Sicherheit 22.08.2008, 19:36 Uhr

Der Schutzraum – ein Schweizer Nationalheiligtum  

VDI nachrichten, Bäretswil, 22. 8. 08, rok – Nach der Einführung der obligatorischen Rentenversicherung ist die Einführung der Schutzraumbaupflicht für Hauseigentümer die intelligenteste Errungenschaft der Willensnation Schweiz, schreibt der Präsident der „Arbeitsgemeinschaft Schutz und Sicherheit“, Frédéric Venetz , im folgenden Beitrag. Ursprünglich nur für den Schutz vor atomarer Bedrohung gedacht, stehen die Schutzräume heute auch für Reaktor- oder Chemieunfälle zur Verfügung.

Käme es wirklich zu einem Atomkrieg, dann wären die Überlebenden die US-Administration, ausgewählte Politiker, einige Insektenarten und die gesamte Schweizer Bevölkerung. Zeit für eine Würdigung eines echten Nationalheiligtums.

1963 wurde die Schutzraumbaupflicht der Hauseigentümer (Pflichtschutzräume) und der Gemeinden (öffentliche Schutzräume) mit mehr als 1000 Einwohnern eingeführt, 1978 wurde sie auf alle Gemeinden ausgedehnt. Hauseigentümer, die keinen Schutzraum erstellen können, entrichten Ersatzbeiträge, die für den Bau öffentlicher Schutzräume eingesetzt werden. Heute haben 95 % der Schweizer einen Platz in einem ABC-Schutzraum. So viele wie nirgendwo auf der Welt.

Hunderte ausländische Delegationen haben sich durch unsere Schutzräume schleusen lassen, fasziniert vom weltweit einmaligen Know-how im Schutzraumbau. Auch heute noch ist das Interesse ungebrochen: Vor allem aus China, Russland, Singapur und dem Nahen Osten kommen die Schutzraum-Experten und kaufen die Schweizer Technologie ein, die weltweit ihresgleichen sucht.

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Der Schutzraum ist eine geniale Schweizer Erfindung: Einfach gebaut, robust und günstig. In Friedenszeiten ist er vielfältig nutzbar als Lagerraum, brandsicheres Archiv, Musikraum für pubertierende Rockstars und Weinkeller für wertvolle Flaschen. Im Katastrophenfall schützt er seine Bewohner unabhängig von der Stromzufuhr vor allen heute bekannten chemischen und biologischen Kampfstoffen. Die Schutzraumwand, die Panzertüren und das Explosionsschutzventil widerstehen jeder Druckwelle einer Bombe. Was oft vergessen wird: Die Schutzbauten sind Bestandteil der Notfallplanung bei einem möglichen AKW-Unfall. Ein Schutzraum ist bei einer radioaktiven Bodenkontamination um den Faktor 500 (Hausinneres: Faktor 10) sicherer. Geprüft wird die Ausrüstung vom Labor Spiez, dem weltweit renommiertesten Fachinstitut für den Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Gefahren.

Friede ist, wenn der Krieg anderswo tobt. Die Möglichkeit neuer großer zwischenstaatlicher Spannungen darf auch in Zukunft nicht ausgeschlossen werden. Zudem warnen Experten vor den Folgen des nuklearen Wettrüstens vieler Staaten. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Terrororganisationen „schmutzige Bomben“ einsetzen könnten. Von 1993 bis 2007 verzeichnete die internationale Atomenergieagentur in Wien weltweit 1340 Fälle von illegalem Handel mit radioaktivem Material.

Schutzräume können nicht kurzfristig, je nach politischer Laune, gebaut werden. Die Sicherheitsarchitektur eines Staates erfordert eine langfristige Planung, wo mögliche Gefahren der nächsten 20 Jahre bereits berücksichtigt werden müssen. Der britische Zivilschutzverband schrieb vor einigen Jahren mit Bewunderung, dass es nur eine Nation gäbe, die den Willen und die Entschlusskraft habe, im Falle eines Krieges zu überleben – die Schweiz.

Die Arbeitsgemeinschaft Schutz und Sicherheit engagiert sich auf politischer Ebene mit dem Ziel, jedem Einwohner dieses Landes einen Schutzplatz im Kriegs- und Katastrophenfall im Sinne der Chancengleichheit zu garantieren. Sie lehnt aus diesem Grund unter anderem die Abschaffung der privaten Baupflicht ab. Die Organisation bildet ein Diskussionsforum für Fachleute, die sich mit dem Schweizer Zivilschutz befassen. In der Arbeitsgemeinschaft sind unabhängige Produzenten der Zivilschutztechnik und zahlreiche Unterstützer vertreten. Die Arbeitsgemeinschaft wurde 2007 gegründet. FRÉDÉRIC VENETZ

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