Gesundheit

Ganz allmählich verändert sich die Wirklichkeit

Geduld. Denn wie in keiner anderen Situation des Alltags erfahren hier alle Beteiligten, wie hoch der Preis der Freiheit sein kann.

Klaus T. hat eine furchtbare Geschichte. Als Kind wurde er Zeuge, wie sein Vater einen Brand legte, bei dem über 300 Menschen starben. Ob die Geschichte wahr ist, sei dahingestellt. Wichtig ist, dass sie sich in Klaus Kopf zur Wahrheit verdichtete. Neben der Brandstiftung gibt es ein weiteres Problem, das den 45-Jährigen bis heute nicht loslässt: Sein Vater hat ihn sexuell missbraucht.

Als Ende letzten Jahres seine ABM endet und er allein zu Hause sitzt, kreisen seine Gedanken nur noch um sich selbst. Plötzlich beginnt er, sich seltsam zu verhalten. In der ganzen Stadt schmiert er kryptische Botschaften auf Litfaßsäulen und Sperrmüll. Doch dabei bleibt es nicht. Nun bedroht er seine Bekannten – vor allem Frauen. In nächtlichen Drohanrufen beschimpft er sie und fordert Geld. Die Betroffenen setzen sich zusammen und beratschlagen, was zu tun sei.

Ein Freund berichtet, dass Klaus vor sechs Jahren schon einmal an einer Psychose litt. Damals habe er sich an den Rand des körperlichen und sozialen Zusammenbruchs gebracht: Er ging über ein Jahr nicht zum Sozialamt, zahlte keine Miete und aß kaum noch.

Allen wird klar, dass Klaus dringend kompetente Behandlung benötigt – so sehr er sich auch dagegen wehrt. Trotz Bedenken beschließen sie, für seine „Zwangseinweisung“ zu sorgen. Als sie dem Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDi) berichten, wie er sehr sich verändert hat, dass er nur noch droht und ihnen das Leben schwer macht, erleben sie eine Überraschung: Beim SPDi erklärt man sich für machtlos, solange Klaus sich selbst nicht für krank hält. Man könne ihm zwar Angebote machen, doch wenn er sich nicht darauf einlasse, sei das sein gutes Recht.

„Es braucht handfeste Gründe, um die Freiheit eines Menschen einzuschränken“, erklärt Dr. Raimund Pitzing, Leiter des SPDi im Berliner Bezirk Kreuzberg. Um Zwangsmaßnahmen zu ergreifen, müsse schon Eigen- oder Fremdgefährdung vorliegen. Delinquentes Verhalten allein reiche da nicht. In der Regel bietet der SPDi dem auffällig Gewordenen zunächst schriftlich ein Gespräch an. Antwortet der Angeschriebene nicht, folgen angekündigte Hausbesuche, später auch unangekündigte. Erst danach kann der SPDi beim zuständigen Amtsgericht eine Vorführung zur psychiatrischen Begutachtung beantragen.

Dafür muss jedoch der begründete Verdacht bestehen, dass eine Psychose vorliegt. Ein Nadelöhr, denn diesen Verdacht können nur Freunde oder Angehörige begründen, solange kein Experte den Kranken zu Gesicht bekommt. Können die Betroffenen den zuständigen Sachbearbeiter nicht vom Ernst der Lage überzeugen, passiert auch nichts.

So landete Klaus“ Fall erst nach fünf Monaten beim Amtsgericht – fünf Monate manischen Umherstreifens, abgemagert bis auf die Knochen und immer tiefer abgerutscht in seine Wahnwelt. Inzwischen redet er wirr von „Nazis, Ariern und Dreckschweinen, die sich gegen ihn, den Juden, verbündet haben“. Klaus ist kein Jude, aber er fühlt sich als gehetztes Opfer.

Dorothea Buck verteidigt die hohe Schwelle zur Zwangseinweisung, auch als sie von diesem Fall hört. Die 84-jährige Bildhauerin und Ehrenvorsitzende des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener blickt auf Erfahrungen zurück, die ihre Haltung verstehen lassen. In der NS-Diktatur musste sie am eigenen Leib erfahren, welche Folgen staatliche Willkür im Umgang mit psychisch Kranken haben kann. Weil sie zeitweise unter schizophrenen Schüben litt – sie selbst bezeichnet diese Lebensphasen rückblickend als überaus bereichernd und wichtig für ihren Werdegang – wurde ihr Leben als „unwert“ eingestuft. Zwar überlebte sie das Euthanasieprogramm, doch hat man sie der Möglichkeit beraubt, Kinder zu bekommen.

Zwangseinweisungen hält Buck nur selten für legitim. „Der Kranke wird das nie vergessen“, erinnert sie an die Perspektive des Ausgeliefertseins. Doch wenn es darum gehe, Menschen zu schützen, sei es wohl manchmal unumgänglich. Sie warnt jedoch davor, in einer Einweisung oder in Medikamenten Allheilmittel zu sehen. Die Probleme, die zur Psychose führen, seien dadurch noch nicht gelöst.

Doch werden sie gelöst, wenn ein Mensch wie Klaus monatelang umherirrt und sich seine Situation ständig verschlechtert? Seine Freunde können ihm nicht helfen, solange er im Wahn lebt. In der Krise warten sie nach einer Weile nur noch darauf, was als Nächstes passiert.

Heinrich Beuscher, der Berliner Landesbeauftragte für Psychiatrie, sieht auch hier den SPDi in der Pflicht. Er rät Betroffenen, sich auch mit ihrer eigenen Hilflosigkeit an den Dienst zu wenden schließlich sei es dessen gesetzlicher Auftrag „im vermittelnden Gespräch zwischen Angehörigen und Betroffenen zu klären, ob eine Intervention angebracht ist“. P. TRECHOW/ber

Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen, Tel: 0228/632646, dachverband@psychiatrie.de

Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, Tel: 0228/632646, bpe@psychiatrie.de

Ambulanz oder Station?

Psychiatrie
ist im WandelSeit 1975 befindet sich die deutsche Psychiatrielandschaft im Wandel.
Ausgelöst durch massive Kritik an
der bis dahin gängigen Verwahrpraxis psychisch Kranker in geschlossenen Anstalten – unter oft menschenunwürdigen Zuständen – begann ein Prozess der Ent-Hospitalisierung. Um die Rückkehr psychisch Kranker in die
Gesellschaft zu unterstützen, ist eine Fülle ambulanter Hilfs- und Betreuungsangebote entstanden. In vielen Krankenhäusern wurden psychiatrische Abteilungen eingerichtet, um in schweren Krisen eine kurzfristige
stationäre Behandlung zu gewährleisten. Auf dem ambulanten Sektor sind sozialpsychiatrische Dienste (SPDi) von großer Bedeutung, die meist in die kommunalen Gesundheitsämter eingegliedert sind. Zu ihren Aufgaben zählt neben Beratung und Krisenintervention auch die Koordination der Betreuung psychisch Kranker. pt/ber

Von Trechow/Bettina Reckter
Von Trechow/Bettina Reckter

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