Sicherheit

„Europa ist auf Krieg nicht vorbereitet“

VDI nachrichten – Die USA werden den Irak im Winter angreifen. Davon ist Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank, überzeugt. Seine Befürchtung: Steigende Ölpreise, sinkender Dollar-Kurs und weiterer Konsumrückgang reißen Europa und Japan dann mit in eine neue Rezession.

VDI nachrichten: Herr Prof. Walter, auf der Hannover Messe hieß es, die Stimmung in der Wirtschaft sei schlechter als die Lage. Trifft das heute noch zu?

Norbert Walter: Ich glaube nicht, dass Stimmung und Lage tatsächlich noch auseinander laufen – beide sind schlecht.

VDI nachrichten: Stürzen wir in eine neue Rezession?

Walter: Die Erholung in den USA ist ganz offensichtlich zu Ende. Das belegen die neuesten Wirtschaftsdaten und Stimmungseinschätzungen. Aber die Gefahr einer Rezession könnte sich noch deutlich erhöhen: Im Irak steht Krieg bevor – mit der Folge steigender Ölpreise, in Brasilien droht die Wirtschaft zusammenzubrechen, und die Probleme in einzelnen Branchen, wie der Telekom-Industrie, sind noch längst nicht behoben. Zusammen mit dem Leistungsbilanzdefizit der USA ergibt sich daraus eine gefährliche Gemengelage.

VDI nachrichten: Wie real ist denn die Gefahr eines Angriffs der USA auf den Irak?

Walter: Wir glauben, dass die USA sich nicht von den Einlassungen der Europäer beeinflussen lassen werden. Nach dem 11. September 2001 wollen die Amerikaner einen weiteren Angriff auf ihr Land verhindern. Das richtet sich vor allem gegen die Besitzer von Massenvernichtungswaffen. Die USA haben sich meiner Ansicht nach genügend Informationen verschafft, um das Aggressionspotenzial des Irak einschätzen zu können. Sobald die Witterungsbedingungen einen Bodenkampf zulassen, also voraussichtlich im Winter, werden die Amerikaner gegen Saddam Hussein vorgehen. Die Welt sollte sich darauf einrichten.

VDI nachrichten: Wie?

Walter: Die USA haben enorme Ölreserven geschaffen. Und wenn sie ihre Drohungen ernst meinen, brauchen sie diese Reserven auch. Das muss man ganz nüchtern sehen. Solche Überlegungen sind auch den anderen westlichen Ländern und Unternehmen anzuraten. Europa ist auf den Krieg im Irak bisher nicht vorbereitet.

VDI nachrichten: Tritt das von Ihnen beschriebene Szenario ein…

Walter: …dann würde die Welt ihrer Hoffnung auf eine konjunkturelle Erholung beraubt. Japan tut sich nach wie vor schwer, und Europa kommt einfach nicht auf die Beine.

VDI nachrichten: Wie stark hängt Europa denn am Tropf der US-Wirtschaft?

Walter: Die Abhängigkeit ist sehr ausgeprägt. Das bezieht sich nicht allein auf die Handelsströme zwischen den beiden Wirtschaftsräumen. Die Entwicklung in den USA hat auch einen großen, unmittelbaren Einfluss auf die Stimmung der Wirtschaft hier zu Lande. Hinzu kommt, dass ein dann noch schwächerer Dollar den Export belasten würde.

VDI nachrichten: Haben wir eine Chance, uns von der Wirtschaftsentwicklung der USA abzukoppeln?

Walter: Prinzipiell wäre das möglich. Dazu müssten die Europäer mit Selbstbewusstsein und Reformeifer vor allem ihre Institutionen modernisieren. Aber faktisch gibt es in Europa niemanden, der das in die Hand nimmt. Die Schröders und Stoibers erweisen sich statt dessen als Verzögerer – Stichwort: Zuwanderung.

VDI nachrichten: Wahljahre sind Wartejahre. Könnte die Bundestagswahl der deutschen Wirtschaft neuen Drive geben?

Walter: Da bin ich skeptisch. Seit langem scheinen alle Umfragen zum Wahlausgang relativ klar und damit verlässlich. Aber mein Bauch warnt mich, diese Ergebnisse schon für bare Münze zu nehmen. Dazu ist die Stimmung der Wähler viel zu schwankungsanfällig. Es könnte eine schwarz-gelbe Mehrheit geben, aber auch eine große Koalition unter Führung von Stoiber hat eine beachtliche Wahrscheinlichkeit. Aber wie konstruktiv würde die SPD unter einem Kanzler Stoiber mitwirken? Und wer aus der SPD würde für die Regierungsarbeit zur Verfügung stehen?

Und selbst wenn künftig eine Koalition aus CDU/CSU und FDP regierte – auch die würde nicht durch drastische Reformen die Mehrheit im Bundesrat aufs Spiel setzen.

 

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