Gesundheit

„Gesundheit wird zum nächsten Mega-Markt“

Kaum eine Epoche ist so gut analysiert und dokumentiert wie das 20. Jahrhundert. Was aber liegt vor uns? Leo A. Nefiodow vom GMD-Forschungszentrum sieht die Weltwirtschaft an der Schwelle zu einem neuen Wachstumszyklus, der vom Gesundheitssektor initiiert wird.

„Der zweite Weltkrieg hat Europa weit zurückgeworfen“

Nefiodow: Ganz so ist es nicht. Der moderne Computer, der den fünften Kondratieffzyklus ausgelöst hat, wurde ja in Deutschland erfunden, von Konrad Zuse 1941 in Berlin. Der zweite Weltkrieg hat Europa enorm zurückgeworfen. Nach dem Krieg mussten die alten Industrien wieder aufgebaut werden, für Neues war keine Zeit. Gleichzeitig haben die Amerikaner sehr große Summen in ihre Militärtechnik investiert und die Grundlage für die Computerisierung gelegt. IBM beispielsweise konnte seine Computer deswegen so schnell auf dem Markt einführen, was damals 4 Mrd. Dollar gekostet hat, weil das Unternehmen viel Geld vom amerikanischen Verteidigungsministerium erhielt.
VDI nachrichten: Bringt jede neue lange Welle auch mehr Arbeitsplätze?
Nefiodow: Bis zum Beginn des Computerzeitalters, also bis in die 80er Jahre, hatten wir praktisch Vollbeschäftigung. Die Massenarbeitslosigkeit ist eine Folge der unzureichenden Erschließung der Märkte, die der fünfte Kondratieff für Europa eigentlich eröffnet hat. Ein Beispiel: In Deutschland entstanden zwischen 1984 und 1995 bei 60 privaten Fernsehanstalten und über 180 privaten Hörfunkanstalten inklusive der vielen kleinen Produktionsfirmen über 160 000 Arbeitsplätze – das hätte viel früher geschehen müssen. Osteuropa ist dabei noch viel schlechter gefahren. Der Zusammenbruch der Sowjetunion ist letztendlich darauf zurückzuführen, dass sie am fünften Kondratieff überhaupt nicht teilgenommen hat, weil die damalige Regierung die Informationsmärkte nicht freigeben wollte. Allerdings gibt es in einem neuen Zyklus nur dann mehr Arbeit, wenn mit den neuen Ressourcen nicht nur rationalisiert wird, sondern vor allem neue Märkte erschlossen werden.
VDI nachrichten: Spielt es für die Zyklen eine Rolle, ob in Deutschland Rot-Grün oder Schwarz-Gelb regiert?
Nefiodow: Die Politik spielt keine sehr große Rolle. Beispielsweise sagt man, dass die Massenarbeitslosigkeit nach der Weltwirtschaftskrise dadurch beseitigt worden sei, dass die Nazis überall Autobahnen gebaut hätten. Das ist nicht richtig. Die Zeit war einfach reif für die Motorisierung. Man sagt auch, dass Ronald Reagan als amerikanischer Präsident den USA mit seiner Politik in den 80 Jahren zu großem wirtschaftlichen Aufschwung verholfen habe. Auch das stimmt nicht. Die Zeit war reif für die Computerisierung der Welt. Allerdings kann der Staat die Zyklen beschleunigen. Insofern haben die Nazis mit dem Autobahnbau unbewusst dem vierten Kondratieff auf die Sprünge geholfen. Die Autobahnen braucht man nämlich, wenn man viele Autos verkaufen will.

„An der Krise in Japan hatten die Banken keine Schuld“

VDI nachrichten: Wie sind Ihre Voraussagen für die nächsten Jahre?
Nefiodow: Die Welt steckt im fünften Kondratieff, allerdings in unterschiedlichen Phasen. Für die Länder, die vor allem im der Hardware-Sektor stark waren, z. B. Japan oder die südostasiatischen Staaten, ist der fünfte Kondratieff praktisch vorbei. Das ist der tiefere Grund, warum Japan in den letzten zehn Jahren nicht mehr wächst. Es stimmt eben nicht, dass das unseriöse und instabile Bankensystem in Japan zum Einbruch der Wirtschaft geführt hat, denn diese Banken haben die Jahrzehnte davor genauso agiert. Informationsdienste und E-Commerce bestimmen derzeit den fünften Kondratieff. Internationale Informationsdienste kann man nur mit einer international ausgerichteten Wirtschaft und auf Englisch betreiben. Deswegen stehen die USA im Moment noch gut da.
VDI nachrichten: Wo steht Deutschland?
Nefiodow: Wir werden noch einige Jahre vom Wachstum profitieren. Die deutsche Wirtschaft ist stark bei Software und Dienstleistungen rund ums Internet. Wenn aber die kurzen Wachstumsschübe durch Euro und Jahrtausendwechsel abgeflacht sind, wird auch in Europa der fünfte Kondratieff zu Ende gehen. Das bedeutet, dass die Informationstechnologie etwa ab 2005 zu einer ganz normalen Wirtschaftsbranche werden wird, mit Wachstumsraten unter 5 %.
VDI nachrichten: Und danach?
Nefiodow: Der Mega-Markt des nächsten Kondratieff wird der Gesundheitssektor sein. Gesundheit aber ganzheitlich verstanden: körperlich, seelisch, geistig, ökologisch und sozial. Er umfasst die Märkte für Biotechnologie, Medizin, Umweltschutz und den riesigen, derzeit noch unstrukturierten Markt der psychosozialen Gesundheit.
VDI nachrichten: Ist es zwingend, dass Basisinnovationen aus der hoch industrialisierten westlichen Welt kommen?
Nefiodow: Basisinnovationen entstehen immer dort, wo das Wissen vorhanden ist. Heute, im Zeitalter des Internet, halte ich es allerdings für denkbar, dass ein Entwicklungsland mit einsteigt. Ein Beispiel: In Kuba setzt man stark auf die moderne Biotechnologie und kann durchaus respektable Erfolge vorweisen. Man kann heute Wissen importieren und junge Leute an ausländischen Universitäten studieren lassen.

„Viele Ressourcen gehen durch Streit und Frust verloren“

VDI nachrichten: Welche Rolle spielt bei dem ganzen Prozess die technische Elite oder gar der einzelne Ingenieur?
Nefiodow: Während der ersten vier Kondratieffzyklen ging es um die materielle Versorgung der Bevölkerung. Das war die Entwicklung der Industriegesellschaft. Sie hat Naturwissenschaftler und Ingenieure dringend gebraucht. In der Informationsgesellschaft kommt es auf die Information in technischen Systemen sowie zwischen Mensch und Maschine an. Im Mittelpunkt des sechsten Kondratieff werden vor allem die Informationsflüsse im Menschen und zwischen Menschen stehen. Auch die Aufgabe des Ingenieurs wandelt sich, er kommt mehr mit Menschen zusammen und muss lernen, richtig mit ihnen umzugehen. Heute arbeiten in den USA schon mehr als 80 % der Beschäftigten nicht mehr mit Maschinen, sondern mit Menschen zusammen. Menschenkenntnis, Kreativität, Motivation und Pflichtbewusstsein werden eine große Rolle spielen. Ich nennen diese Fähigkeiten psychosoziale Kompetenz.
VDI nachrichten: Haben wir diese Kompetenz?
Nefiodow: Ich denke nein. Die Beziehungen zwischen den Menschen sind heute die größte Wachstumsbarriere. Viele sind nicht produktiv und haben innerlich gekündigt. Zu viele Ressourcen gehen durch Frust, Streit, Intrigen, Mobbing oder Rücksichtslosigkeit verloren. Wir können mit diesen zwischenmenschlichen Schnittstellen nicht umgehen. Das ist das Neuland, das sich jetzt auftut, das muss gelernt werden.
VDI nachrichten: Wie kann Deutschland seine Rolle stärken?
Nefiodow: Europa und auch Deutschland haben keine schlechten Voraussetzungen. Im deutschsprachigen und auch im skandinavischen Raum haben wir eine hohe Sensibilität für das, was man die soziale Frage nennt. Hier gibt es starke sozialdemokratische und gewerkschaftliche Kräfte. Es wird jetzt davon abhängen, wie schnell wir diesen Vorsprung nutzen und ausbauen.
Mit Leo A. Nefiodow sprach Christa Friedl
Jeder Kondratieffzyklus hat ein anderes Muster. Im ersten ging es um das Nutzungspotential der Dampfmaschine ab etwa 1800, im zweiten, ab 1850, um Stahl und Eisenbahnen und damit erstmals um die Möglichkeit des Massentransports von Waren und Menschen, im dritten wurde das Nutzungspotential von Chemie und Elektrotechnik erschlossen, der Massenkonsum begann. Mit der Erfindung des Autos schließlich und den Fortschritten der Petrochemie, dem vierten Kondratieff, begann der Individualverkehr. Der fünfte schließlich, ausgelöst durch die Erfindung des Computers, hat die Voraussetzungen für die Globalisierung geschaffen.
Nefiodow: „Der nächste Kondratieffzyklus wird viele neue Märkte öffnen – allerdings nur, wenn das größte Wachstumshindernis, die oft sehr unproduktiven Beziehungen zwischen Menschen, überwunden wird.“

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