Sicherheit

Europäische Union sagt Geldwäschern den Kampf an  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 23. 12. 05, elb – Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds werden jährlich zwischen 600 Mio. $ und 1,2 Mrd. $ „gewaschen“. Nach einer neuen EU-Richtlinie wird der Kampf gegen Geldwäsche bald zum Geschäftsalltag gehören. Vorreiter sind die Banken.

Der arbeitslose Bankkaufmann Günter B. (37) aus Rottal hatte als „Aktienexperte“ Verwandte und Freunde um 270 000 € erleichtert. Er investierte das Geld unter anderem in Spielclubs und Luxusreisen. Das Ganze flog auf, als er 40 000 € in Teilbeträgen an seine Geliebte in der Karibik überweisen wollte. Die Bank wurde aufmerksam und erstattete Anzeige – wegen des Verdachts der Geldwäsche.

Kreditinstitute überwachen Ein- und Auszahlungen sowie Kontobewegungen auf mögliche Straftatbestände. „Smaragt“ – etwa bei der Deutschen und der Hypo-Vereinsbank – oder „Searchspace“ bei der schweizerischen UBS heißen die Computerprogramme, mit denen täglich Millionen von Buchungen gescannt werden, um verdächtige Schemata im Kundenverhalten aufzuspüren. Rund 80 % der im Jahr 2004 beim Bundeskriminalamt eingegangenen 8062 Meldungen stammen von Banken, die damit eine Speerspitze im Kampf gegen Geldwäsche bilden.

Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds werden jährlich zwischen 600 Mio. $ und 1,2 Mrd. $ „gewaschen“, das heißt durch Verschleierung ihrer Herkunft in den regulären Wirtschaftskreislauf gebracht in Deutschland sind es etwa 100 Mrd. €. An der Spitze stehen Betrug und Steuervergehen, gefolgt von Drogenhandel und anderer Bandenkriminalität. Mafia-Banden und Terroristen bedienen sich der Geldwäsche, um illegale Einnahmen reinvestieren oder weitere Aktionen vorbereiten zu können.

Die Banken sind trotz der Kontrollen bevorzugtes Aktionsfeld. Bargeld wird durch Einzahlung auf Konten in Buchgeld umgewandelt und dann in kleineren Tranchen oft mehrere Dutzend Mal von verschiedenen Empfängern hin- und her überwiesen – bis sich seine Spuren verlieren. International operierende Täter unterhalten regelrechte Geldwäsche-Netzwerke rund um den Globus unter Einbeziehung von Offshore-Banken und Tarnfirmen.

Spezialabteilungen gehen verdächtigen Transaktionen nach allein bei der Deutschen Bank sind rund 200 Mitarbeiter damit beschäftigt. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, „Schlümpfe“ zu enttarnen. So wird im Fahnder-Jargon nach dem Vorbild der Comicfiguren das emsige Zusammenwirken mehrerer Tatbeteiligter bezeichnet. Hat sich ein Kunde verdächtig gemacht, ermittelt ein „Global Reference Solution“-System dessen weltweite geschäftliche Aktivitäten. „Scheinbar voneinander unabhängige Firmen in Deutschland, Australien oder einer Kanalinsel entpuppen sich plötzlich als raffiniertes Konglomerat“, so Chefanalystin Ingrid Tunsch vom Wirtschaftsinformationsanbieter D & B. Eine typische Geldwäsche-Konstellation sei auch gegeben, wenn mehrere Firmen, die sich für angeblich reguläre Geschäfte gegenseitig Rechnungen schreiben, unter ein und derselben Adresse logieren.

Im Gegensatz zu den Banken haben sich die ebenfalls zur Kontrolle verpflichteten Versicherungsunternehmen eher zurückgehalten, bemängelt Joachim Kaetzler von der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International mit Hinweis auf die BKA-Statistik. Gerade einmal 48 Verdachtsanzeigen stammen von ihnen. Dabei gilt gerade die Assekuranz als gefährdeter Bereich. Fahnder haben derzeit über 25 000 Kunden von Lebensversicherern im Visier, die im Verdacht stehen, Schwarzgeld durch Einmaleinzahlungen in Verträge versteckt und damit auch zusätzlich „gewaschen“ zu haben. Die Anleger hätten die Auszahlung nach zwölf Jahren steuerfrei kassiert. Dabei geht es um 1 Mrd. €.

Die Dritte EU-Geldwäscherichtlinie verpflichtet alle Finanzdienstleister, also auch die Versicherer und Investmentgesellschaften, zu einer effizienteren Überwachung. Geschäftsführer und Vorstände können leichter als bisher in die persönliche Haftung genommen werden. Neben empfindlichen Geldstrafen droht gegebenenfalls die Entziehung der Lizenz. Immobilienmakler werden ebenfalls verpflichtet, genauer hinzusehen, wenn etwa das Ferienhaus mit einem Koffer voller Barem bezahlt wird.

Von Kontrollen verschont blieben bisher Täter, die sich auf „altbewährte“ Weise schmutzigen Geldes entledigten, indem sie teure Gebrauchs- und Konsumgüter kauften und später wieder an den Mann brachten. Deshalb gilt die EU-Richtlinie für alle Anbieter von Waren in „bargeldintensiven“ Branchen. Diese zu benennen ist zwar Aufgabe der nationalen Behörden, doch werden mit aller Wahrscheinlichkeit Gebrauchtwagenhändler, Juweliere oder Galeristen darunter fallen. Sie müssen ihr Personal auf Geldwäschehinweise schulen. Bei Barzahlungen über 15 000 € muss der Händler den Personalausweis des Kunden kopieren und die Kopie fünf Jahre lang aufbewahren. Gegebenenfalls muss er sogar nachforschen, ob Ausweis und Käufer zusammen gehören.

Die Richtlinie ist bis 2007 in nationales Recht umzusetzen. Korruptionsjäger Kaetzler geht davon aus, dass dies in Deutschland schon früher geschieht. Es ist allerdings skeptisch, ob sich die Zahl der Verdachtsmeldungen deutlich erhöhen wird. Auf alle Fälle werde aber in einigen Bereichen die Sensibilität steigen. MANFRED GODEK

Spezialisten enttarnen so genannte Schlümpfe

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