Sicherheit

Flammendes Inferno auf Bestellung  

VDI nachrichten, Rotterdam, 26. 8. 05 – 25 000 Feuerwehren aus allen Erdteilen kämpfen jedes Jahr in der Maas-Ebene gegen die weltweit größten Probefeuer, allein 8000 aus Deutschland. In Indien eine brennende Ölplattform, im Hamburger Hafen ein Chemie-Unfall – nirgendwo werden Katastrophen so wirklichkeitsnah simuliert wie an der internationalen Feuerwehr-Eliteschule RISC in Rotterdam.

Ein derart riesiges Feuer hat Brandamtsrat Thomas Verbeet noch nicht erlebt: „Dieser Brand hat etwas Elementares.“ Feuerbälle schießen in den Himmel. Rauchwolken wälzen sich in Richtung Meer. Es zischt, es dampft. Es stinkt nach Rauch und Öl.

Kommandos gellen über das Gelände: „Treibstofftank brennt! Schaumangriff vor!“ Auf der Rohrbrücke einer Raffinerie hat sich bei Schweißarbeiten durch statische Aufladung Benzin entzündet. Tanks und Kesselwaggons stehen in Flammen. Sie drohen zu bersten. Verbeet ist besorgt: „Der Druck in den beflammten Tanks steigt. Sie könnten an Festigkeit verlieren.“

Verbeet ist Vize-Chef der Berufsfeuerwehr Wesel. Für zwei Tage ist der 38 Jahre alte Feuerkämpfer vom Niederrhein mit zehn Kollegen nach Rotterdam gereist. Ob Raffineriebrand und Tanklager-Explosion, Flugzeugabsturz und Feuersbrunst auf der Ölplattform – hier bekommt jeder sein gewünschtes Inferno. Die theoretische Ausbildung in Deutschland ist topp, meint Verbeet. Aber die Praxis bei RISC ist für ihn das Absolute. „Nur hier kannst du erleben, was Flammen wirklich bedeuten.“

Alles pilgert nach Rotterdam: 25 000 Berufs- und Flughafen-, Werks- und Freiwillige Feuerwehren aus der ganzen Welt – Brigaden aus Indien, Australien und Nigeria. Allein 8000 deutsche Einheiten werden jedes Jahr in der Maas-Ebene durch das flammende Inferno geschleust. Rettungskräfte aus Chemiebetrieben, Raffinerien und Atomkraftwerken sowie sämtliche Flughafen-Feuerwehren erhalten bei RISC ihren Feinschliff. Sie alle kämpfen gegen die weltweit größten Probefeuer, die bei uns wegen der strengen Umweltauflagen verboten sind.

Das 50 000 m2 große Übungsgelände liegt unweit des Rotterdamer Hafens. Verbrannte Erde überall: Gastanks dampfen im Löschwasser, Bahnwaggons qualmen, Autowracks glühen. Auf einer kokelnden Ölplattform schwelt das Gerippe eines ausgeglühten Hubschraubers. An einer rußigen Mauer lehnen schon die Opfer für die nächste Übung: Verkohlte menschliche Dummys aus Holz. Brandamtsrat Verbeet wischt sich den Schweiß von der Stirn: „Hier muss sich jeder überwinden.“

An fast 500 Stellen kann bei RISC Feuer ausbrechen, in den verschiedensten Variationen. So schleicht sich keine Routine ein. Denn kein Brand brennt gleich. In einem Container von der Größe einer Garage hockt der Pyromane vom Dienst: „Fuel-Operator“ Dennis van Diejen. Von seinem Steuerstand aus füttert der 20-Jährige die Brandherde. Er sitzt vor unzähligen Knöpfen und Hebeln – Rot für Benzin, Gelb für Flüssiggas, Grün für Gasdampf. Über Sprechfunk erhält er die Anweisungen des Instruktors, in welche Übungsszenarien der Sprit verteilt werden soll. Knapp 90 000 l Benzin fließen monatlich durch Leitungen, die das gesamte Gelände wie ein Spinnennetz durchziehen. „Wir verbrennen nur umweltfreundliches Waschbenzin“, versichert van Diejen.

Wo Gas und Benzin abgefackelt und gelöscht werden, entstehen natürlich Schadstoffe. Doch RISC hält die Emission in Maßen. Sämtliche Installationen, einige davon so groß wie halbe Fußballfelder, stehen in isolierten Wannen. Jeder Liter gebrauchtes Löschwasser und jedes Gramm Schaum landen in der eigenen Abscheide-Anlage.

Fuel-Operator van Diejen legt Hebel für Hebel um. Immer neue Brandherde lodern auf. Verbeets Männer kommen ins Schwitzen. Wenigstens der Rest der Produktionsanlage soll gerettet werden, und das heißt: Kühlen, kühlen, kühlen. „Kalte Wand machen! Drei Mann pro Schlauch!“ Zwei Schläuche werfen Schaum, der Rest der Mannschaft kühlt die Tanks: 6000 l Wasser pro Minute zielen unter 10 Bar Druck aus fest installierten Strahlrohren auf die Kessel. Nach wenigen Minuten hat sich die Chemieanlage in eine Winterlandschaft verwandelt. Der Schaum hat das Feuer erstickt. Die Explosionsgefahr ist gebannt.

„Super!“ brüllt Ad Moest. Der holländische Instruktor mit dem grauen Stoppelhaarschnitt verlangt seinen Schülern alles ab und bläut ihnen immer wieder ein: „Macht nie was auf eigene Faust! Haltet euch an euren Gruppenführer! Wenn ihr Mist baut, bringt ihr eure Kameraden in Gefahr!“

Zigarettenpause. Die erschöpften Feuerwehrmänner hocken in der Sonne. Auch ein Zug der Berufsfeuerwehr Dortmund, Einheiten aus Holland, Frankreich, Belgien und der Schweiz. Sie haben sich von den lästigen Helmen befreit, trinken Wasser. Appetit hat kaum jemand. Schweiß und Ruß bedecken ihre Gesichter. Brandamtsrat Verbeet ist stolz auf seine Männer. Nur keine Blöße geben: „Man will ja auch gegenüber den Kollegen gut dastehen.“

1986 öffnete das privatwirtschaftliche Unternehmen RISC seine Pforten. Seitdem reißt der Strom der Löschtrupps nicht mehr ab. „Hier kann auch Heiligabend gelöscht werden“, scherzt Verbeet. Vorausgesetzt, das Kleingeld stimmt. RISC ist teuer, und die öffentlichen Kassen sind leer: Zwischen 750 € und 1500 € pro Feuerkämpfer verschlingt die Spritztour. Immer häufiger hat es Ausbilder Ad Moest mit Idealisten zu tun, die aus eigener Tasche zuzahlen, weil die Gemeinde nicht alle Kosten erstattet. Denn auf ihre „Fire-Fighting-Event-Tour“ wollen viele der Freiwilligen Wehren nicht verzichten.

So praxisnah wie in Rotterdam können die knapp 1,4 Mio. deutschen Feuerwehrmänner und -frauen den Ernstfall Zuhause nicht proben. Um geltende Emissionsgesetze einzuhalten, müssten Übungshallen mit Rauchgasfiltern errichtet werden.

Auf einige wartet noch das gefürchtete „Flash-over“-Training in einem ausgedienten Schiffscontainer. Rauchgase in abgesperrten Räumen lauern nur darauf, dass jemand die Tür öffnet und Sauerstoff zuführt. Dann kommt es zu einer gewaltigen Feuerwalze bei Temperaturen bis zu 1200° C. Wer den Flash-over unvorbereitet erlebt, sagt Ad Moest, hat nur noch wenige Sekunden zu leben. „Er wird gekocht.“

Nicht viel besser ergeht es den arabischen Feuerkämpfern aus Tripolis: Freier Fall im Rettungsboot aus 25 m Höhe, entern einer Rettungsinsel, aussteigen aus einem im Wasser notgelandeten Hubschrauber. Sie üben auf einer künstlichen Öl-Plattform in einem Trainingspool. Maschinen erzeugen Wind, wenn gewünscht in Orkanstärke und totaler Dunkelheit. „Wir sind kein Vergnügungspark!“ grinst Ad Moest. Viele seiner Kollegen gehören zum ERT, dem Emergency Response Team von RISC. Die Spezialtruppe steht rund um die Uhr für weltweite Einsätze bereit. „Wir sind innerhalb von 24 Stunden samt Ausrüstung an jedem Ort.“

Früher Nachmittag. Die Abschlussübung. Böen jagen Rauchfetzen über das Gelände. Verbeets Männer stemmen sich gegen den aufkommenden Wind, sie halten ihre Helme fest. Ein dreistöckiges Chemiegebäude steht in Flammen. Eine Person wird vermisst. Flüssiggas strömt aus. „Einsatzleiter, jetzt hast du ein Problem!“ brüllt Ad Moest. Monitore und Strahlrohre arbeiten auf Hochtouren. Mit Entsetzen beobachtet Verbeet, wie einer der Schläuche sich durch den Wasserdruck losreißt und durch die Luft wirbelt. „Aufpassen, Männer!“ Alles geht in Deckung. Nach einer Stunde heißt es: „Feuer aus! Person gerettet“. Zum Glück war alles nur ein Training.

Von Thomas Olivier

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