Gesundheit

Fluglärm macht krank  

Fluglärm erhöht das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen schon ab einem Dauerschallpegel von 40 dB(A). Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die in der Region um den Flughafen Köln-Bonn durchgeführt wurde. Ein Zusammenhang mit Krebserkrankungen bei Frauen scheint ebenfalls plausibel. Die Studienergebnisse stoßen auch rund um den Frankfurter Flughafen auf Interesse. VDI nachrichten, Wiesbaden, 5. 2. 10, ber

Laut Greiser steigt ohne Lärmschutz das Risiko bei sämtlichen Herz-Kreislauf-Krankheiten von rund 20 % auf mehr als 40 %. Während etwa bei einem Pegel von 50 dB(A) am Tag das Schlaganfallrisiko in der Gesamtbevölkerung bei 40 % liege, erhöhe es sich ohne Schallschutzmaßnahmen auf ca. 80 %.

Der Studie zufolge gibt es zudem ein erhöhtes Erkrankungsrisiko für Depressionen bei Frauen. Und eine weitere Studie, die Greiser und sein Team im Auftrag des Rhein-Sieg-Kreises auf der gleichen Datenbasis durchgeführt haben, kommt zu dem Ergebnis, dass der weibliche Teil der Studienpopulation auch ein höheres Risiko trägt, an Brustkrebs, Leukämie oder Non-Hodgkin zu erkranken.

Dabei gingen die Experten von der Annahme aus, dass Schlafentzug durch nächtlichen Fluglärm zu Stress und damit zu einer Schädigung des Immunsystems führt. „Der Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und Fluglärm bedarf jedoch einer weiteren Bestätigung“, erklärte Greiser.

Anlass zur Kölner Fluglärmstudie hatten zum einen Studien aus dem europäischen Ausland gegeben, nach denen vor allem nächtlicher Fluglärm die Zahl von Bluthochdruckfällen erhöht, zum anderen Hinweise von Ärzten aus der untersuchten Region auf eine erhöhte Verschreibungshäufigkeit von Medikamenten gegen Bluthochdruck, Kreislauf- und Schlafstörungen sowie Depressionen.

Die Erkrankungen, die hinter diesen Verordnungen stehen, haben Greiser und sein Team nun anhand von Entlassungsdiagnosen als „harte Daten“ näher beleuchtet. Die Studie berücksichtigt auch sogenannte Kofaktoren wie Straßenverkehrs- und Schienenlärm sowie soziale Rahmenbedingungen.

Die Expertise stößt auf großes Interesse, vor allem im Rhein-Main-Gebiet. Hier wird seit mehr als zehn Jahren erbittert um den Ausbau des Frankfurter Flughafens und um ein absolutes Nachtflugverbot gestritten. 17 Starts und Landungen zwischen 23 Uhr und 5 Uhr sieht der Planfeststellungsbeschluss noch vor. Nicht nur Ausbaugegner lehnen diese Regelung ab. Auch das hessische Verwaltungsgericht wertet sie als „nicht ausreichend“ und hat das Wirtschaftsministerium beauftragt, sie zu überarbeiten.

Während die hessische Landesregierung gegen dieses Urteil Revision beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig eingelegt hat, kümmert sich die Opposition im hessischen Landtag wieder verstärkt um das Thema Fluglärm. Auf Initiative der Grünen hat Greiser seine Studienergebnisse auf die Region um den Flughafen Rhein-Main hochgerechnet. Er kommt zu dem Schluss, dass sie angesichts der Tatsache, dass in Frankfurt rund 200 % mehr Flugbewegungen als in Köln-Bonn stattfinden und gegenüber rund 360 000 Menschen hier rund 1,7 Mio. Menschen von Fluglärm betroffen sind, „bedingt“ übertragbar seien.

Innerhalb eines Beobachtungszeitraums von zwei Jahren errechnet der Experte für das Flughafenumfeld ca. 6000 mehr Schlaganfälle und rund 14 000 zusätzliche koronare Herzkrankheiten bei Männern und Frauen ab 40 Jahren sowie rund 2700 zusätzliche Brustkrebserkrankungen bei Frauen ab 25 Jahren, die auf Fluglärmbelastungen ohne Schallschutz zurückgeführt werden könnten.

Diese Zahlen halten Grüne, SPD und Linkspartei für alarmierend: Eine „kritische Diskussion“ von Greisers Schlussfolgerungen mahnt daher der flughafenpolitische Sprecher der Grünen, Frank Kaufmann, an. Eine von den drei Oppositionsparteien geforderte Expertenanhörung zum Thema Fluglärm jedoch lehnt die hessische Landesregierung ab.

Wirtschaftsminister Dieter Posch verweist auf lärmmedizinische Untersuchungen im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens und auf die Zuständigkeit des Bundes bei der Fluglärmgesetzgebung. Jetzt eine neue Studie aufzugreifen, bevor die wissenschaftliche Welt sich mit ihr auseinander gesetzt habe, so der FDP-Politiker, sei eine „unbegründete Hektik“. SPD-Verkehrsexperte Uwe Frankenberger hält dem entgegen, eine vergleichbare Studie für das Rhein-Main-Gebiet würde 500 000 € kosten: „Das sollte uns die Gesundheit der Menschen wert sein.“ JUTTA WITTE

Von Jutta Witte
Von Jutta Witte

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