Sicherheit

Ein kleines Risiko bleibt immer

Die Ängste von Laien vor riskanten Techniken sollen ernst genommen werden, fordern Experten. Diskurse können Risiken bewusst machen.

Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können, und doch war es Zufall: Vergangene Woche, während sich die Debatte über BSE einem ersten Höhepunkt (dem Verbot der Tiermehlverfütterung) näherte, trafen sich am Donnerstag Wissenschaftler in Stuttgart, um über Risikokommunikation zu diskutieren.
Eingeladen hatte die Akademie für Technikfolgenabschätzung, die mit ihren Bürgerdiskursen zu Themen wie Gentechnik oder Abfallentsorgung seit mehreren Jahren eine Form der Risikokommunikation praktiziert, die von Fachleuten mit großem Respekt verfolgt wird. Denn mit diesen Diskursen ist es gelungen, eine Methode zu entwickeln, die Laien „risikomündig“ macht, wie es Prof. Ortwin Renn, Vorstandsmitglied der TA-Akademie nennt. Genau darum muss es in der Demokratie gehen, betonte Renn.
Seiner Ansicht nach ist es ein Trugschluss zu glauben, man könne mit der Kommunikation des Risikos, das heißt mit dem Bereitstellen einer Fülle von wissenschaftlich gesicherten Informationen über eine Technik oder ein bestimmtes Verfahren, in der Öffentlichkeit dafür Akzeptanz herstellen. Viel mehr gehe es in der öffentlichen Auseinandersetzung um Akzeptabilität, also um die Frage, unter welchen Bedingungen eine Technik tolerierbar ist – oder nicht.
Mit dieser These dürfte Renn in der Industrie noch immer Irritationen auslösen, denn dort hält sich vielfach noch der Glaube, ein paar gut investierte Millionen in eine PR-Kampagne stellten ein Heilmittel in kritischen Situationen dar. Umso ärgerlicher, wenn es nach Ablauf der Kampagne noch immer Nörgler gibt, die sich den Argumenten entziehen. Renn zählt derlei Bemühungen unter das Kapitel „Angst-Kommunikation“, die notwendigerweise scheitern muss, nicht zuletzt deshalb, weil Ängste der Bürger oft nicht ernst genommen werden.
Wer eine erfolgreiche Risikokommunikation betreiben möchte, sollte die Ängste der Laien ernst nehmen, heißt deshalb die Forderung, die Prof. Armin Grunwald, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe, erhob. Er machte allerdings auch darauf aufmerksam, dass es wichtig sei, „zwischen Problem und Problemwahrnehmung zu unterscheiden. Nicht immer besteht das Problem in seiner öffentlichen Wahrnehmung“. Selbst wenn die Intensität der Klimadebatte nachlassen sollte, würde doch das eigentliche Klimaproblem weiter bestehen, betont der ITAS-Chef.
Wie schwierig es ist, genau dieser Forderung nach zu kommen, zeigt die Diskussion um das Multiple chemical sensitivity syndrome (MCSS), ein Krankheitsbild, das seit den 80er Jahren intensiv beobachtet wird. Dabei klagen die Patienten über Beschwerden, die sie auf Umwelteinflüsse zurückführen. Die Symptome sind empirisch messbar und verursachen auch somatische Schäden bei den Betroffenen.
Gleichwohl lässt sich eine Kausalbeziehung zwischen den vermuteten Ursachen der Umweltbelastung und dem Krankheitsbild nicht herstellen, weshalb man heute davon ausgeht, dass psychische Ursachen eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen, da die Umwelt von den Patienten als gefährlich, ja bedrohlich wahrgenommen wird. Dies konnte in sogenannten „Pseudo-Expositionen“ nachgewiesen werden, bei denen Patienten glaubten, einer für sie gefährlichen Substanz ausgesetzt zu sein. Tatsächlich aber war das nicht der Fall. Trotzdem reagierten die Patienten mit erneuten Krankheitssymptomen.
Aus Sicht von Fachleuten ist dieses Krankheitsbild nicht mit Simulantentum oder einem „kulturell akzeptablen Wahn“ (Prof. Uwe Gieler, Universität Gießen) zu erklären. Es ist eine reale, sehr ernst zu nehmende Krankheit, die allerdings, so Gieler, auch einer besonderen Behandlung bedarf. Seiner Erfahrung nach hat sich eine individuell abgestimmte Kombination von medizinischen und psychotherapeutischen Methoden bewährt freilich sollte eine sachliche Aufklärung über „die die Exposition vermeidende Strategie“ ebenfalls Bestandteil der Therapie sein.

Aktivitäten der Medien verursachen politische Paralyse

Laien, so Ortwin Renn, nehmen Risiken komplex und intuitiv wahr, während Fachleute sich darum bemühen, sie in nachweisbaren Kategorien darzustellen. So gesehen ist die statistische Wahrscheinlichkeit und damit die Gefahr, an Salmonellen zu erkranken, weitaus größer als die, sich mit BSE zu infizieren. Dennoch wird die BSE-Infizierung von Laien als das größere Risiko verstanden, entsprechend höher sind Erwartungen an Industrie und Politik, etwas gegen dieses Risiko zu unternehmen.
Und es wäre wiederum ein Fehler, so Renn, die Risikowahrnehmung der Laien nicht ernst zu nehmen. Das eigentliche Problem ist ein anderes: Die Risikowahrnehmung der Laien und die damit verbundene Aktivität der Medien setzt Politiker unter einen Handlungsdruck, der in einer „politischen Paralyse mündet. Nichts bewegt sich mehr.“ (Renn)
Einziger Ausweg sind Diskurse, meint Renn, und darunter versteht er „Sprechakte im gegenseitigen Austausch von Argumenten nach festgelegten Regeln ohne Ansehen der Person und ihres Status“. Viel, lange und intensiv über einen Gegenstand reden, so der Wissenschaftler, macht noch keinen Diskurs aus. Er unterscheidet zwischen drei verschiedenen Arten von Diskursen.
An erster Stelle steht der kognitive Diskurs, in dem sich die Fachleute über die Spannbreite wissenschaftlicher Ergebnisse austauschen und sie abschätzen. In einem zweiten geht es um Handlungsstrategien zur Risikoreduktion nach der sogenannten Wertbaum-Analyse. Dabei werden die Werte aller beteiligten Parteien nach einem genau vorgeschriebenen Verfahren hierarchisiert. Im dritten Diskurs schließlich sind die betroffenen Bürger beteiligt. Dabei geht es neben der sachlichen Aufklärung der Laien vor allem darum, die bei „Risikoanalysen unvermeidbaren Ambivalenzen und Unsicherheiten“ festzuhalten. Erst die Bewusstmachung verbleibender Risiken eröffne neue Strategien, kreativ mit Risiken umzugehen, meint Renn, erst mit diesem Wissen ergebe sich Risikomündigkeit.
Bleibt die Frage, welche Rolle die Medien in der Risikokommunikation spielen. „Sie ist ereignisorientiert“, sagt Hans Spada, Freiburger Psychologe, der die Berichterstattung einer großen regionalen Tageszeitung zum Thema „Meer“ über einen längeren Zeitraum untersucht hat. Langfristige Veränderung und der Beitrag, den alle als Verbraucher und Bürger zu dieser Entwicklung beitragen, kommt in den Berichten nicht ins Blickfeld, kritisiert der Wissenschaftler.
Ob“s an dieser einseitigen Berichterstattung liegt oder tatsächlich am Wesen des Menschen selbst? Spada jedenfalls hat ein Computermodell entwickelt, das die Reaktionen auf die Medienberichte vorhersagen kann, Motto: Man gebe oben eine Katastrophenmeldung ein, und unten kommt Empörung raus. HELENE CONRADY

Von Helene Conrady

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