Betriebskrankenkassen schlagen Alarm

Eine Frage der Balance

33,5 Mio. Menschen leiden an Rückenschmerzen. Die Behandlung der Leiden belastet die Volkswirtschaft mit jährlich 35 Mio. DM. Stuhlhersteller arbeiten schon länger an verschiedenen ergonomischen Konzepten.

Ergonomen kennen in einem Punkt kein Pardon: Rechter Winkel muss sein, und zwar zwischen Bildschirm und Fenster. Viele Leute machen den Fehler, den Monitor so zu installieren, dass sie bei der Arbeit aus dem Fenster sehen können, erzählt Dietmar Gude, Ergonom an der Uni Dortmund, aber dann werden sie vom natürlichen Licht geblendet und können auf dem Bildschirm nichts mehr erkennen. Auch der Trick, den Bildschirm vorm Fenster zu lassen und bei starkem Sonneneinfall die Jalousien herunter zu lassen, hilft nach Ansicht des Wissenschaftlers nicht: „Dann werden sie von den Leuchtstoffröhren geblendet, die in der Regel parallel zum Fenster angebracht werden.“
Nein, nein, rechter Winkel muss sein. Da kennen die Ergonomen kein Pardon. Bleibt nur die Frage, ob das Fenster links oder rechts vom Menschen sein soll. Das hängt von der Art der Arbeit ab, weiß Gude. Sekretärinnen zum Beispiel, die oft links vom Monitor eine Papiervorlage liegen haben, sollten das Fenster auf der rechten Seite haben. Wer dagegen ohne Papiervorlagen arbeitet, darf auch über die linke Schulter nach draußen blicken.
Dies sind nur zwei Empfehlungen, die die Dortmunder Wissenschaftler für die ergonomische Gestaltung eines Arbeitsplatzes geben. Sie gehen über die insgesamt 17 verbindlichen Vorschriften der EU-Bildschirmrichtlinie hinaus. Die Richtlinie regelt u. a. Mindestgröße des Raumes, die Bewegungsfläche am Arbeitsplatz, die Tiefe des Tisches, die Seh-Entfernung zum Monitor sowie die Größe des Raumes, der für Beine und Füße vorhanden sein muss. Außerdem macht sie Vorschriften zur Oberflächen der Möbel sowie zur Ausstattung der Stühle. Fünf Rollen sollten sie besitzen, höhenverstellbar sein, und die Rückenlehne sollte bis zu den Schulterblättern reichen. Gleichzeitig sollte er die Lendenwirbel beim Sitzen gut abstützen.
„Wir gehen davon aus, dass Beschwerden im Lendenwirbelbereich heutzutage ein großes Problem darstellen“, sagt Gude, größer noch als das vor einigen Jahren so häufig thematisierte Repetitive Strain Injury (RSI), das vor allem Mitarbeiter an Bildschirm-Eingabeplätzen entwickelten.
Fakt ist: Nach einer Studie der Betriebskrankenkassen leiden 33,5 Mio. Menschen an Rückenschmerzen, 20 Mio. geben sich in ärztliche Behandlung. 30 % der Krankmeldungen gehen auf Rückenbeschwerden zurück. Nach Angaben der Krankenkassen belasten Rückenleiden die Volkswirtschaft mit 35 Mio. DM pro Jahr.
Eine Studie des Heinrich Bauer Verlages kam zu dem Resultat, dass nur 11 % der Bildschirmarbeiter beschwerdefrei sind, die Hälfte der Befragten klagten über Muskelverspannungen und Augenbeschwerden. Die Ursachen sind vielfältig, sie reichen vom schlechten Klima am Arbeitsplatz bis hin zu ergonomisch schlechter Gestaltung.
„Der Stuhl ist Herzstück eines gesunden Büros“, heißt die Unternehmensphilosophie des Stuhlherstellers Dauphin, Offenhausen. Das mittelfränkische Unternehmen, einer der größten Hersteller in Europa, hat u. a. die Telekom, den Daimler-Konzern und das Europa-Parlament mit Sitzmöbeln ausgestattet. Sein Markenzeichen ist die so genannte „Synchro-Balance“, die dafür sorgt, dass das Becken – ohne es einzuengen – in jeder Haltung als Rumpfbasis fixiert wird. Obendrein „gehen von Dauphin-Stühlen ständig Stimulation und Reize zur Haltungsänderung aus“, behauptet Dauphin-Mitarbeiter Rolf Selling.

Sitzen ist keine Knochenarbeit, sondern Muskelaktivität

„Sitzen ist keine Knochenarbeit, sondern Muskelaktivität“, beschreibt Selling den wissenschaftlichen Stand der Erkenntnis, weshalb Fachleute inzwischen vom „dynamischen Sitzen“ sprechen. Denn inzwischen weiß man, dass Menschen beim Sitzen etwa alle 30 s ihre Position verändern, um die Durchblutung zu gewährleisten. Genau das sollte ein Bürostuhl unterstützen.
Deshalb verfügen die meisten Stühle inzwischen über einen Mechanismus, der einer Art „Liegestuhl-Prinzip“ folgt, erklärt Gude. Durch den Druck auf die Rückenlehne, etwa dann, wenn sich der Mensch nach hinten lehnt, passt sich die Sitzfläche an, und das Becken wird nicht be-, sondern entlastet. Diese Synchronmechanik, die durch eine Gasfeder ausgelöst wird, ist mittlerweile Kennzeichen eines guten Stuhls.
Der Mindener Büromöbel-Hersteller Drabert ging noch einen anderen Weg. Er brachte jüngst einen Stuhl – genannt Mikromotiv – auf den Markt, der seinen Besitzer sanft schüttelt.
Fünf Mal pro Minute sorgt ein Akku-betriebener Motor in der Sitzfläche für sanfte Rotationen, der Sitz dreht sich um 0,8° nach links und 0,8° nach rechts. Das bringt die Bandscheiben in Bewegung und entlastet sie, heißt es bei Drabert. Die Menschen empfinden dabei ein angenehmes Kribbeln in der Lendenwirbelsäule, fast wie eine kleine Massage.
Drabert-Geschäftsführer Jürgen Thorwald ließ den Stuhl von niederländischen Wissenschaftlern testen. Ergebnis: Die Probanden, die über einen längeren Zeitraum während der Arbeit auf Mikromotiv gesessen hatten, klagten nicht mehr über Rückenschmerzen. Damit scheint der Schluss erlaubt, dass die winzigen Rotationen die Muskulatur entspannen und die Wirbelsäule entlasten.
Für Gabriele Wander, Körpertherapeutin, kommt derlei Hightech-Gesundheit schon fast einer Entmündigung der Menschen gleich. Sie entwarf ein Sitzmöbel, das nach Feng-Shui-Prinzipien designt wurde und viele Sitzarbeiter zunächst abschrecken mag. Mi Shu ist eine Art Hocker aus Holz, dessen Sitzfläche sich jeder Bewegung anpasst, versichert die Erfinderin. Möglich wird das durch ein 3D-Gelenk unter der Sitzfläche, das auf Bewegungen reagiert.
„Mit minimalen Bewegungen kommt der Körper in feine leichte Schwingungen, so, als würde man beim Sitzen heimlich tanzen“, beschreibt Wander das Prinzip. Auch das soll für einen gesunden Rücken sorgen. Gleichwohl will sie keine Missverständnisse aufkommen lassen. Für einen Acht- oder Zehn-Stunden-Tag eignet sich Mi Shu nicht, denn das hält selbst die besttrainierte Wirbelsäule nicht durch Wanders Hocker kann allenfalls als Ergänzung zu konventionellen Möbeln dienen. HELENE CONRADY

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