Interview: Öl- und Gasbohrungen

„Es wird höhere Sicherheitsstandards geben“

Angesichts der Deep-Water-Horizon-Katastrophe sieht sich der Öl- und Gaskonzern Wintershall sicherheitstechnisch gut gerüstet, erklärt Martin Bachmann, Vorstand für Exploration und Produktion.

INGENIEUR.de: Herr Bachmann, in welchen Tiefen ist Wintershall bei Bohrungen in Offshore-Öl- und Gasfeldern aktiv – in der Nordsee und weltweit?

Die Nordsee ist seit Jahrzehnten eine unserer wichtigsten Förderregionen. Die durchschnittliche Wassertiefe bei unseren produzierenden Öl- und Gasplattformen liegt bei 25 m bis 40 m. Natürlich suchen wir auch nach neuen Feldern. Einige unserer eigenoperierten Explorationsbohrungen in Norwegen erreichen auch Wassertiefen bis zu 400 Meter.

Wie schätzen Sie dabei heutzutage das Sicherheitsrisiko ein?

Bachmann: Generell kann man sagen, dass die Komplexität einer Bohrung zunimmt, je weiter man sich vom Festland entfernt und je tiefer das Gewässer ist.  

Welche Sicherheitsmaßnahmen ergreifen Sie?

Bachmann: Bohrprojekte stellen besondere Anforderungen, die schon bei der Planung berücksichtigt werden müssen. Dies ergibt sich aus den speziellen technischen Herausforderungen, den zeitlichen Vorgaben, dem Umstand, dass mehrere Kontraktoren auf der Bohrlokation arbeiten, sowie aus Arbeiten selbst, die mit Gefahren für die Sicherheit, die Gesundheit und die Umwelt verbunden sind. Unsere Standards und Abläufe dabei sind das Resultat jahrzehntelanger Erfahrung und der Zusammenarbeit einer Vielzahl von Experten.

Um – insbesondere auch für unvorhergesehene Ereignisse – gewappnet zu sein, legen wir deshalb vor dem Bohrbeginn alle Betriebsabläufe unter den Gesichtspunkten des Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutzes so exakt wie möglich fest. Die Verantwortlichkeiten, Zuständigkeiten und die in einem Notfall einzuhaltenden Kommunikationswege werden definiert. Daneben werden im Vorfeld detaillierte Notfallpläne erstellt, welche durch regelmäßige Übungen trainiert werden. Ein wichtiger Punkt ist auch die enge Zusammenarbeit mit dem Bohrkontraktor und allen am Projekt Beteiligten. Vor Beginn all unserer Explorations- und Förderaktivitätem nehmen wir zudem eine sehr genaue Umweltverträglichkeitsprüfung vor und treffen Maßnahmen zur Minimierung der Einflüsse auf die Umwelt. Außerdem setzten wir zur Vermeidung eines unkontrollierten Öl- und Gasaustritts bei unseren Bohrungen immer mindestens zwei redundante Absperrsicherungen ein.  

Die Anrainerstaaten des nordöstlichen Atlantiks haben Ende September einen Stopp für neue Tiefsee-Ölbohrungen in der Nordsee abgelehnt. Die internationale Ministerkonferenz des Übereinkommens zum Schutz der Meeresumwelt des Nordostatlantiks (OSPAR) sprach sich im norwegischen Bergen vorerst gegen ein Moratorium aus. Für weitere Entscheidungen soll bis Januar gewartet werden, wenn wie geplant der Untersuchungsbericht zur dem defekten Bohrloch der Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko vorgestellt wird.

Wieweit hat diese aktuelle Situation Einfluss auf Ihre Aktivitäten in der Nordsee?

Bachmann: Da wir derzeit als Betriebsführer nicht in so tiefem Wasser aktiv sind, sind wir nur indirekt betroffen. Sicher ist aber, dass die gesamte Branche aus der verheerenden Katastrophe im Golf von Mexiko Konsequenzen ziehen wird. Es wird künftig noch höhere Sicherheitsstandards bei allen Offshore-Aktivitäten geben. Gleichzeitig müssen wir daran arbeiten, die Technologien noch besser und sicherer zu machen und bessere Vorkehrungen für etwaige Unfälle zu treffen.

Durch welche Maßnahmen könnten Sie die derzeitigen Sicherheitsstandards für Ihre Offshore-Bohr-Aktivitäten noch weiter verbessern?

Bachmann: Ich bin der Auffassung, dass Sicherheitsmanagement und Risikobewusstsein in diesem Kontext ganz entscheidende Faktoren sind. Unser Sicherheitsmanagementsystem umfasst daher sämtliche Phasen der Exploration und Förderung – von der Planung bis zum Abschluss. Darüber hinaus arbeiten wir in dieser Hinsicht eng mit unseren Konsortialpartnern und der Industrie zusammen.

Könnten Sie einen Unfall, wie er auf der Deepwater Horizon passiert ist, für ihre Aktivitäten in der Nordsee ausschließen?

Bachmann: Grundsätzlich könnten sich auf jeder Plattform Unfälle ereignen, denn menschliches Versagen wird auch in Zukunft nicht auszuschließen sein. Wir arbeiten in der Nordsee aber nur auf dem Festlandsockel in geringeren Wassertiefen. Hier sind mögliche Risiken weitaus beherrschbarer als im Tiefwasser. Wir verfügen inzwischen über Jahrzehnte lange Erfahrung in diesem Bereich und werden uns auch in Zukunft darauf konzentrieren. Denn dauerhafter wirtschaftlicher Erfolg ist für uns ohne Gesundheitsschutz, Arbeitssicherheit und Umweltschutz unmöglich.

Von Robert Donnerbauer/Stephan W. Eder
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