Sicherheit

Dirty bombs bleiben ein Restrisiko  

Versicherungen gegen Schäden aus Terroranschlägen müssen extra und teuer eingekauft werden.

Schäden aus dem terroristischen Einsatz von „ABC-Waffen“ strichen die Versicherungen 2003 nach den Attentaten mit Milzbranderregern weitest gehend aus ihren Bedingungswerken. Eine der wenigen Ausnahmen sind die europäischen Luftfahrtgesellschaften. Doch auch ihnen droht inzwischen das gleiche Schicksal. Seit rund anderthalb Jahren verhandeln Luftfahrtindustrie und Assekuranz über den Fortbestand der aktuell noch geltenden Versicherungsbedingungen.

„Wenn die derzeitigen Vertragsregeln eingeschränkt werden, müssen die Luftfahrtflotten am Boden bleiben. Die Haftpflicht ist eine Pflichtversicherung, “ sagt Dr. Wolf Müller-Rostin, Chefjustiziar der Delvag Luftfahrtversicherungs-AG.

Die Delvag ist Versicherer und Makler des Lufthansa-Konzerns. Für den internationalen Luftverkehr sind die Unfallversicherung für Passagiere sowie die Passagier-, Fracht- und Dritthaftpflichtversicherung vorgeschrieben. Jeder Staat kann Maschinen ohne Dritthaftpflichtversicherung Starts und Landungen, aber auch den Überflug untersagen.

Für Müller-Rostin ist es absehbar, dass das internationale Versicherungskonsortium am Londoner Markt, das der Luftfahrt Kriegskasko- und -haftpflichtpolicen anbietet, die Verträge mit den aktuellen Bedingungen aufkündigen wird.

Luftfahrtindustrie, EU-Kommission und Assekuranz suchen daher ganz aktuell in Brüssel wieder nach einer Lösung. Seitens der Wirtschaft wird natürlich eine Staatshaftung bevorzugt, wodurch sich die hohen Versicherungsprämien verbilligen würden.

In den USA ist der Versicherungsschutz über den Terrorism Risk Insurance Act (TRIA) gesetzlich geregelt. Die knapp 80 Airlines zahlen daher nur rund 140 Mio. $ Versicherungsprämie jährlich – was in etwa dem entspricht, was die Lufthansa alleine aufzubringen hat, so Müller-Rostin.

In der Flugzeugkasko-Versicherung werden der Lufthansa Schäden durch dirty bombs (Anschläge mit ABC-Waffen) inzwischen nur noch zu 75 % ersetzt. „Im Einzelfall ist dies sicherlich nicht sehr gravierend. Problematisch wird es aber, wenn ein verseuchtes Flugzeug zwischen einem Dutzend anderer geparkt wird“, kritisiert Müller-Rostin.

Nach dem 11. September 2001 wurde die Versicherung gegen Terrorismus weltweit neu geregelt. Von diesem Risiko sind im Wesentlichen die Sach-, Haftpflicht- und Betriebsunterbrechungsversicherungen betroffen. In einigen Ländern gibt es staatliche Lösungen, wie etwa in Kanada, Südafrika, Nordirland und Israel. In den USA muss über die Fortsetzung von TRIA zum Jahresende entschieden werden.

In Frankreich und den Niederlanden ist die Terrorversicherung Pflicht. In Frankreich wird beispielsweise von allen Sachpolicen, deren Versicherungssumme über 6 Mio. € liegt, ein Prämienanteil an den Terrorismuspool GAREAT weitergegeben. Ähnlich verfährt man in Spanien mit der staatlichen Consorcio.

In Deutschland hat die Assekuranz auf Drängen des Staates und mit einer Staatshaftung von über 8 Mrd. € die Extremus Versicherungs-AG gegründet, die auf privatwirtschaftlicher Basis inländische Sach- und Betriebsunterbrechungsrisiken jenseits einer Versicherungssumme von 25 Mio. € versichert (siehe Interview auf dieser Seite).

Rund 40 große Versicherer decken nach Schätzungen des Maklers Aon weltweit Terrorrisiken ab. Die Nachfrage nach solchen Policen steigt, berichtet Christof Bentele, Geschäftsführer der Aon Crisis Management. Das Prämienaufkommen habe sich nach Schätzungen seines Hauses auf aktuell 950 Mio. $ erhöht, obwohl die Prämien zwischen 10 % und 15 % billiger geworden seien. Je nach unternehmensindividuellem und länderspezifischem Risiko zahlten die Firmen zwischen 2,5 Cent und 1,25 € je 1000 € Deckungssumme.

Nach Beobachtung von Bentele fürchten die Unternehmen neben den eigenen Sachschäden vor allem Haftungsfragen. Hier herrsche allgemein große Unsicherheit darüber, ob das eigene Risikomanagement im Schadensfalle vor den Gerichten Bestand habe. Vielfach werde der Versicherungsschutz auch von Auftraggebern oder Investoren wie etwa bei großen Bauprojekten verlangt.

Aon hat übrigens in diesem Jahr zum zweiten Mal eine Landkarte der Terrorismusgefahren erstellt. Danach hat sich der Gefährdungsgrad in 31 Staaten erhöht davon liegt fast die Hälfte in Westeuropa. Das Risiko in den Niederlanden, Deutschland, Belgien und Dänemark wurde aufgrund der zunehmenden extremistischen Aktivitäten innerhalb der örtlichen moslemischen Gemeinden höher eingestuft. In Australien, Polen und Estland, die Mitglied der US-geführten Irak-Koalition sind, habe das Terrorrisiko sogar erheblich zugenommen. MONIKA LIER

In 31 Staaten hat sich 2005 die Terrorgefahr erhöht

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