Sicherheit

Gefahr wächst mit der Solidarität zu den USA

Fachleute des Bundeskriminalamtes (BKA), des Verfassungsschutzes (BfV) und der Nachrichtendienste beurteilten die Lage trotz militärischer Erfolge in Afghanistan weiterhin kritisch.

„Osama bin Laden hat durchaus noch eine Chance“, warnte Terrorismus-Experte Dieter Kaundinya vom Bundesnachrichtendienst (BND) vor voreiligen Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Krieges. Bin Laden gelte unter seinen Anhängern als der „neue und durch die Anschläge legitimierte Kalif“. Obwohl die weltweiten Ermittlungen seit Wochen auf Hochtouren laufen, ist die genaue Organisation des Terrornetzes noch weitgehend unbekannt.

Ob das arabische Sprichwort „in den Teller, aus dem man isst, spuckt man nicht“, dem sich, so Helmuth Stachelscheid, beim BfV zuständig für Ausländerextremismus, die Mehrzahl der gewaltbereiten Islamisten in Deutschland bislang verpflichtet fühlten, angesichts des Krieges in Afghanistan weiter respektiert werde, sei allerdings offen.

Nach Ansicht des BfV-Mannes sind die islamistischen Organisationen „mit Terrorkomponente“ allerdings hauptsächlich mit sich selbst und den Verhältnissen in ihren Heimatländern beschäftigt. Der BND traut den in Deutschland lebenden militanten Islamisten jedoch Vergeltungsaktionen „aus dem Stand“ zu. „Wir sind nicht ausgeschlossen“, erklärte BND-Experte Kaundinya.

Nach Einschätzung von BKA-Vizepräsident Bernhard Falk befinden sich alle Deutschen im In- und Ausland „im Fadenkreuz von El Kaida“. Die Bedrohung steige in dem Maße, in dem die deutsche Solidarität mit den USA praktisch wirksam werde.

Laut BKA-Präsident Ulrich Kersten gibt es derzeit aber keine klaren Strukturen oder erkennbare Hierarchien. Unklar sei auch, ob die 1987 von Osama bin Laden gegründete Organisation El Kaida Kopf oder Teil des Ganzen sei. Mit der Verhaftung des sudanesischen Finanzchefs bin Ladens, Mamduh Mahmud Salim, in München seien allerdings schon vor zwei Jahren Verbindungen von El Kaida nach Deutschland erkennbar geworden.

Rund 17 000 Spuren ist das BKA mittlerweile nachgegangen und hat 6000 davon abschließend bearbeitet. Finanzermittlungen hätten bislang zu 448 Verdächtigen und Personen aus deren Umfeld, 450 Konten, 19 Firmen, sechs Vereinen und 45 Kreditkartenkonten geführt.

Nach Beobachtungen des Verfassungsschutzes hat sich das Erscheinungsbild des Islams und islamistischer Terrororganisationen in Deutschland seit Beginn der 90er Jahre gewandelt. Es gebe neue Strukturen, neue Feindbilder und bislang unerwartete Aktionsformen, erklärte Stachelscheid. Zu den Mitgliedern islamistischer Kader wie Hamas oder Hizb Allah seien die Mudjahedin arabischer Herkunft getreten. „Die Situation ist komplexer denn je“. JUTTA WITTE

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