Arzneimittel

„Das große Fressen bleibt aus“  

VDI nachrichten, Frankfurt, 24. 3. 06, elb – Merck will Schering übernehmen. Für Manfred Jakob, Analyst bei der SEB AG, ist es eine Flucht nach vorn. National würde zwar ein Champion enstehen, international seien Beide zusammen aber „un- glaublich klein“. Im Gespräch erklärt er die Hintergründe der Übernahme und die Perspektiven für die Pharmabranche.

Jakob: Das glaube ich nicht. Gerüchte um eine Übernahme von Schering gibt es seit mindestens zehn Jahren. Jetzt kommt der Vorstoß von Merck. Das muss nicht zwangsweise der Auslöser für eine Welle sein, wobei sicherlich die Unternehmen permanent miteinander reden. Meistens läuft es auf die Frage hinaus, wo man Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zusammenlegen kann, und das ist ja auch hier einer der Hintergründe.

VDI nachrichten: Gerade vor dem Hintergrund, dass die Hoechst AG vor einigen Jahren nach Frankreich vermählt wurde: Halten Sie eine deutsche Fusion für sinnvoll?

Jakob: Es würde ein nationaler Champion entstehen, aber im internationalen Vergleich sind die beiden nach wie vor unglaublich klein. Sanofi-Aventis oder Novartis sind jeweils zwei- bis dreimal so groß.

VDI nachrichten: Wie wichtig wäre ein nationaler Champion?

Jakob: Es wäre auch nicht schlimm, wenn es nicht zustande kommt. Schering kann alleine. Die sind hochgradig spezialisiert. Und der Mischkonzern Merck kommt letztendlich auch allein zurecht. Aber es ist eine Flucht nach vorn, ein Versuch. Denn viel mehr deutsche Unternehmen dieser Größenordnung haben wir nun einmal nicht.

VDI nachrichten: Schering und Merck gerieten zuvor nur deshalb in die Schlagzeilen, weil die „Pipeline“ für neue Medikamente leer ist. Ist durch einen Zusammenschluss Abhilfe in Sicht?

Jakob: Nicht sofort, aber das ist sicherlich ein Grund, die Forschung und Entwicklung für kommende Produkte zusammenzuwerfen. Schering wird jetzt versuchen, die Pipeline in den fortgeschrittenen Entwicklungsstadien nach außen richtig schön darzustellen. Das ist in der Vergangenheit ein wenig in den Hintergrund gerückt, weil einige Krebsmittel nicht so zugelassen wurden, wie man sich das erhofft hatte.

VDI nachrichten: Vor allem die Politiker befürchten ja Verluste bei den letzten Industrie-Arbeitsplätzen in Berlin. Würde der Kahlschlag im Falle einer Übernahme durch ein ausländisches Unternehmen nicht stärker ausfallen?

Jakob: Wenn ein Ausländer kommen würde, dann könnte der Hauptsitz für die deutsche Dependance Berlin heißen. Die Gefahr von Abwanderungen ist aber da. Mittelfristig darf man das auch bei Merck nicht ausschließen. Für die Politiker ist das eine steuerliche Frage. Schering ist einer der großen Steuerzahler in Berlin.

VDI nachrichten: Auch um die deutschen Generika-Hersteller, wie Schwarz Pharma oder Stada, ranken sich Übernahmegerüchte, vor allem, nachdem die indische Dr.-Reddy“s die deutsche Betapharm übernommen hat. Steht da was an?

Jakob: Es sind Börsengerüchte, keine Fakten. Die Bewertungen sind dadurch deutlich hochgeschossen. Wer jetzt übernehmen will, wird es sich gut überlegen müssen, ob das Unternehmen wirklich ins Portfolio passt.

VDI nachrichten: Aber man hört immer, deutsche Unternehmen seien im internationalen Vergleich so günstig?

Jakob: Die eben angesprochenen Pharma-Unternehmen nicht mehr. Sonst gibt es schon noch günstige Bewertungen am deutschen Aktienmarkt, aber eher in anderen Branchen.

VDI nachrichten: Das Streben nach Größe ist die eine Richtung, der andere Trend liegt in Kooperationen zwischen kleinen Firmen – oft aus dem Biotech-Bereich – und großen Pharmakonzernen. Wohin geht die Reise?

Jakob: Es ist beides denk- und machbar. Denken Sie an Genentech. Die US-Firma gehört mehrheitlich zu Roche, ist aber zu einem großen Teil frei.

VDI nachrichten: Auch die ganz kleinen haben eine Chance?

Jakob: Auf jeden Fall. Gerade in der Pharmazie war das immer ein hervorragendes Markenzeichen, übrigens auch bei Schering. Die haben sich auf vier, fünf Anwendungsgebiete spezialisiert und sich da einen Namen gemacht.

VDI nachrichten: Wo sehen sie die Zukunft deutscher Biotech-Unternehmen?

Jakob: Zumindest auf Basis von Kooperationen wird mit den Großkonzernen zusammengearbeitet. Viele sind aber auch schon aufgekauft. Alles ist in diesem Markt möglich.

VDI nachrichten: Wie viele andere Blasen ist an der Börse auch die Biotech-Blase geplatzt. Wie sieht das reale Geschäft aus?

Jakob: Die Börse spiegelt stets die aktuelle Lage wider. Deshalb hatten wir ja im gesamten Pharmabereich lange sehr vorsichtige Bewertungen im Vergleich zu den historischen. Schering beispielsweise ist erst mit dem Jahresabschluss 2005 wieder auf die Beine gekommen.

VDI nachrichten: Es gibt noch einen Trend, nämlich, dass die großen Konzerne sich entweder von der Chemie trennen oder Pharma abspalten, siehe Bayer und Lanxess. Eine völlige Aufspaltung steht Altana bevor…

Jakob: Ja, Altana will sich auseinander dividieren. Die Chemiesparte wurde ja durch den Zukauf der Eckart-Gruppe verschönert und das soll nun aller Wahrscheinlichkeit nach an die Börse gebracht werden. Das ist gegen Ende des Jahres zu erwarten. Und den Pharmabereich will man selbst nicht allein weiter führen, weil man da zu klein ist. Da sucht man schon seit längerem einen Partner. Die Abhängigkeit allein vom Magenmittel Pantoprazol ist einfach zu groß. Es ist das wichtigste, eigentlich das einzige Mittel. Da ist die Einseitigkeit einfach zu hoch.

VDI nachrichten: War die Abspaltung von Lanxess richtig für Bayer?

Jakob: Ja, ganz klar, sie haben sich hiermit auf drei Geschäftsfelder – nach vier – fokussiert und spezialisiert, die zudem margenträchtiger sind als der abgegebene Bereich.

VDI nachrichten: Aber der Trend zur Spezialisierung gilt nicht bei Merck?

Jakob: Ja, das ist das Neue, daher auch das große Erstaunen bei der Ankündigung am 12./13. März. Ein ohnehin diversifiziertes Unternehmen kauft hiermit ein anderes, hier weniger breit aufgestelltes Unternehmen. Das entspricht nicht dem Trend der letzten Fusionsbewegungen, bei dem es auf Spezialisierung und Fokussierung auf ein Kerngeschäft hinauslief. Im Pharmabereich mag das sinnvoll sein, weil es die unterschiedlichsten Präparate und Anwendungen gibt. Die haben alle begrenzte Absatzmengen. Da muss man sich auch mal breiter aufstellen, wenn man wachsen will. In sofern ist der Vorstoß von Merck durchaus sinnvoll.

VDI nachrichten: Wäre es bei Merck denkbar, sich von der Chemie zu trennen?

Jakob: Merck sagt ganz klar „nein“. Langfristig ist dies durchaus vorstellbar, wenn Merck klar sagen würde, sie wollen sich jetzt auf Pharmazie fokussieren. Aber derzeit ist gerade das Geschäft mit Flüssigkristallen für Flachbildschirme die Cash-Cow überhaupt.

VDI nachrichten: Unterm Strich bleibt das große Fressen in der Branche aus?

Jakob: Das große Fressen bleibt aus. Wir hatten ja diverse Wellen im Bereich Pharma. Denken Sie an die ganzen Namen. Sanofi-Aventis, Aventis hervorgegangen aus Hoechst und Rhone-Poulenc. Oder Glaxo-Wellcome. Das ist eine Vierfach-Fusion aus Glaxo, Smithkline, Beechham und Wellcome. In dieser Situation kann man nie nie sagen, aber es muss sinnvoll sein: Entweder der Zusammenschluss bedeutet eine Vertiefung der Forschungsaktivitäten oder aber eine Erweiterung der Produktpalette. STEFAN WOLFF

Fusionsgründe: Mehr Forschung oder größere Produktpalette

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