Gesundheit

Das Gesundheitswesen in Europa wird vielleicht schon bald privatisiert

Höhere Lebenserwartung, bessere Medizintechnik, längere Pflege – mit den wachsenden Anforderungen wird die öffentliche Hand nicht fertig. Experten sind sich sicher, daß es in naher Zukunft zur Privatisierung in Europas Gesundheitswesen kommt.

Was dabei herauskommt, wenn Experten orakeln, zeigt der neue Endbericht des Life Science Panels der Europäischen Union. In ihm ist jetzt nachzulesen, welche politisch und gesellschaftlich relevanten Trends in den Schlüsseltechnologien der Lebenswissenschaften in den nächsten zehn bis zwölf Jahren zu erwarten sind.
Ein Blick in die Zukunft ist immer spannend. Gleichzeitig aber sollen Prognosen mit politischer Dimension auch seriös sein, stellen sie doch die Weichen für künftige Technologieentwicklungen. Diese Herausforderung nahm ein internationales Expertenteam an. Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sowie Chancen im europäischen Wettbewerb für Gesundheitswesen und Agrikultur waren Schwerpunkte, die sie für die Gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission in Sevilla (IPTS) im Rahmen des europäischen „Futures Project“ prüften.
Die Lebenserwartung der Europäer wird noch weiter steigen auf etwa 50 % könnte der Anteil der Menschen über 60 in den nächsten 30 Jahren anwachsen. Krankheitsvorsorge steht deshalb oben an, weil altersbedingte und chronische Erkrankungen entsprechend zunehmen. Fortschrittliche Medizintechnik und optimale Betreuung von pflegebedürftigen Alten auch im häuslichen Bereich sollen künftig Lebensqualität bis ins hohe Alter garantieren. Auf Pflegeheime kommen deshalb in den nächsten Jahren besondere Aufgaben zu.
Mangelnde Bewegung, falsche Ernährung, Tabak und Alkohol sowie Streß – rund 259 Mrd. Dollar, schätzt die American Heart Association, kosteten „Wohlstandskrankheiten“ 1998 allein in den USA. Und es wird wohl noch schlimmer, unken die Experten. Der Kampf gegen Übergewicht ist, so die Studie, deshalb eine der Hauptaufgaben im Gesundheitswesen. Die Anforderungen aber sind wohl zu groß.
„Die Gesundheitssysteme in Europa werden sich auf jeden Fall verändern, soviel ist sicher“, prophezeit Dr. Anette Schmitt, im Verein Deutscher Ingenieure (VDI) für zukünftige Technologien zuständig, „sie werden privatisiert, so jedenfalls die Erwartung der Experten.“ Mit Blick auf Beschäftigung und Ausgaben ist das Gesundheitswesen heute einer der Hauptwirtschaftssektoren – vergleichbar mit dem Automobilbau und der chemischen Industrie. Daran wird sich auch in den nächsten Jahren kaum etwas ändern. Der Druck auf die staatliche Forschung, Fortschritte bei der Entwicklung neuer Medikamente gegen Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen oder degenerative Erkrankungen zu erzielen, wächst stetig.
Gentherapien, die Beseitigung der Antibiotika-Resistenz oder die Entwicklung von Mikrosystemen für die Medizintechnik sind nur einige Forschungsfelder, die in den nächsten Jahren reiche Früchte tragen sollen. So waren die ersten Versuche zur Gentherapie bereits erfolgversprechend, doch besteht noch großer Forschungsbedarf, bis sich die Verfahren wirklich etabliert haben. Immer mehr private Forschungsinstitute mischen sich ein, erhoffen sie sich doch von den Patenten ihrer Verfahren reichen Lohn. Der Staat hingegen wird die Forschung künftig nach und nach aus der Hand geben.
Auch die Landwirtschaft in Europa gerät in den nächsten Jahren unglaublich unter Druck, meinen die Weisen. Zum einen verschärfe die EU-Erweiterung die Probleme der Agrarsubventionen noch, zum anderen fordere der globale Wettbewerbsdruck seinen Tribut. Eine klassische Zweiteilung wird prophezeit: landwirtschaftliche Massenproduktion in Osteuropa, Züchtung von High-Tech-Pflanzen mit besonderem Nutzen im Westen. Der Markt für novel food, functional food oder nutriceutical food, also von Nahrung mit zugefügtem Nutzen für den Konsumenten, wird expandieren. Entscheidend aber ist die Akzeptanz der Verbraucher. Die Angst vor genmanipulierten Lebensmitteln wird daher zugleich einen regelrechten Boom der Bio-Bauern auslösen.
„Die Landwirtschaft im westlichen Europa bleibt hochsubventioniert“, sagt Anette Schmitt, die als Beraterin an dem Bericht beteiligt war. „In den Niederlanden wurde schon so mancher Acker in einen Freizeitpark umgewandelt – mit Kühen drauf und einem Landwirt, der zwar sein Auskommen, aber eigentlich keine Arbeit mehr hat.“ Die Experten rechnen damit, daß nach und nach ganze Landstriche in Naherholungsgebiete umfunktioniert werden.
Einig ist man sich, daß der Dialog zwischen Verbrauchern, Forschern und Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft besser funktionieren muß. Die Umsetzung von Forschungsergebnissen in marktfähige Produkte sollte deshalb zügig vorangetrieben werden. So werden die chemische und die Pharma-Industrie in sicherere Technologien erheblich investieren müssen. Diesen Trend haben in der jüngeren Vergangenheit einige Chemie-Unternehmen bereits erkannt und ihr Firmenprofil in Richtung Life-Science-Betrieb umgestrickt.
Das Panel, besetzt mit Spezialisten aus Medizin, Ethik, Agrarwissenschaften und Umwelt sowie von Monsanto und Greenpeace, sieht seinen Bericht als richtungweisende Lektüre für Entscheidungsträger etwa im europäischen Parlament und in der EU-Kommission.
BETTINA RECKTER
Life Sciences and the Frontier of Life Panel Report. Future Report Series Nr. 4.
email: thomas.muenker@jrc.es, http://www.jrc.es
Medizin, Landwirtschaft und Umwelt – die Kernbereiche der Life Sciences – sollen die Gesundheit und das Lebensumfeld des Menschen nachhaltig verbessern.

 

Von Bettina Reckter
Von Bettina Reckter

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