Gesundheit

Die innere Uhr kommt aus dem Takt

Die über 4 Mio. Wechselschicht-Arbeiter hierzulande gehören zu den schlechtesten Schläfern überhaupt. Schlafforscher Jürgen Zulley plädiert für nur vereinzelte Nachtschichten und einen „vorwärts rotierenden“ Schichtplan. Die innere Uhr könnte sich so besser anpassen.

Wilde Arbeitszeitpläne mit unregelmäßiger Schichtfolge, wie sie oft bei Wechselschichtarbeitern vorkommen, nennt der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley „aus schlafmedizinischer Sicht unverantwortbar“. 1998 arbeiteten 4,6 Mio. der insgesamt 36,8 Mio. Erwerbstätigen in Deutschland zumindest gelegentlich nachts – wobei weder kellnernde Studenten noch berentete Zeitungsausträger mitgezählt sind. Über 12 Mio. Arbeitnehmer verdienten ihr Auskommen abends, zusätzlich 4,25 Mio. in Wechselschicht.
„Insgesamt arbeiteten 5,5 Mio. Menschen ständig gegen die Vorgaben ihrer inneren Uhr“, resümiert Zulley, der sich als international geachteter Chronobiologe seit 25 Jahren mit der inneren Uhr des Menschen beschäftigt. Ein Millionenheer von Unausgeruhten plagt sich mit 88 klassifizierten Schlaf-Wach-Störungen.
Für das gestörte Ticken ihrer inneren Uhr zahlen die nachts Tätigen einen hohen Preis. Mehreren Studien von Schlafforschern zufolge leiden etwa 80 % der Nachtarbeiter unter Magenbeschwerden, innerer Unruhe, Nervosität und vorzeitiger Ermüdung. Schichtarbeiter haben außerdem ein 40 % höheres Risiko, am Herzen zu erkranken, Wechselschicht-Arbeiter neigen 4-mal so oft zu Bluthochdruck wie Tagarbeiter. Frauen in Schichtarbeit gebären schwedischen Forschern zufolge doppelt so oft ein untergewichtiges Kind und erleiden 6-mal so häufig eine Frühgeburt. In Deutschland dürfen Schwangere deshalb nicht mehr nach 21.30 Uhr arbeiten.
Skandalös findet Zulley die 32-Stunden-Bereitschaftsdienste der Ärzte, vor allem der Chirurgen und Intensivmediziner: „Ich würde lieber von einem ausgeschlafenen Arzt operiert werden und vorher fragen, wie lange der Operateur schon im Dienst ist.“ Nach einer 1999 im Medizin-Blatt Lancet veröffentlichten Studie sind Chirurgen, die eine Nacht ohne Schlaf weiterhin im OP arbeiten, gerade noch so leistungsfähig wie mit einer Promille Alkohol im Blut.
Das 1996 vom Bundestag verabschiedete Arbeitszeitgesetz für Mediziner werde „systematisch gebrochen“, beklagte neulich auch Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Ärzteverbandes Marburger Bund.
„Ob die Ökonomie ausreicht, eindeutig gesundheitsschädliche Arbeitszeiten zu begründen“, bezweifelt Zulley. Doch er sieht auch ein, dass Industriestaaten auf Schichtarbeit nicht völlig verzichten können.
„Der ideale Schichtplan sieht nur vereinzelte Nachtschichten vor“, sagt Zulley, „der zweitbeste maximal drei hintereinander.“ Auf jeden Fall aber sollten Schichten nur vorwärts rotieren, also Früh-, Tag- und Spätschicht und so weiter. Dann könne sich die innere Uhr noch am ehesten anpassen.
Übermüdungsbedingte Unfälle in Verkehr und Industrie verursachen gewaltige gesundheitliche und volkswirtschaftliche Schäden. Schlafforscher schätzen für Deutschland die Folgekosten durch Übermüdung auf 20 Mrd. DM.
Mindestens jeder vierte Unfall auf deutschen Autobahnen gehe auf das Konto übermüdeter Fahrer. Dies ist laut Zulley ebenso wenig hinnehmbar wie die vorgeschriebenen Lenkzeiten für Fernfahrer, die „nirgends auch nur in Ansätzen berücksichtigten, dass Menschen aufgrund ihres biologischen Rhythmus zu bestimmten Tageszeiten müde werden und zu anderen gar nicht schlafen können“.
Auch die Reaktorkatastrophen von Harrisburg und Tschernobyl, der verheerende Fehlstart der Columbia-Raumfähre oder das Tankerunglück der „Exxon Valdez“ seien durch übermüdungsbedingte Fehlentscheidungen und Unachtsamkeit zumindest mitverursacht worden. Obendrein „schlafen immer wieder auch Piloten, teilweise gar alle Cockpit-Insassen während des Fluges ein“, ergänzt der Schlafforscher.
In Schaltzentralen von Hochrisiko-Anlagen wie Atomkraftwerken, Chemiewerken oder Öltankern müssten zu Zeiten biologischer Tiefs zwei Schichten anwesend sein, deren Dienstpläne sich für diese Stunden überlappen. Müdes und durch die Automation zusätzlich gelangweiltes Kontrollpersonal findet Zulley „besonders schlimm“. Die Unternehmen müssten für intelligenten Zeitvertreib sorgen, aber nicht dadurch, dass sie die Beschäftigten „sinnlos Zahlen addieren lassen“. WALTER SCHMIDT Informationen im Internet unter: http://www.schlaf-medizin.de , http://www.dags.de , http://www.dgsm.de und http://www.esrs.org ; oder bei der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Tel. 06691/ 2733.
Das heutige Wissen über Schlaf und Biorhythmen fasst das neue Buch von Jürgen Zulley und Barbara Knab leicht verständlich zusammen: „Unsere Innere Uhr – Natürliche Rhythmen nutzen und der Non-Stop-Belastung entgehen“, Herder-Verlag.
Unter Schlafstörungen leiden über vier Millionen Menschen in Deutschland, die in Wechselschicht arbeiten. Schlafforscher haben bei vier Fünfteln dieser Nachtarbeiter in Studien Magenbeschwerden nachgewiesen.
Vorwärts rotierende Zeitpläne: Wer Schicht arbeitet wie diese Frauen beim Portionieren von Mahlzeiten sollte im Rhythmus Früh-, Tag- und Spätschicht arbeiten.

 

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