Sicherheit 19.05.2000, 17:25 Uhr

„Enschede wäre hier nicht möglich“

Wäre eine solche Katastrophe auch hier möglich? Nein, sagen die Experten. Ein dichtes Vorschriftennetz und eine gefahrenbewusste Branche sorgen für weitgehend sichere Produktion und Lagerung von Feuerwerkskörpern.

Ich war schockiert.“ Dietrich Eckardt ging es bei den ersten Bildern vom Unglück in Eschede wie den meisten Deutschen: Eine so schlimme Katastrophe in einem Land, dessen behördliche Überwachung als ähnlich streng gilt wie die deutsche? Der Leiter des Labors für Pyrotechnik an der Berliner Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) hat auch Tage danach noch keine Erklärung. „Es ist mir vollkommen schleierhaft, wie so etwas in Holland passieren konnte.“
Bei Eckardt steht seit dem vergangenen Wochenende das Telefon nicht mehr still. Ist eine solche Explosion auch in Deutschland denkbar?, wollen viele wissen. Schließlich produziert hier rund ein Dutzend Firmen jedes Jahr rund 100 Millionen Feuerwerkskörper, dazu kommen Explosionsstoffe für bestimmte Branchen wie die chemische Industrie oder die Automobilindustrie. All diese Produkte müssen gelagert und transportiert werden – also genügend Gefahrenpunkte für Unfälle ähnlicher Art. Aber: „In Deutschland kann bei der Lagerung von Feuerwerkskörpern ein Unglück mit verheerenden Schäden ausgeschlossen werden“, versichert die BAM.
Die Behörde in Berlin ist zuständig für die Bewertung der Sicherheit beim Umgang mit explosiven, brennbaren oder anderweitig reaktionsfähigen Chemikalien. Bei den Explosivstoffen prüft sie die Sicherheit bei Herstellung, Lagerung, Transport und Anwendung. Sie klassifiziert und beurteilt explosive Stoffe. Feuerwerkskörper kommen in Deutschland erst auf den Markt, nachdem sie von der BAM zugelassen sind. Laut Eckardt sind derzeit rund 5000 verschiedene Feuerwerksartikel zugelassen und jedes Jahr kommen rund 250 neue dazu. „Wir prüfen jedes Produkt, auch wenn es noch so klein ist“, stellt der BAM-Experte klar.
Das Netz der Vorschriften für die Pyrotechnik ist in Deutschland eng geknüpft. Das Sprengstoffgesetz, die 2. Sprengstoffverordnung und sechs Sprengstofflager-Richtlinien schreiben detailliert vor, welche Produkte unter welchen Sicherheitsvorschriften produziert und gelagert werden müssen. Das deutsche Gesetz kennt vier Gefahrenstufen bei der Lagerung. Die Abstände eines Lagers zur nächsten Wohnbebauung hängen einerseits von der Gefahrenstufe, andererseits von der gelagerten Menge ab. „Silvesterknaller, wie sie der Normalbürger kaufen kann, gehören fast alle in die niedrigste Gefahrenstufe“, erläutert Heinz Swart, Technischer Geschäftsführer der Firma Comet in Bremerhaven, Branchenführer bei Pyrotechnik in Deutschland. Aber auch ein Lager für so harmlose Knaller und Raketen müsste hier ab einer Menge von 100 kg 25 m vom nächsten Haus und 25 m von der nächsten Straße oder Schiene entfernt sein.
Großfeuerwerkskörper und Sprengstoffe dagegen, wie sie in Enschede gelagert waren, gehören in Deutschland in die höchste Sicherheitsstufe. Bei einer Lagermenge von 1 t beträgt der Mindestabstand zu Wohnhäusern 220 m, zu Straße oder Schiene 150 m. Das hat seinen Grund: Anders als Kleinst- und Kleinfeuerwerk enthalten Produkte für Großfeuerwerke chemische Substanzen wie Kaliumperchlorat und Aluminiumverbindungen, die leicht explodieren. „Da genügt ein kleines Feurchen“, so Eckardt.
Die Hinweise verdichten sich, dass die Firma S. E. Fireworks – die weder Eckardt noch Swart bisher bekannt war – in Enschede ein illegales Lager für Großfeuerwerk und Sprengstoffe unterhalten hat. „Wenn es sich bei dieser Firma um einen reinen Exporteur handelt, könnte es schwierig werden, die Schuldigen zu finden“, vermutet Swart. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Importeur wenig Augenmerk auf möglicherweise falsch etikettierte Ware legt. „Es ist bekannt“, so Eckardt, „dass manche Hersteller in China ihre Ware mit der niedrigsten Sicherheitsstufe ausweisen, um Transportkosten zu senken und Haftungsrisiken zu umgehen.“ Er schließt aus, dass in Deutschland hergestellte Feuerwerkskörper bewusst falsch etikettiert werden. Die Branche sei so klein und der Markt so hart umkämpft, dass jeder jeden im Auge behalte.
Niemand aber kann ausschließen, dass es auch hier illegale Lager gibt. So meldete die Nachrichtenagentur AP vergangenen Mittwoch, dass in einem Gewerbegebiet im niedersächsischen Bad Bentheim 1500 m3 Klein- und Kleinstfeuerwerk in einem illegalen Lager entdeckt worden seien. Ein Sprecher des Landkreises gab an, die Halle werde von einem Hamburger Unternehmer genutzt, dem die Lagerung nur bis Ende Januar genehmigt worden sei. cf
Klein- und Kleinstfeuerwerk für Silvester ist harmlos, weil nicht selbstentzündlich. In Enschede dagegen explodierte Großfeuerwerk, das nur weitab von Wohngebieten gelagert werden darf.

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