Gesundheit

Das Virus, das nicht zu fangen ist

Noch immer haben Forscher den Erreger der Hongkong-Seuche SARS nicht endgültig ausgemacht. Ungeklärt ist auch die Ansteckungsgefahr. Deutsche Forscher arbeiten derweil an einem Test.

Überall die Atemmasken: Nach Hongkong und Singapur hat auch Kanada drastische Maßnahmen ergriffen, um das schwere akute respiratorische Syndrom (SARS) einzudämmen, das sich seit Mitte Februar vor allem in Asien ausbreitet. Schulen wurden geschlossen, über zweitausend Menschen befinden sich in Quarantäne.
Auch in Deutschland wird man nun unruhig. Bisher wurde bei zwei Patienten SARS diagnostiziert, gestorben ist niemand. Neue Verdachtsfälle wurden aus Köln und Hamburg gemeldet.
Was hat es auf sich mit der rätselhaften Krankheit und wie heißt nun der Erreger? Nach Ansicht der WHO ist das Virus möglicherweise ansteckender als das in Afrika auftretende Ebola-Virus. Dass sich allein in einem Hongkonger Wohnkomplex fast 100 Menschen angesteckt haben, führte am Montag zur Befürchtung, das Virus werde durch die Luft oder das Trinkwasser übertragen. Bis dahin hatten die Mediziner eine Übertragung in Tröpfchenform vermutet wie bei Husten oder Schnupfen.
Und auch die Frage nach dem Erreger schien gleich mehrfach beantwortet. Als die Seuche vor drei Wochen über Frankfurt nach Deutschland kam, hieß es, das Vogelgrippevirus H5N1 sei schuld. Klinische Symptome und Krankheitsverlauf waren ähnlich. Doch finden konnte man den Erreger nicht bei den Betroffenen.
Kurze Zeit später entdeckten Forscher am Berliner Robert-Koch-Institut ein neues Paramyxovirus unter dem Mikroskop. Diese Virenfamilie zählt Hunderte von Erregern, die beispielsweise Hundestaupe, Geflügel- und Rinderpest oder Kinderkrankheiten wie Mumps und Masern auslösen. Die bisher bekannten Paramyxoviren sind zwar keine Killer, können aber bei schlechter medizinischer Betreuung tödlich wirken.
Unterdessen glaubten kanadische Kollegen, das menschliche Metapneumovirus identifiziert zu haben. Vergangene Woche verkündete das Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, man habe ein bisher unbekanntes Coronavirus gefunden. Kurze Zeit später fanden Wissenschaftler der Frankfurter Universitätsklinik noch Chlamydien in den Proben ihrer SARS-Patienten.
„Es könnte gut sein, dass eine Kombination der Erreger verantwortlich ist für die Infektion“, zitiert der Online-Dienst der Fachzeitschrift Nature den Virologen Albert Osterhaus von der niederländischen Erasmus Universiteit in Rotterdam. Der Infektionsverlauf ähnelte in diesem Fall dem der Virusgrippe: Als erstes nistet sich das Influenzavirus in den Zellen ein, woraufhin zusätzliche Erreger ein leichtes Spiel haben. Bakterien oder weitere Viren machen sich breit und lösen die klassischen Grippe-Symptome aus wie Halsschmerzen oder Lungenentzündung.
„Jedes Labor möchte das erste sein, das den Erreger hat“, sagt der Virologe Christian Drosten vom Hamburger Institut für Tropenmedizin. In Hongkong und bei den Centers of Disease Control in Atlanta ist man sich sicher, dass es das Coronavirus ist: Bei keinem der anderen Kandidaten gab es so viele Hinweise.
In Frankfurt hatte man kurz nach der Einlieferung der beiden SARS-Patienten damit begonnen, Zellproben in Kultur wachsen zu lassen. Auf dem Zellrasen erschienen schnell die charakteristischen Löcher, die auf eine Virusinfektion deuten. Viren vermehren sich im Zellrasen und zerstören ihn.
Unterdessen arbeiten die Virologen des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin an einem Test für SARS-Erreger. Vergangene Woche ist es einem Team des Instituts und gemeinsam mit Forschern der Universität Frankfurt gelungen, mit Hilfe molekularer Methoden typische Genabschnitte der Coronaviren sowohl in der Patientenprobe des Frankfurter Falls wie auch in einer Zellkultur nachzuweisen. Zum gleichen Ergebnis waren Forscher des US-Seucheninstituts CDC in Atlanta gekommen. „Der Test kann bei der Diagnose aber nur ein Faktor von vielen sein“, sagt Drosten.
Coronaviren sind weit verbreitet. Es könne daher nicht ausgeschlossen werden, dass das Virus auch in gesunden Menschen vorkommt, die daran nicht erkranken. E. BODDERAS

Von E. Bodderas

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