Gesundheit

Ein „Krebs-Wächter“ schlägt Alarm

Krebs oder degenerative Hirnerkrankungen lassen sich nur dann gezielt behandeln, wenn sie rechtzeitig erkannt werden. Die Nuklearmedizin bietet jetzt neue Methoden zu Früherkennung und Therapie.

Lang ist die Liste der prominenten Opfer von degenerativen Hirnerkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Parkinson. Muhammed Ali, Leonid Breschnew, Ronald Reagan oder Deng Xiaoping sind nur wenige Beispiele dafür. Bislang gelten beide Krankheiten als unheilbar. Den Patienten aber kann bei rechtzeitiger Diagnose viel Leid erspart werden. Seit neuestem eignet sich dafür die Positronen-Emissions-Tomografie (PET) am besten.
Die PET ist derzeit das modernste nuklearmedizinische Verfahren zur Darstellung von Organ- und Zellfunktionen. Dabei wird von außen ein radioaktiv markiertes Arzneimittel im Körper schmerzfrei verfolgt. „Der wichtigste Marker ist zur Zeit mit Fluor-18 markierter Traubenzucker“, erläutert Prof. Udalrich Büll vom Universitätsklinikum Aachen. Tumorgewebe verbraucht mehr Energie als gesunde Zellen, der markierte Zucker reichert sich deshalb dort stärker an. Mittlerweile ist die PET die sicherste Diagnose-Methode bei Dickdarmkrebs, Lymphomen, Lungenkrebs, Hautkrebs und Pankreaskarzinomen. „Wenn mit PET kein Herd nachgewiesen werden kann, dann liegt auch kein Krebs (mehr) vor“, behauptet Büll.
Derzeit gibt es nur 55 PET-Geräte in ganz Deutschland. „Die PET ist etwa doppelt so teuer wie andere bildgebende Verfahren, doch der Vergleich hinkt“, meint Büll. Denn zum einen erfaßt nur die PET den ganzen Körper, zum anderen ließen sich durch die gezielte Chemotherapie-Kontrolle wiederum teure Medikamente einsparen.
Enorme Fortschritte bei der Behandlung von Brustkrebspatientinnen erzielte jetzt Dr. Norbert Avril vom Klinikum rechts der Isar. Mit einer Gamma-Kamera kann er am Sentinel oder „Wächterlymphknoten“ erkennen, ob ein Tumor bereits in die Achselhöhle gestreut hat. Der Sentinel ist der „erste“ Lymphknoten im Lymphabflußgebiet eines Mammakarzinoms, in dem sich Metastasen auch als erstes festsetzen würden.
„Falls der Sentinel keine Krebszellen enthält, werden auch die folgenden Lymphknoten tumorfrei sein“, ist sich Avril sicher. Bisher mußten die Ärzte immer gleich die ganze Achselhöhle „ausräumen“, um ein Ausbreiten der Metastasen zu verhindern. Jetzt werden nur noch 2 % bis 5 % der Patientinnen zusätzlich in der Achselhöhle operiert.
Wenn allgemein bei einem Krebsleiden die Chemotherapie nicht anschlägt, kann vielleicht die Radioimmuntherapie helfen. Dabei nutzt man bestimmte Substanzen als Vehikel, um radioaktive Moleküle bis zu den entarteten Zellen zu bringen. So gelangt die Strahlung huckepack direkt an oder in die Tumorzelle und kann sie gezielt von innen vernichten. „Gesunde Körperzellen werden davon aber nicht in Mitleidenschaft gezogen“, versichert Prof. Wolfgang Becker von der Universität Göttingen.
Inzwischen werden sogar Antikörper mit radioaktiven Substanzen gekoppelt. Auf diese Weise konnten die Mediziner die Überlebensrate von Lymphkrebs-Patienten auf 70 % bis 90 % steigern – ohne diese Behandlung hätten die Patienten praktisch keine Überlebenschance mehr gehabt. Die Radioimmuntherapie habe sich außerdem bereits bei der Behandlung von Blut-, Brust- und Darmkrebs bewährt, meint Becker.
Von derartigen Heilungsraten können Patienten mit degenerativen Hirnerkrankungen heute nur träumen. Aber auch hier kann die Nuklearmedizin eine Menge Leid lindern. So wurden für Alzheimer- und Parkinson-Patienten neue Behandlungsmethoden entwickelt, die den Krankheitsverlauf zumindest verlangsamen.
Die Parkinsonsche Krankheit entsteht, wenn im Gehirn nicht mehr ausreichend Dopamin gebildet wird, das die Bewegungsabläufe im Körper steuert. Erste Anzeichen sind Zittern und eine zunehmende Muskelstarrheit. Bei der Alzheimer-Krankheit dagegen kommt es zur Einbuße der geistigen Fähigkeiten, zur sogenannten Demenz.
Beide Erkrankungen können nun mit der PET zuverlässig diagnostiziert werden. „Der Zuckerverbrauch der Hirnzellen zeigt die Aktivität der Nerven an – bei Alzheimer im Scheitel- und Schläfenlappen und bei Parkinson im Striatum“, sagt Prof. Torsten Kuwert, Universität Erlangen-Nürnberg.
Bei Parkinson soll die Gabe von L-Dopa das Leiden lindern. Manchen Patienten kann auch dadurch geholfen werden, daß die Nervenzellen in den betroffenen Hirnregionen gezielt zerstört werden. Oft nutzt dies aber nur kurzzeitig. Ein anderer Weg wäre das Implantieren eines sogenannten Hirnschrittmachers. Dabei werden die Nerven durch eingepflanzte Elektroden dauerhaft elektrisch gereizt. Solch ein Hirnschrittmacher aber kostet rund 23 000 DM.
Die Früherkennung mit der PET ist ebenfalls teuer. Trotzdem sind sich die Nuklearmediziner einig, daß sie bereits bei den ersten Ausfallerscheinungen eingesetzt werden sollte. Sie hilft beispielsweise zur Abgrenzung der Alzheimer-Krankheit von Depressionen – denn es gibt eine Reihe von Krankheiten, die eben nicht Alzheimer sind und die dann gezielt behandelt werden können.
BETTINA RECKTER
Muhammed Ali und Ronald Reagan sind prominente Opfer der degenerativen Hirnerkrankungen Morbus Alzheimer und Morbus Parkinson, die Nuklearmediziner nun besser diagnostizieren können.

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