Gesundheit

Das ungesunde Leben in der Chefetage

Nach einer Langzeitstudie Karlsruher Mediziner ist es um die Gesundheit vieler Manager schlecht bestellt. 85 % von 12 000 Untersuchten leiden unter chronischen Stressfaktoren.

Die Führungskraft mit Vorzeigecharakter sieht aus wie ein Armani-Model, trägt Designerstoffe auf braun gebranntem Waschbrettbauch, bewahrt auch in nervenaufreibenden Situationen überlegenes Lächeln und hat nach einem anstrengenden zwölf-Stunden-Tag noch genügend Zeit und Energie für Fitness, Frau und Kinder.
Über das Idealbild des dynamischen Managers, das uns Werbestrategen so gerne unterjubeln, können wirkliche Spitzenkräfte aus Industrie und Wirtschaft nur lächeln. So hat das Karlsruher Institut für Arbeits- und Sozialhygiene (IAS) in den vergangenen zwölf Jahren die physische und psychische Belastbarkeit von mehr als 12 000 Führungskräften auf Herz und Nieren geprüft. Dazu Malte Klemusch vom IAS: „85 % der Untersuchten leiden an vegetativen Folgeschäden wie Schlaf- und Magenproblemen, Verdauungsstörungen, Herz- und Kreislaufbeschwerden. 73 % klagen über Rückenschmerzen, meist bedingt durch mangelnde Bewegung, jeder Dritte bringt zu viele Pfunde auf die Waage, was eine ganze Reihe von Stress-Krankheiten begünstigt.“
Wie ungesund das Leben an der Unternehmensspitze sein kann, belegt auch eine Studie von Skolamed, einem Institut für Gesundheits-Check-ups und Trainingsseminare im Bergischen Land. Skolamed hat die Daten von 253 Führungskräften mit den Ergebnissen einer epidemiologischen Untersuchung der Universitätsklinik Münster unter 20 000 Bundesbürgern verglichen. Resultat: Mit jeder weiteren Sprosse auf der Karriereleiter steigt die Gefahr von Erkrankungen. So ist das Infarktrisiko bei Topmanagern drei Mal so hoch wie beim „einfachen Angestellten“.
Verursacht wird der Besorgnis erregende Gesundheitszustand vieler Entscheidungsträger im wesentlichen von einem deutlich veränderten Berufsbild. Enorm gestiegene Leistungsanforderungen und ein stark gewandeltes Rollenverständnis zehren an Körper und Seele. Bernd Dyckhoff, Unternehmenscoach aus Bonn: „Zur Fachkompetenz brauchen sie heute noch kalifornische Begeisterungsfähigkeit.“ Auf einmal müssen Manager etwas besitzen, was sie früher kaum benötigten: Teamdenken, Einfühlungsvermögen, Charme, Jugendlichkeit, Motivationskunst und die Gabe, in kürzester Zeit neue Fähigkeiten zu erwerben. Fehlen diese Talente, treten schnell die ersten Schwierigkeiten und Selbstzweifel auf.
Ute Thomschke, Diplom-Psychologin am Zentrum für Stressbewältigung, spricht von einem Teufelskreis, aus dem nur wenige ohne professionelle Hilfe herausfinden: „Viele Führungskräfte leiden schon nach zwei bis drei Jahren an dem sogenannten Burn-out-Syndrom. Sie wollen nicht wahr haben, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Sie arbeiten rund um die Uhr für das Unternehmen, vernachlässigen dabei die Familie und die Gesundheit. Frei nach der Devise: Jedes Problem und jede Krankheit bedroht die Karriere – also das Ganze am besten ignorieren.“
Macht die Karriere im Endeffekt zwangsläufig krank? „Natürlich nicht“, weiß Michael Stark, Professor für Psychiatrie und Chefarzt am Krankenhaus Hamburg-Rissen. „Die Mühen des Alltags kosten selbstverständlich Kraft. Doch durch Erfolg im Beruf, Geborgenheit in der Familie, Kontakt mit Freunden und die Freude an schönen Dingen regenerieren die Menschen auch wieder. Belastungen und Lebensqualität müssen sich die Waage halten.“ Sein Buch „Wenn die Seele SOS funkt“ ist eine Anleitung zur Erhaltung und Stärkung psychischer und physischer Gesundheit, das vier entscheidende Bereiche umfasst: Ernährung, Bewegung und Erholung Arbeit und Beruf Familie und Partnerschaft Freunde, Freizeit und soziales Netz.
Die Angebote zur Stressbewältigung reichen von Check-up-Kliniken und Fitness-Training über Ernährungsberatung und Wochenend-Seminare bis hin zu Raucherentwöhnung und Tai Chi. „Fakt ist“, erläutert Malte Klemusch, „dass Stress eine subjektive Empfindung ist und eine individuelle Handhabung erfordert.“ Dabei gilt es, die Therapiemöglichkeiten von Ärzten, Fachleuten, bei Krankenkassen oder Beratungsstellen überprüfen zu lassen. Denn unter die seriösen Anbieter mischen sich selbstverständlich auch fauler Zauber und reine Geldmacherei. Deren kostspielige Methoden zum erfolgreichen Stressmanagement sind ebenso glaubhaft wie das Bild vom stets lächelnden Manager in der Werbung.
Check-up-Institute wie Skolamed in Nümbrecht (Tel. 02293/91150), die Deutsche Klinik für Diagnostik (DKD) in Wiesbaden (Tel. 0611/5770) und die IAS in Karlsruhe (Tel. 0721/82040) bieten professionelle medizinische Untersuchungen und individuell entwickelte Trainingsprogramme zur Stressbewältigung. Aber auch Krankenkassen, Ärzte und die gesundheitlichen Beratungsstellen im Betrieb sind häufig mit der Thematik vertraut und wissen Rat. SIMON SCHMIDT
„Sie sehen doch, ich bin im Stress.“ Wem es oft so ergeht, sollte sich Gedanken über die Gesundheit machen.

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