Gesundheit

Burnout – Chronisch erschöpft und ausgebrannt  

Arbeit macht immer mehr Arbeitnehmer krank. Auch Ingenieure und Techniker sind von psychi- schen Erkrankungen betroffen. VDI nachrichten, München, 3. 7. 09, Fr

Die Schmerzen kamen immer nachts. Wenn das tägliche Arbeitspensum geschafft war und erholsamer Schlaf die dringend benötigte Entspannung bringen sollte. Dann setzten die Schmerzen in den Armen ein. Irgendwann war auch tagsüber nicht mehr an normales Arbeiten zu denken.

Die Übergänge zwischen stressbedingten Erkrankungen und einem Burnout-Syndrom mit chronischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind fließend. Meistens überschreiten die Betroffenen ihre eigenen Leistungsgrenzen permanent, arbeiten regelmäßig 60 oder 70 Stunden die Woche und ignorieren alle Warnsignale ihres Körpers. Nimmt die Arbeitsbelastung ständig zu, spüren viele erst anhand von körperlichen Beschwerden, dass etwas nicht stimmt. „Zu einer Burnout-Erkrankung kommt es, wenn über einen längeren Zeitraum eine chronische Erschöpfung vorliegt“, sagt Dr. Anja Gerlmaier vom Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) in Gelsenkirchen, die seit vielen Jahren die Folgen von Stress und Burnout in der Arbeitswelt erforscht. „Manchmal reicht eine Kleinigkeit im Arbeitsalltag aus, um eine Krise auszulösen.“

Ein falsches Wort des Kollegen, eine unbedachte Bemerkung des Chefs, die sonst abprallt, ist dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. „Die Symptome können ganz unterschiedlich sein. Schwindelgefühle, Ohrgeräusche oder auch Schmerzen in Armen, Schultern und Rücken sind oft Alarmzeichen für eine Überlastung oder Burnout-Erkrankung“, so die Wissenschaftlerin.

Der Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) aus dem Jahr 2008 belegt, dass in den vergangenen zwei Jahren die Fehlzeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen zugenommen haben. War jeder TK-Versicherte statistisch gesehen durchschnittlich elf Tage pro Jahr krankgeschrieben, entfielen davon 1,4 Krankheitstage auf psychische Diagnosen. Einen weiteren Trend halten viele Experten für besorgniserregend: Es werden immer mehr Beruhigungsmittel verschrieben. Gerade wenn Konzentrations- und Schlafstörungen auftreten, verlassen viele mit einem Rezept in der Hand die Arztpraxis. Um die Ursachen der Beschwerden geht es häufig nicht, sondern nur darum, den Alltag wieder zu bewältigen.

„Die richtige Diagnose für Burnout ist oft Glückssache“, berichtet die Psychologin Madeleine Leitner. Viele wenden sich zwar mit ganz unterschiedlichen Beschwerden an ihren Hausarzt, doch die richtigen Schlussfolgerungen ziehen nur wenige. Gerade wer unter Schlaf- oder Konzentrationsstörungen leidet, wird häufig mit Beruhigungsmitteln behandelt. In der Studie „Gesundheitsmonitor 2008“ der Bertelsmann Stiftung weisen die Autoren darauf hin, dass psychische Erkrankungen bei einem Arztbesuch oft unentdeckt bleiben.

Professionelle Hilfe gibt es. So haben sich einige Kurkliniken und Therapeuten auf Burnout-Patienten spezialisiert. Selbst wenn der eigene Hausarzt vielleicht nicht weiterweiß, können Krankenkassen entsprechende Fachkliniken empfehlen. „Wer sich für eine ambulante Therapie entscheidet, dem empfehle ich eine Verhaltenstherapie und keine Psychoanalyse, denn die Betroffenen müssen lernen, besser mit Stress umzugehen und ihr Verhalten zu ändern“, so Leitner. Ein tiefenpsychologisches Verfahren wie die Psychoanalyse dauere meistens mehrere Jahre, dagegen bietet die Verhaltenstherapie in wesentlich kürzerer Zeit Erfolge für die Patienten. Die Kosten für die Behandlung tragen meistens die Krankenkassen.

Gerade der hohe Dienstleistungsfaktor gegenüber den Kunden zwingt viele Ingenieure in eine Rolle, in der sie ständig erreichbar sein müssen. „Rufbereitschaften, die sich über 24 Stunden erstrecken und eine Siebentagewoche beinhalten, sind für die Betroffenen eine Katastrophe“, mahnt Dr. Gerlmaier. Die ständige Stresssituation führt dazu, dass eine aktive Freizeitgestaltung kaum noch möglich ist. Regenerationsphasen entfallen, soziale Kontakte nehmen ab. Wissenschaftler, Techniker und Führungskräfte sind besonders von Stress betroffen, wie eine Studie der European Foundation belegt.

„Ausdauersport wie Schwimmen, Radfahren oder Joggen hilft, das in Stresssituationen freigesetzte Adrenalin abzubauen und einen körperlichen Ausgleich für angespannte Arbeitssituationen zu finden“, so Dr. Gerlmaier. Wer seinen Arbeitsalltag analysiert, erkennt oft schnell, wo es hapert und was die Freude an der Arbeit beeinträchtigt.

Doch viele erkennen zwar, wo die Probleme liegen, schrecken aber davor zurück, ihre Arbeitsgewohnheiten zu ändern. „Pflichtbewusste und leistungsorientierte Menschen sind besonders gefährdet“, meint Leitner.

Im Übrigen unterstützen Krankenkassen und Berufsgenossenschaften Betroffene und Unternehmen bei der Wiedereingliederung psychisch belasteter Menschen in den Arbeitsprozess. Doch Leitner weiß als Karriereberaterin auch, wie schwierig der Wiedereinstieg nach einer längeren Auszeit aufgrund einer chronischen Erschöpfungskrankheit sein kann: „Viele Arbeitgeber akzeptieren es nicht, wenn ein Mitarbeiter kürzer treten möchte.“ Doch genau das sei notwendig, um sich die eigene Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität zu erhalten. „Immer mehr Manager sind selbst betroffen. Vielleicht entsteht so mit der Zeit mehr Verständnis.“

INGRID WEIDNER

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