Gesundheit

Grippe steckt die Wirtschaft an

Unternehmen legen Arzneimittelvorräte an.

Laut Dr. Klaus Stöhr, Leiter des Weltinfluenza-Programms der WHO in Genf, ist das Risiko einer weltweiten Grippewelle derzeit so hoch wie lange nicht. Das in Asien explosionsartig ausgebreitete Vogelgrippe-Virus H5N1 könne sich mit menschlichen Grippeviren zu einem noch aggressiveren Virusstamm verbinden. In normalen Wintern erkranken laut Statistik des Bundesgesundheitsamtes in Deutschland rund 10 % der Bevölkerung an einer Influenza, 10 % bis 12 % der Fehlzeiten am Arbeitsplatz gehen sogar auf ihr Konto.
Die Arbeitsunfähigkeit dauert durchschnittlich drei bis sieben Tage. Während der Grippesaison 2002/03 z. B. verzeichneten die Kassen rund 2 Mio. Krankschreibungen in der Gruppe der 16- bis 60-jährigen, 5 Mio. zusätzliche Arztbesuche sowie insgesamt 25 000 bis 30 000 mehr Klinikeinweisungen. Stärkere Grippe-Wellen lassen diese Zahlen nach oben schnellen. Bei der Epidemie 1995/96 blieben z. B. rund 8 Mio. Menschen zeitweilig ihrem Arbeitsplatz fern.
Nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen, reduziert der Ausfall von 2 Mio. Beschäftigten die Bruttowertschöpfung um täglich rund 450 Mio. € zugrunde gelegt wurde der statistische Pro-Kopf-Wert von 51 500 €/Jahr. Durch Fehlzeiten gestörte Arbeitsabläufe lassen, so RWI-Ökonom Dr. Boris Augurzky, auch die Produktivität gesunder Mitarbeiter sinken. Arztkonsultationen und Krankenhausaufenthalte belasten die Kassen mit mindestens 400 Mio. € pro Saison.
Nach einem im Bundesgesundheitsblatt veröffentlichten Szenarium könnten bei einer Pandemie in Deutschland 25 % bis 30 % der Bevölkerung erkranken. 10 Mio. bis 15 Mio. Arbeitsunfähige mit deutlich längeren Ausfallzeiten – zusammengefasst 100 Mio. bis 150 Mio. Arbeitstage – wären eine realistische Größenordnung. Der Wertschöpfungsverlust läge zwischen 20 Mrd. € und 30 Mrd. €. Eine kostenlose Impfung am Arbeitsplatz wird nun aber laut Robert Koch-Institut in Deutschland nur knapp 20 % der Beschäftigten angeboten. Der Influenza-Impfstatus in Deutschland liege bei insgesamt knapp 25 %.
Im Ernstfall kämen Massenimpfungen für viele zu spät erst nach 14 Tagen haben sich im Körper genügend Antikörper gebildet. Deshalb gehen Unternehmen wie DaimlerChrysler, Henkel und Unilever Deutschland bei der Vorsorge noch einen Schritt weiter und halten ein neuartiges Medikament vor. Das in Kapseln einzunehmende „Tamiflu“ – ein so genannter „Neuraminidase-Hemmer“ (Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur des Grippevirus) – stoppt nach einer Infektion die Verbreitung der Grippeviren im Organismus. Bei rechtzeitiger Therapie werde die Krankheitsdauer um ein bis drei Tage verkürzt.
Berufstätige wären dann schneller gesund, könnten also auch rascher wieder arbeiten, so Dr. Sven Schade, Arzt im werksärztlichen Dienst bei DaimlerChrysler in Sindelfingen. Laut Dr. med. Mathias Dietrich, Sprecher des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte ist die Abgabe des Medikaments in größeren Firmen möglich, weil hier durch den werksärztlichen Dienst die nach dem Arzneimittelgesetz vorgeschriebene medizinische Betreuung gewährleistet ist. Kleinere Betriebe könnten ungeimpfte Mitarbeiter auf Firmenkosten zum niedergelassenen Arzt schicken. M. GODEK

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