Gesundheit

Gesundheitskarte kommt in nur kleinen Schritten

Der Weg von der elektronischen Gesundheitskarte über die Patientenakte bis hin zum vollständig digitalisierten Gesundheitswesen ist hierzulande extrem steinig. Darin waren sich die Experten auf dem Forum „Public Sector“ des Branchenverbandes Bitkom zum Einsatz von Informationstechnologie im Gesundheitswesen am 9. Februar in Berlin einig. Erst einmal gehe es darum, dass die elektronische Gesundheitskarte wieder Fahrt aufnehme.

Wie weit manche Länder mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind, beschrieb Birgitt Bender, gesundheitspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, auf dem Forum „Public Sector“, das der Branchenverband Bitkom am 9. Februar in Berlin organisiert hatte.

In Israel bieten Krankenkassen ihren Versicherten eine App für das iPhone an. „Darüber können Nutzer ihre Patientendaten einsehen und werden an Vorsorgeuntersuchungen erinnert“, sagte Bender. Zudem könne dort jeder Arzt und jede Klinik auf Patientendaten zugreifen. Nur psychische Erkrankungen sowie HIV-Infektionen blieben außen vor.

Politikerin Bender weiß jedoch auch, dass solch innovative Anwendungen wegen datenschutzrechtlicher Bedenken in Deutschland wenig Chancen haben. Zudem können sie schlicht an der Zielgruppe vorbeischießen. Laut Bender gehe es nicht um eine technikaffine, junge Generation, die gesund ist, sondern mehrheitlich um Patienten ab 60 Jahren aufwärts sowie ältere Ärzte.

„Nicht das Alter ist entscheidend, sondern die Art, wo und wie Ärzte ihre Arbeit erledigen“, wandte Franz-Josef Bartmann ein. Der Telematikbeauftragte der Bundesärztekammer berichtete von deutlicher Zustimmung für den Einsatz von Telematik und IT im Gesundheitswesen bei Ärzten, die im Krankenhaus arbeiten, sowie bei Fachärzten. Nur niedergelassene Ärzte seien wesentlich IT-skeptischer. „Bei der elektronischen Speicherung von Notfalldaten ist der Unterschied von rund 25 % in der Zustimmung beider Gruppen besonders deutlich“, sagte Bartmann.

Das Präsidiumsmitglied der Bundesärztekammer griff bei seiner Einschätzung zum Einsatz von Telematik und IT im Gesundheitswesen auf den „eHealth-Report“ zurück, den die Bundesärztekammer im vergangenen Jahr vorgelegt hat. Für diese repräsentative Studie wurden fast 600 Ärzte befragt.

Das paradoxe Ergebnis: eine mehr oder weniger deutliche Zustimmung zur elektronischen Speicherung von Notfalldaten, zum elektronischen Arztbrief, zur elektronischen Arzneimitteltherapie-Sicherheitsprüfung und zur elektronischen Patientenakte.

„Nur das elektronische Rezept fällt durch und die elektronische Gesundheitskarte, da alle Anwendungen auch ohne Gesundheitskarte kommen“, erläuterte Bartmann.

Doch inzwischen bewegt sich in puncto elektronische Gesundheitskarte als winziger Baustein innerhalb der Vernetzung und Digitalisierung des Gesundheitswesens nach monatelangem Stillstand und mehrmaligem Verschieben wieder etwas. Bis Ende 2011 sollen 10 % der gesetzlich Krankenversicherten, das sind rund 7 Mio. Bundesbürger, mit einer neuen Karte ausgerüstet sein.

„Wir haben sowohl die Ärzte als auch die Krankenkassen darauf verpflichtet“, sagte Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU, auf dem Forum „Public Sector“.

Basis dafür ist eine Regelung im Finanzierungsgesetz der gesetzlichen Krankenversicherung, die im Januar in Kraft trat. Die Kartenausgabe durch die Kassen erfolgt erst dann, wenn alle Ärzte die notwendigen Lesegeräte besitzen.

Der IT-Sicherheitsverband Teletrust Deutschland wirbt bereits damit, dass seine Mitglieder zertifizierte, stationäre wie auch mobile Kartenlesegeräte ab 1. April an kassenzugelassene Ärzte ausliefern können und die Installation übernehmen. Damit sei gewährleistet, dass ab 1. Oktober in allen Praxen die elektronische Gesundheitskarte ausgelesen werden kann.

Auf der neuen Karte selbst sind neben dem Lichtbild zunächst die Standarddaten des Versicherten gespeichert. Der Mikroprozessor auf der elektronischen Gesundheitskarte soll aber künftig weitere Funktionen möglich machen.

„Schritt für Schritt werden wir weitere Anwendungen darauf bringen, wie einen Notfalldatensatz oder radiologische Daten“, sagte Spahn.

Laut Ulrike Flach, gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, werde zudem gerade diskutiert, auch „die Bereitschaft zur Organspende auf der elektronischen Gesundheitskarte zu speichern“.

Einig waren sich alle Experten, dass es noch ein unendliches Feld von Innovationen im Gesundheitswesen gebe. „Die Telemedizin ist hier nach wie vor unterentwickelt, auch das Telemonitoring für chronisch Kranke“, so Flach.

Inzwischen wurden vom Bundesgesundheitsministerium weitere Forschungsprojekte auf den Weg gebracht, die die Gesundheitskarte voranbringen sollen. So wurden verschiedene Fraunhofer-Institute beauftragt, eine elektronische Patientenakte auf Basis der Gesundheitskarte zu entwickeln. Ein erster Prototyp soll im April auf der IT-Fachmesse für das Gesundheitswesen conhIT in Berlin präsentiert werden.

NIKOLA WOHLLAIB

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