Gesundheit

Die nächste Pandemie kommt bestimmt  

VDI nachrichten, Berlin, 15. 9. 06, ber – Schon bald setzt in Deutschland der im Herbst übliche Vogelzug ein. Zeitlich fällt er mit dem Beginn der Grippezeit beim Menschen zusammen. Prof. Reinhard Kurth, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), nimmt Stellung zur aktuellen Situation bei der Vogelgrippe, von der die Weltgesundheitsorganisation WHO seit einiger Zeit befürchtet, sie könne eine weltweite Pandemie auslösen.

Kurth: In den vergangenen Jahren hat die Grippewelle in Deutschland immer deutlich nach der Jahreswende begonnen. Bei Doppelinfektionen besteht generell die Möglichkeit, dass sich neue Virusvarianten ausbilden und ein neues, für Menschen gefährlicheres Virus entsteht. Daher wird Personen mit direktem Kontakt zu Geflügel und Wildvögeln die Impfung gegen die saisonale Influenza empfohlen, um eine Doppelinfektion zu verhindern.

Wichtiger aber als einzelne Erkrankungen bei Wildvögeln, mit denen Bürger normalerweise keinen Kontakt haben, oder einzelne Ausbrüche in Nutztierbeständen in Industrieländern sind große Ausbrüche bei Geflügel in Regionen mit engem Kontakt zwischen Geflügel und Mensch, insbesondere in Südostasien.

VDI nachrichten: Sind Reisende besonderes gefährdet?

Kurth: Wir Deutschen sind ja mit etwa 44 Millionen Urlaubsreisen ins Ausland pro Jahr sehr reisefreudig. Rund vier Millionen davon sind Fernreisen. Dabei treten jede Menge Infektionskrankheiten auf. Die Vogelgrippe wurde allerdings noch nie durch einen Menschen nach Deutschland eingeschleppt. Weltweit hat sich noch nie ein Tourist angesteckt, dennoch sollte man nach Empfehlungen des Auswärtigen Amtes in betroffenen Ländern Kontakt zu lebendem Geflügel vermeiden.

VDI nachrichten: 2003 hatte besonders China Probleme, SARS in den Griff zu bekommen. Haben die Behörden daraus gelernt?

Kurth: Die Volksrepublik China hat beim SARS-Ausbruch zu spät ein Signal gegeben. Die chinesischen Behörden haben daraufhin versprochen, in Zukunft offener und transparenter zu kooperieren. Dennoch haben sie erst in diesen Tagen mitgeteilt, dass sie den ersten menschlichen H5N1-Fall schon im Jahr 2003 hatten und nicht im Jahre 2005. Wir hätten uns solche Kommentare ein wenig früher gewünscht.

Hinzu kommt, dass verschiedene Länder ihre – wie wir das nennen – Virus-Isolate nur sehr zögerlich herausgeben. Man kann von H5N1-Influenzapatienten das Virus isolieren. Würden diese Proben zum Beispiel zügig nach Westeuropa, Nordamerika oder nach Hongkong weitergeleitet, wo sehr gute Labore sind, könnte man schneller und verlässlicher feststellen, welche Influenzaviren wo zirkulieren. Dann könnten wir uns besser als in der Vergangenheit darauf einstellen, ob das Bedrohungspotenzial steigt oder sinkt.

VDI nachrichten: Dadurch, dass das Virus sehr wahrscheinlich in anderen Erdteilen entsteht und dann nach Deutschland durch Tourismus oder Vögel getragen wird, kann der deutsche Pandemieplan schlecht gegen die Entstehung eingreifen.

Kurth: Deutschland kann schon durch Unterstützung der betroffenen Länder, etwa beim Aufbau von Laborkapazitäten, einen Beitrag zur Bekämpfung der Geflügelpest und damit zur Verringerung des Risikos einer Pandemie leisten.

Der deutsche Pandemieplan fasst grundlegende Überlegungen und Konzepte für eine Vorbereitung hierzulande zusammen, in einem Aktionsplan ist ein Maßnahmenkatalog festgelegt.

VDI nachrichten: Es geht somit nur um eine Reaktion auf eine eingeschleppte Pandemie?

Kurth: Wir erwarten aus rein quantitativen Überlegungen, dass eine Pandemie in Südostasien entsteht. Angesichts der Geflügel- und der Bevölkerungsdichte ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Virus dort entsteht, deutlich größer als in Deutschland.

Ganz ausschließen kann man aber nicht, dass es in Europa oder Afrika passieren wird. Amerika ist im Moment noch frei von H5N1. Egal wo das pandemische Virus als erstes auftritt, es werden dann infizierte Menschen sein, die das Virus per Flugzeug mitbringen.

Aber im Pandemieplan gibt es auch Überlegungen für den Fall, dass die Pandemie in Deutschland beginnt.

VDI nachrichten: Im Pandemieplan hat die Entwicklung von Impfstoffen höchste Priorität. Wie lange müsste man auf einen neuen Impfstoff warten?

Kurth: Das Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesamt für Sera und Impfstoffe, schätzt, dass im günstigsten Fall nach fünf bis sechs Monaten genügend Impfstoff zur Verfügung steht, um die ganze Bevölkerung zwei Mal impfen zu können.

VDI nachrichten: Es wird immer wieder behauptet, dass ein Impfstoff gegen die Vogelgrippe bereits entwickelt worden sei. Stimmt das?

Kurth: Es ist kein grundsätzliches konzeptionelles Problem, gegen Influenza zu immunisieren, ganz im Gegensatz, nebenbei bemerkt, zu HIV, wo es bekanntlich keinen Impfstoff gibt. so genannte Prototyp-Impfstoffe werden derzeit von allen Herstellern entwickelt und in klinischen Studien erprobt. HELMUTH SIMON/ber

Von Helmuth Simon/Bettina Reckter

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