Gesundheit

Grippeschutzimpfung gegen Irak-Krieg

großes Interesse an der Wahl, doch das Ergebnis wird knapp ausfallen.

Ungewöhnliches zeigt sich dem europäischen Besucher gleich bei der Fahrt vom Flughafen San Francisco durch das Silicon Valley: Wahlplakate mit dem Konterfei der Kontrahenten Bush/Cheney bzw. Kerry/Edwards sucht man in der vorletzten Woche des US-Präsidentschaftswahlkampfes in Kalifornien vergebens. Gäbe es nicht den einen oder anderen „Bumper-Sticker“, der die politische Gesinnung des Autobesitzers signalisiert, würde man auf den ersten Blick gar nichts vom Wahlkampf mitbekommen.
„Kalifornien ist nun mal traditionell ein Staat der Demokraten“, verrät ein Halbleiter-Manager aus San Jose, „und deswegen gibt hier keiner der Kandidaten groß Geld für den Wahlkampf aus.“ Nein, um in Kalifornien ein Gefühl vom US-Präsidentschaftswahlkampf zu bekommen, muss man sich der überregionalen Tageszeitungen bedienen oder – was „amerikanischer“ ist – durch die bis zu hundert Kabelkanäle zappen. Denn natürlich ist Wahlkampf, aber eben vor allem in jenen Staaten, die nicht eindeutig einem der beiden politischen Lager zuzuordnen sind. In diesen „Swing-States“ – oder „Battleground-States“, wie sie in der martialischen Sprache der großen TV-Networks genannt werden – läuft der Endspurt der Kandidaten um das Präsidentenamt.
Für den Europäer zunächst überraschend: Der Irak-Krieg spielt in der Endphase eine eher untergeordnete Rolle. Zwar ärgern sich Gesprächspartner aus dem Kerry-Lager über die Tatsache, wie sehr der amtierende Präsident sein Volk belogen hat, aber für das mindestens gleich große Lager der Bush-Freunde befindet sich das Land im Krieg gegen den Terror – und noch nie wurde ein amtierender Präsident in Kriegszeiten abgewählt …
Wichtiger dagegen das Thema der fehlenden Grippe-Impfstoffe, das Kerry gegen den Amtsinhaber ins Feld führt – und das selbst im ungewohnt herbstlich-verregneten Kalifornien für Schlagzeilen sorgt. Auch in den USA ist die Gesundheitspolitik also immer für Schlagzeilen gut. Überraschenderweise spielt auch ein eher sprödes Hightechthema in der heißen Phase des Wahlkampfes eine bedeutende Rolle: die von Bush sehr restriktiv gehandhabte Stammzellenforschung. Nach dem Sohn des an Alzheimer gestorbenen Ex-Präsidenten Ronald Reagan hat sich am 21. Oktober auch die Witwe des kürzlich verstorbenen Schauspielers Christopher Reeve für Kerry ausgesprochen: „Lasst uns die Trauer um meinen Mann in Hoffnung für alle Querschnittsgelähmten verwandeln“, warb sie in einem gefühlvollen Aufruf an die Wähler.
Eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht, Abtreibung, verschwundener Sprengstoff im Irak – alles Themen aus der letzten Wahlkampfwoche. Und immer wieder: Umfragen. Ihr Ergebnis lässt ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwarten. Darüber hinaus wird jede gesellschaftliche Gruppe genauestens unter die Lupe genommen: So stimmen laut CBS 60 % der Frauen für Kerry, andere Zahlen zeigen, dass der demokratische Herausforderer mit einer 80 %igen Unterstützung durch amerikanische Moslems rechnen kann, während die jüdische Bevölkerung mehrheitlich hinter Bush stehe.
Noch am aussagekräftigsten scheint da Keeting Holland, Umfragespezialist von CNN: „72 % der Amerikaner halten diese Wahl für wichtig, bei den Wahlen 1996 und 2000 lag dieser Wert nur im Bereich von 40 %.“ Am kommenden Dienstag, dem 2. November, haben also die US-Wähler das Wort. Ob allerdings am nächsten Tag schon ein Sieger feststeht oder erst wieder die Gerichte bemüht werden müssen, wird sich zeigen. Ex-Präsident Bill Clinton, der nach Bypass-Operation erst im Endspurt wieder in den Kerry-Wahlkampf eingriff, ist jedenfalls zuversichtlich. Auf die Frage, was er und George W. Bush gemeinsam hätten, antwortete er: „Nach dem 2. November sind wir beide Ex-Präsidenten.“JENS D. BILLERBECK

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