Gesundheit

„Es sind die Ängste, die krank machen, nicht die Strahlen“

Mit zunehmender Akzeptanz des Kommunikationsmittels Handy wächst die Furcht vor gesundheitlichen Gefahren. Vor allem die wachsende Dichte an Mobilfunkmasten rückt das Problem in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Doch für gesundheitliche Beeinträchtigungen fehlen offensichtlich die Beweise.

Das Handy wird akzeptiert, Basisstationen aber werden abgelehnt; gleichzeitig soll flächendeckend der Empfang garantiert werden – dieses Dilemma formulierte der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) in einem Positionspapier, das er diese Woche in Berlin veröffentlichte. Darin nimmt der VDE unzweideutig Stellung zu den möglichen Gesundheitsgefahren, die von hochfrequenter Mobilfunkstrahlung ausgehen soll: „Trotz intensiver Forschung gibt es bislang keinen Beweis dafür, dass Handys oder Mobilfunkstationen die Gesundheit gefährden.“ Mediziner hätten weder auf Basis epidemiologischer Studien noch im Tierversuch Beeinträchtigungen finden können.

Diese Erkenntnis beruht auf einer Metastudie, die 62 wissenschaftliche Publikationen berücksichtigte. Durchgeführt wurde das Projekt am „Forschungszentrum für elektromagnetische Umweltverträglichkeit“ der RWTH Aachen unter Leitung von Prof. Jiri Silny.

Die bisherigen Erkenntnisse sprechen demnach gegen einen Zusammenhang zwischen Strahlung und Krebs. Keine gesundheitsrelevanten Ergebnisse brachten Untersuchungen zur Blut-Hirn-Schranke, zu Hormonen und zum neuroendokrinen System. „Eine Beeinflussung des Kalziumhaushaltes der Zelle durch hochfrequente Felder konnte ebenfalls nicht reproduziert werden“, so Silny. Zudem reagieren Kinder, alte oder kranke Menschen nicht empfindlicher.

Bei aller Angst wird oft übersehen, dass Handys eine um den Faktor 1000 bis 10 000 stärkere Strahlung aussenden als Mobilfunkstationen. „Die Wirkung von Basisstationen ist völlig zu vernachlässigen“, meint Jiri Silny. Es sei in jedem Fall sinnvoll, bei der wissenschaftlichen Forschung zunächst Handy-Felder zu untersuchen und sich dann geringeren Feldstärken zuzuwenden. Es sei aber nicht von der Hand zu weisen, so der Wissenschaftler, dass die Angst vor Mobilfunkstrahlen selbst zu unzweideutigen und konkreten psychosomatischen Beschwerden führen kann. Diese Ängste möchte der VDE durchaus ernst nehmen und verstärkt zur Aufklärung beitragen.

Kontraproduktiv sei hier die Forderung nach niedrigeren Grenzwerten. Würden diese nämlich gesenkt, so gab Jörg Eberspächer, Professor an der TU München und Vorsitzender der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE (ITG), zu bedenken, müssten die Funkzellen noch kleiner und damit die Zahl der Sendestationen erhöht werden. Dies würde die Ängste der Menschen eher noch vergrößern.

Forschungsbedarf besteht aber weiterhin, besonders was den direkten Einfluss von Handys auf elektrische und biologische Vorgänge im Hirn angeht. Es gibt nämlich durchaus begründete Hinweise darauf, dass sich dort Veränderungen abspielen, die etwa zu einer mehrprozentigen Verkürzung der Reaktionszeit von Probanden führen.

Probleme bereitet der Mobilfunk allerdings einer Personengruppe, die dank Elektronik erst wieder zu einer gewissen Lebensqualität gefunden hat – den Trägern von Insulinpumpen und Herzschrittmachern. Deren elektronische Bauteile reagieren sehr empfindlich auf elektromagnetische Felder von Handys, aber auch von Warensicherungssystemen und Zutrittskontrollen. So seien bereits lebensbedrohliche Situationen durch Überdosierungen von Insulinpumpen bekannt geworden. Wie diesem Problem angesichts einer Zunahme drahtloser Systeme beizukommen ist, sei derzeit noch völlig unklar, räumt Jiri Silny ein. MARTIN BOECKH

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