Arzneimittel

Die Pille aus dem Internet

Nach dem Arztbesuch folgt üblicherweise der Gang zur Apotheke, um die Medikamente abzuholen. Weniger eilige Medikamente lassen sich dagegen auch online bestellen, allerdings vorerst nur aus dem Ausland.

Versender aus dem Ausland, beispielsweise aus den Niederlanden, verschicken Medikamente auch nach Deutschland. Das sieht der deutsche Apotheker ungern, nicht nur weil die Preise hierzulande unterboten werden, sondern auch wegen vieler Gefahren die der Onlineversand mit sich bringt.
Im Internet dürfen auf deutschen Homepages keine apothekenpflichtigen Medikamente angeboten werden. Schon die kleinste Kopfschmerztablette ist nur direkt beim Apotheker erhältlich. Lediglich so genannte freiverkäufliche Arzneimittel, wie Erkältungstees oder Beruhigungspillen auf pflanzlicher Basis, dürfen online angeboten werden.
„Apothekenpflichtige Arzneimittel dürfen laut Versandhandelverbot im deutschen Arzneimittelgesetz nicht über den Versand und damit über den Vertriebsweg Internet in Verkehr gebracht werden. Zulässig ist nur die Vorbestellung in einer Apotheke vor Ort“, erläutert Christian Traupe, Pressesprecher des Apothekerverbands Nordrhein e.V. Dennoch können auch Medikamente per Internet bestellt werden – über ausländische Seiten.
Das vom Arzt ausgestellte Rezept muss allerdings auf dem Postweg an den Onlineanbieter gesendet werden, so dass mitunter mehrere Arbeitstage vergehen können, bis die notwendigen Tabletten oder Ampullen eintreffen. „Verschreibungspflichtige Medikamente dürfen grundsätzlich nur gegen ärztliches Rezept abgegeben werden. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne unseriöse Anbieter dies ignorieren“, so Traupe. Zu den seriösen Anbietern gehört sicherlich der niederländische Internetanbieter docmorris.com. Hier werden die Bestellregeln schon auf der Startseite erläutert: Anmelden, Bestellen, Rezept einschicken und die Lieferung erfolgt frei Haus.
Doch Komplikationen sind nie auszuschließen, wenn zu viele Faktoren bei der Bestellung involviert sind. Eine einzige falsche Zahl und es wird das falsche Medikament geliefert – oder in eine andere Stadt. So etwas darf nicht passieren und kann langjährige Behandlungen unterbrechen – mit unvorhersehbaren Folgen. Und ist das Rezept erst einmal verschickt, ist es weg und kann nicht mehr bei einer normalen Apotheke eingelöst werden.
Zu kurz kommt bei den Onlineanbietern die Beratung. „Medikamente sind hochkomplexe Produkte, die für den Patienten erklärungsbedürftig sind. So haben beispielsweise einige Medikamente gravierende Wechselwirkungen mit anderen Arzneien oder bestimmten Lebensmitteln. Der fachkundige Apotheker kann den Patienten auf Risiken aufmerksam machen und im persönlichen Gespräch beraten. Diese persönliche Beratungsqualität kann die anonyme Internetapotheke nicht in dieser Weise erbringen“, so Traupe.
Bleibt die Frage: Warum können originale Medikamente im Ausland, beziehungsweise per Internet, preiswerter angeboten werden als in Deutschland? Dazu Traupe: „Ein Internetanbieter finanziert keine personalintensive Beratung, keinen Nacht- und Notdienst und beschränkt sich auf ein eingegrenztes Sortiment von gewinnträchtigen Produkten. So kann er natürlich geringere Preise für einzelne Medikamente nehmen. Zugleich profitiert er, wenn er in den Niederlanden angesiedelt ist, von dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz auf Arzneimittel von 6 % gegenüber 16 % in Deutschland.“
Den deutschen Apotheken ist das Onlinegeschäft ein Dorn im Auge. So müssen alle Apotheken nicht nur Fachkräfte für die Beratung bereitstellen, sondern auch Kosten für die Lagerung ständig verfügbarer und apothekenpflichtiger Medikamente einkalkulieren. Dazu kommen Not- und Wochenenddienste, die keine Onlineapotheke bieten kann. „Versandapotheken konzentrieren sich vor allem auf wenige gewinnbringende Arzneimittel. Durch den Verlust dieser Medikamente wird den Apotheken vor Ort die Mischkalkulation zwischen gewinnstarken und gewinnschwachen Arzneimitteln zerstört“, ergänzt Traupe.
Dennoch spricht einiges für deutsche Onlineapotheken. So ließen sich gerade für chronisch Kranke Kosten einsparen, da eine Fachberatung durch den Apotheker nicht mehr notwendig ist und auch kein Notdienst realisiert werden muss. Auch ein direkter Bezug vom Hersteller könnte Medikamente vergünstigen, wenn der Zwischenhändler Apotheke nicht mehr mit einbezogen wird. Dies sieht der Apothekerverband Nordrhein e. V. allerdings anders: „Die Distributionskosten machen nur 27,9 % der Arzneimittelausgaben aus (Apotheken 19,4 % pharmazeutischer Großhandel 8,5 %). Bei einem Direktverkauf, der rechtlich auch nicht zulässig wäre, müssten die Arzneimittelhersteller entsprechende Logistik zur Verfügung stellen und die Versandkosten übernehmen. Dies könnte nicht preiswerter als mit dem jetzigen Distributionssystem über die Apotheken erfolgen.“ INGO NOTTHOFF

 

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