Gesundheit 06.10.2006, 19:24 Uhr

Duftverbot in der Öffentlichkeit?  

VDI nachrichten, Berlin, 6. 10. 06, ber – Seit Patrick Süskinds Bestseller „Das Parfum“ auf der Leinwand zu sehen ist, sind Duftwolken in aller Munde. Geruchsforscher kommen plötzlich in den Medien zu Wort, über deren Metier vorher kaum etwas bekannt war. Kontaktallergien durch Duftstoffe sind ein wichtiges Thema, das die Hautkliniken seit Jahren beschäftigt.

Deutlich sichtbar hängen Luftverbesserer in öffentlichen Toiletten, baumeln in Bäumchenform am Rückspiegel im Auto. Parfümwolken lassen jeden mit geschlossenen Augen die Parfümabteilung im Kaufhaus finden. Der aufdringliche Duft nach frischen Brötchen zieht hungrige Käufer an die Backtheke. Ob das noch echt ist? Oder wurde da mit der Duftnote „Weißbrot“ ein bisschen nachgeholfen?

Geruchsdesigner arbeiten hinter den Kulissen daran, die unangenehmsten Gerüche, verursacht durch Sulfanyl- oder Aminoverbindungen, auszuschalten und durch sympathische zu ersetzen. Körperschweiß, Rauch, Möbelausdünstungen sind das Hauptproblem. Fünf bis sechs Firmen teilen sich den deutschen Beduftungsmarkt.

Raumaromatisierer finden den Beduftungstrend in Deutschland noch wenig ausgeprägt. In den Balkanländern darf es wohl generell etwas kräftiger duften. Und während Rose und Moschus in Russland bevorzugt werden, sind hierzulande fruchtige Aromen beliebt, verrät ein Insider.

Dennoch reagieren empfindliche Nasen schon jetzt: „Es wird immer mehr beduftet. Für empfindliche Menschen gibt kaum noch Zufluchtsorte“, meint Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt (UBA). Aromatische Kompositionen sollen gute Laune verbreiten und sind dabei selber nicht „ohne“. Es häufen sich allergische Reaktionen auf die künstliche Aromatisierung.

In der Hitliste der Allergene, die regelmäßig von Dermatologen der Uni Göttingen veröffentlicht wird, stehen Duftstoffe nach Nickel als zweithäufigste Ursache für Kontaktallergien.

Bei Moschusverbindungen, ein häufiger Bestandteil von Parfüm, wurden umweltschädliche Eigenschaften nachgewiesen. Sie können sich im Sediment in Gewässern anreichern zusammen mit ihren Abbauprodukten wirken sie giftig auf aquatische Organismen.

Der Toxikologe Andreas Gies vom UBA sieht noch ein weiteres Problem: „Die Kosmetikindustrie in Deutschland verzichtet seit Mitte der 90er-Jahre auf die Verwendung der krebserregenden Nitro-Moschusverbindungen. Und trotzdem finden wir diese und neuere polyzyklische Verbindungen in Muttermilchproben. Das ist ein deutliches Zeichen für die ubiquitäre Verteilung der Substanzen.“

„Insgesamt ist das Wissen über die Wirkung künstlicher Duftstoffe noch gering“, meint der UBA-Experte Straff, der sich seit zwei Jahren mit dem Thema beschäftigt.

Bereits vor sechs Jahren hatte die Innenraumkommission, die aus medizinischer Sicht Regulierungsvorschläge für giftige Substanzen in der Atemluft in geschlossenen Räumen macht, einen Richtwert für Terpene (etwa in ätherischen Ölen) formuliert und zu vorsichtigem Umgang mit Duftstoffen geraten. Es waren Reizungen der Atemwege aufgetreten.

Die EU hat ebenfalls auf die zunehmenden Allergien reagiert. 26 Duftstoffe in Körperpflegemitteln müssen seit 2004 ab einer bestimmten Konzentration deklariert werden.

Doch was ist mit der künstlichen Beduftung am Arbeitsplatz, beim Einkaufen oder im Wartezimmer? Das UBA startete kürzlich Untersuchungen über die Effekte der Riechstoffe. Erste Ergebnisse zeigen, dass Allergien durch Inhalieren von künstlichen Aromastoffen offenbar eher selten auftreten. Das Feld der sogenannten Airborne Dermatitis jedoch ist ein seit Langem bekanntes Phänomen, auf das die vorliegenden Studien auch hinweisen.

Zudem gibt es eine Vielzahl geruchsempfindlicher Menschen. Bei extrem empfundenen Gerüchen treten Übelkeit und Erbrechen auf. „Außerdem wird die Innenraumluft weiter belastet“, gibt Straff zu bedenken – zusätzlich zu chemischen Ausdünstungen aus Computern, Fernsehern, Möbeln, Teppichen.

Und was schlagen Experten vor? Ein Duftverbot? In der kanadischen Stadt Halifax ist Parfüm an öffentlichen Plätzen tatsächlich verboten, per Gesetz. Nasenwasser aus der Flasche gilt dort als ebenso gefährlich wie Zigarettenrauch. Eine Empfehlung hat der UBA-Fachmann Straff: „Ich würde es fair finden, wenn an der Ladentüre ein Hinweisschild klebt: Hier wird beduftet.“

Geschäftsparfümierung
Weißbrot, Bratkartoffel, Apfel, Kräuter, Vanille, Gummi, Stahl, Leder, Kaffee und Kuchen: Das Angebot für die Parfümierung von Geschäften klingt wie eine Speisekarte für Kundennasen. In tragbaren und fest installierbaren Geräten werden künstliche Düfte in die Luft gesprüht oder durch Klimaanlagen gepumpt, damit in Küchenstudios, Boutiquen, Autohäusern der Umsatz steigt.

Zu den Kunden der Luftveredler gehören Möbelhäuser, Tankstellen, Arbeitsämter, Museen, Kaufhäuser.

Klimaanlagen könnten Düfte in Büroräume befördern, die die Aufmerksamkeit anregen.

In den neuen 5-D-Kinos Berlins kommt auch die Nase nicht zu kurz: Beim vibrierenden, geräuschumwogten Kinosessel kommt während des Films auch der passende Duft aus der Duftdüse an. ks

 

Ein Beitrag von:

  • Kathleen Spilok

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