Holz. Um den Stamm in seiner ganzen Dicke zu teilen, müssen zwei Ladungen parallel angebracht werden, deren Metallkeile in jeweils entgegengesetzte Richtungen schießen, um den Baum „nieder zu legen“, wie es bei den Forstleuten heißt.
Es können aber auch Wurzeln und ganze Bäume aus der Erde herausgesprengt werden. Ohne Risiko ist das allerdings nicht, denn bei einer solchen Sprengung fliegt erfahrungsgemäß einiges an Steinen und Holz durch die Gegend.
Im Beobachtungsbunker drückt Neumann auf einen kleinen Kasten, die Zündmaschine, an der die Sprengkabel angeschlossen sind. Es rummst, der zweite Versuch ist von Erfolg gekrönt. Der gleichen Dosis wie beim ersten Experiment an der Buche hat die Kirsche nicht standgehalten. Sauber getrennt liegt ein Teil des Stammes im Schnee, dunkelgrau gefärbt von der Explosion. „Das überrascht uns nicht. Die Kirsche ist eben weicher als die Hainbuche“, hat Thomas Friedrich eine Erklärung für den gelungenen Versuch parat. Und Tannen sind, da sie kein Kernholz ausbilden, noch einmal um einiges leichter zu sprengen.
Mit der Wiederentdeckung des Sprengverfahrens hofft Neumann in eine Marktlücke zu stoßen. „Ein gewisser Urtrieb gehört dazu,“ bekennt er. Anfang 1998 hat er sich als Spezialist für Sprengungen im Forstbereich und für Industrieanlagen selbständig gemacht und folgte damit einer lang gehegten Neigung: Seit seinem zwölften Lebensjahr ist Neumann aktives Mitglied des Technischen Hilfswerks, wo er erste Kenntnisse für Sprengungen erwarb. Außerdem wollte er ursprünglich Forstwirtschaft studieren, aber da musste er zu lange warten. Also wich er auf Sicherheitstechnik mit Schwerpunkt Brand- und Explosionsschutz aus und beschloss, sein Hobby zum Beruf zu machen.
In den vergangenen zwei Jahren seiner Selbständigkeit wurde Botho Neumann durch das Land NRW unterstützt. In diesem Jahr naht die Stunde der Wahrheit – dann muss das Ein-Mann-Unternehmen auf eigenen Füßen stehen.
„Die Vorteile des Sprengens in der Forstwirtschaft und im Naturschutz sind in Vergessenheit geraten“, glaubt Neumann, während er konzentriert eine neue Ladung vorbereitet, „aber der Vorteil ist, dass auch dort gesprengt werden kann, wo Menschen nur unter sehr schweren Bedingungen arbeiten können“. Für Transport und Anwendung sind zudem keine großen Geräte erforderlich, so lassen sich die Gefahren für alle Beteiligten gering halten.
Denn jedes Jahr kommt es zu Todesfällen, wenn Waldarbeiter nach Stürmen umgestürzte Bäume auseinander sägen müssen. Bisweilen liegen mehrere übereinander, sind nicht völlig zerbrochen, und die Stämme stehen unter einer enormen Spannung, was tödliche Folgen für die Waldarbeiter haben kann. „Beim Sprengen habe ich dieses Problem nicht“, so Neumann, der selbst beim Versuch, einen umgebogenen Baum zu zersägen, nur knapp einem schweren Unfall entging.
„Es kommt nur darauf an, die Ladungen richtig zu setzen und die kleinstmögliche Menge an Sprengstoff zu berechnen. Die Streuwirkung im Umfeld der Sprengung ist in der Regel minimal. Die freiwerdenden Stoffe,“ meint Neumann, „sind unbedenklich und wirken eher wie Dünger.“
Einen kleinen Nachteil räumt Neumann angesichts des zerfetzten Stammes allerdings ein: „Bei wertvollen Hölzern geht mit dieser Methode natürlich einiges verloren.“

Mit Sprengungen die Gefahren für die Menschen reduzieren

Doch Neumann glaubt an seine Geschäftsidee: „Explosivstoffe zur Erleichterung von Arbeitsvorgängen zu verwenden, um damit auch eine maximale Sicherheit für das Personal zu gewährleisten, das ist die Idee“.
Damit muss er sich auf einem kleinen, hochspezialisierten Markt behaupten, der Neulingen, wie er erfahren hat, mit Skepsis begegnet. Offensive Werbung ist für den explosiven Sprengbereich ohnehin nicht angesagt. „Man kann schlecht damit überall hausieren gehen,“ meint Neumann.
Sein zweites Standbein sind Sprengungen von Stahlkonstruktionen. Da arbeitet er in der Regel als Subunternehmer von großen Abbruchfirmen, die ihn heranziehen, wenn komplizierte Konstruktionen „umgelegt“ werden müssen. Auch hier kann er durch genaue Kenntnisse der Sprengmittel und ihrer Anwendung Gefahren für die beteiligten Arbeitskräfte und die Umgebung minimieren.
Ganz so sieht es jetzt auf der Lichtung nicht aus. Nach sieben Tests ist der Boden aufgewühlt. Zum letzten Mal bereitet er einen Test an diesem Morgen vor, doch ganz zufrieden mit seinem neuen Sprengstoff ist Neumann noch nicht. „Jetzt sind die Tests mit richtigen Bäumen dran“. Dann rummst es ein letztes Mal durch den verschneiten Wald, C. GIBIEC/W.SCHMITZ
Über 2 cm Durchmesser haben die Bohrungen für den Sprengstoff. Missglückt – ein Baum wäre stehen geblieben. Sprengversuch auf Sprengversuch tastet sich Neumann an die richtige Dosis heran.
Vorbereitungen zu einem neuen Versuch – Botho Neumann und Thomas Friedrich. Bäume fällen auf die ganz andere Art: Mit gut 160 g Sprengstoff lässt sich schon mal eine dickere Buche niederlegen.

Von Gibiec/W.Schmitz

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