Sicherheit 19.10.2001, 17:31 Uhr

„Die Terroristen haben die Medien für ihre Zwecke instrumentalisiert“

Nicht nur den Militärs und Politikern, sondern vor allem auch den Medien kommt im Kampf gegen den Terror besondere Bedeutung zu. Medienwissenschaftler und Buchautor Martin Löffelholz warnt vor Propaganda.

VDI nachrichten: Ist der Krieg gegen den Terrorismus ein Propagandakrieg?

Löffelholz: Ich bin davon überzeugt, dass die Terroristen das Verhalten der Medien einkalkuliert haben. Sie sind davon ausgegangen, dass die Bilder, wie der zweite Turm des WTC getroffen wird, live im Fernsehen übertragen werden. So ist es auch geschehen. Das heißt: Die Terroristen haben die Medien für ihre Propaganda, ihre Zwecke instrumentalisiert. Andererseits wissen westliche Militärs seit dem Vietnamkrieg, dass die Kommunikation über den Krieg ebenso relevant ist wie die Kriegsführung selbst. Wir müssen daher von einem totalen Informationsmanagement ausgehen. Das ist insofern problematisch, als auch die Sicherheitspolitik irgendwann die öffentliche Zustimmung der Bürger braucht.

VDI nachrichten: Sind der Golfkrieg von 1991 und der Krieg gegen den Terrorismus vergleichbar, was den Einsatz der Medien angeht?

Löffelholz: Es ist heute fast noch problematischer. Im Gegensatz zu den ersten Bildern von CNN aus Bagdad waren die ersten Bilder aus Afghanistan absolut nichts sagend, sie hatten eine ganz grauenhafte Qualität. Es waren nur grüne oder schwarze Flächen mit einigen Lichtpunkten darauf zu erkennen. Das hätten die Moderatoren thematisieren müssen. Stattdessen haben sie sich bemüht, die Bilder zu interpretieren, was völlig unmöglich war. D. h. sie haben spekuliert. Das aber hat mit der distanzierten professionellen Berichterstattung von Fakten nichts mehr zu tun.

VDI nachrichten: Was folgt daraus für die Glaubwürdigkeit der Bilder im Fernsehen?

Löffelholz: Medien bilden die Wirklichkeit nicht ab, sie konstruieren sie nach ganz eigenen Regeln. Eben deshalb sollten sie die Zuschauer auf die Grenzen der medialen Möglichkeiten aufmerksam machen. Zum Beispiel durch den Hinweis darauf, dass die Bilder zensiert wurden. Oder, wie derzeit, durch den Hinweis, dass es keine Informationen aus Afghanistan gibt. Das zentrale Problem, das die derzeitige Berichterstattung aufwirft, ist: Es werden kaum Fakten berichtet , dafür wird viel spekuliert. Das erzeugt bei den Zuschauern erhebliche Verunsicherung.

VDI nachrichten: Eine Art medialer Overkill also?

Löffelholz: Das könnte man so nennen. Die Breite und Intensität der Berichterstattung ist in der Tat problematisch. Es gibt bestimmte Muster in der Kriegsberichterstattung, die sich immer wiederholen. Zu Anfang wird sehr intensiv und ausführlich berichtet, mit der Zeit lässt das Medieninteresse, aber auch das Interesse der Öffentlichkeit nach. Das Interesse an diesem Konflikt wird jedoch nicht ganz versiegen. Denn beteiligt sind wichtige Industrieländer und Deutschland selbst. Anders sieht es dagegen bei Kriegen wie etwa im Kongo aus, der der deutschen Öffentlichkeit offenbar gleichgültig ist. Darüber müssten Journalisten intensiv nachdenken.

Allerdings sind Journalisten nur begrenzt lernfähig. Es fehlen auch die Institutionen, die das leisten können. Gewiss gibt es eine selbstkritische Debatte über die Kriegsberichterstattung in den Tageszeitungen und auch im Fernsehen. Aber sie hat ihre Grenzen und keinerlei Konsequenzen.

VDI nachrichten: Wie beurteilen Sie die Rolle von CNN?

Löffelholz: Im Golfkrieg war CNN das Sinnbild der globalisierten Informationsgesellschaft. Der Sender hat sich durch eine professionelle Berichterstattung ausgezeichnet. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. CNN wird seinem professionellen Anspruch nicht mehr gerecht, er ergreift Partei und verfällt in einen Hurra-Patriotismus. Damit hat der Sender zumindest in der arabischen Welt seine Glaubwürdigkeit verspielt.

VDI nachrichten: Was sagen Sie dazu, dass die amerikanischen Networks dem Drängen der US-Regierung nachgegeben haben und künftig Videos von Bin Laden und Al Qaida nur noch in Auszügen senden wollen?

Löffelholz: Es ist nicht professionell zu nennen. Die Medien sollten ihre Unabhängigkeit bewahren. Es kann Situationen geben, in denen man sich Schranken der Berichterstattung auferlegt. Aber das scheint hier nicht der Fall zu sein. Falls die Videos geheime Botschaften enthalten sollten, muss das klar belegt werden, um ein Sendeverbot zu rechtfertigen. Unabhängig davon halte ich es nicht für sinnvoll, ein solches Video ständig zu wiederholen.

VDI nachrichten: Wie beurteilen Sie die BBC?

Löffelholz: Im Gegensatz zu den britischen Printmedien hat die BBC ihre traditionelle Rolle bewahrt. Ihre Berichterstattung zeichnet sich durch professionelle Distanz aus.

VDI nachrichten: Welche Rolle spielt der arabische Sender Al-Dschasira?

Löffelholz: Al-Dschasira war mehrere Tage lang der einzige Sender, der Bilder aus Afghanistan brachte. Damit hatte er die Rolle, die CNN im Golfkrieg zuwuchs. Ich glaube, dass der Sender, immerhin im Eigentums des Scheichs von Katar, derzeit eine große politische Relevanz hat, wenn man bedenkt, dass Politiker wie Blair und dem Vernehmen nach auch Bush von Al-Dschasira interviewt werden wollen. Wie lange das anhalten wird, wage ich nicht zu prognostizieren. HELENE CONRADY

Ein Beitrag von:

  • Helene Conrady

    Redakteurin VDI nachrichten im Ressort Management und Karriere. Fachgebiete: Technologiepolitik, Technikfolgenabschätzung, Reportagen.

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