Sicherheit

Brückeneinsturz kann sich jederzeit überall wiederholen  

VDI nachrichten, New York, 10. 8. 07, rok – Der Einsturz der Autobahnbrücke in Minneapolis ist ein weiterer Hinweis auf die sich rasant verschlechternde Infrastruktur in den USA. Aber auch diese Katastrophe wird vermutlich keinen Weckruf bei den Verantwortlichen auslösen, sondern es wird bei den üblichen Lippenbekenntnissen bleiben, die man vorzugsweise bei Wahlpartys und Trauerfeiern abgibt.

Die US-Infrastruktur verfällt zusehends. Ob Flughäfen, Straßen, Tunnel, Brücken, Dämme, Kanäle, U-Bahn, Schulen, Pipelines, Gleiskörper oder Stromversorgung – fast überall wird nicht vorbeugend in Stand gesetzt, sondern abgewartet, bis etwas passiert. Die gebrochenen Dämme in New Orleans, die im April eingestürzte Autobahnüberführung in San Francisco, die wiederholten Stromausfälle in den Millionenmetropolen, das geplatzte Fernwärmerohr in Manhattan und der zum Glück relativ glimpflich verlaufene Brückeneinsturz in Minneapolis – alle diese Ereignisse zeigen eindrucksvoll, wie marode die US-Infrastruktur ist.

Das alles ist den Verantwortlichen nicht neu. So veröffentlichte das global tätige Urban Land Institute im vergangenen Mai einen Bericht, wonach die USA bis 2010 über 1500 Mrd. $ allein für die Instandsetzung ihrer Infrastruktur aufwenden müssen, wenn sie nicht einen weiteren Verfall hinnehmen wollen.

Der miserable Zustand der gesamten Infrastruktur und insbesondere der Brücken wird von vielen amerikanischen Ingenieurverbänden schon seit Jahrzehnten angeprangert. „Der schlechte Zustand unser Infrastruktur ist für die Bevölkerung und die Wirtschaft inzwischen eine größere Bedrohung als die Gefährdung durch Terroristen“, meint Bill Marcuson, Chef des Verbandes der US-Bauingenieure, ASCE und verweist dabei auf eindrucksvolle Zahlen. So wurden im vorigen Jahr von der US-Autobahnverwaltung ein Viertel aller Fernstraßenbrücken als stark geschädigt oder überaltert eingestuft. Nach Ansicht des Non-Profit-Thinktanks Reason-Foundation wird es mindestens 50 Jahre dauern, um alle diese Schäden zu beseitigen.

Dabei gelten die in den 50er-Jahren sehr viel gebauten Ausleger-Fachwerk-Brücken als besonders gefährdet. Auch die jetzt in Minneapolis eingestürzte Brücke war von diesem Typ. Sie stützte sich auf vier Pfeilerpaare im dort flachen Mississippi-Flussbett. Dieser Brückentyp ist praktisch eine Art „angewandte Finite-Elemente-Lösung“, und das bedeutet geringes Eigengewicht, geringe Baukosten und eine für damalige Verhältnisse relativ einfache Montage. Bei der jetzt eingestürzten Brücke wurde die Betonfahrbahn nur aufgelegt und hatte damit keine tragende Funktion. Sie wirkte nur als Last und bot keine Redundanz zur Tragwerksstruktur.

Derartige Brücken haben eine Reihe konzeptioneller Schwächen. Versagt in der Trägerstruktur ein wichtiges Element oder sackt einer der Pfeiler nur geringfügig ab, stürzt die Brücke unweigerlich ein. Folglich gibt es über die Einsturzursache in Minneapolis noch immer keine genauen Erkenntnisse und nach Ansicht der Verkehrsaufsichtsbehörde NTSB kann sich die Ursache-Ermittlung noch bis zu zwei Jahre hinziehen.

Jetzt schießen die Spekulationen über die möglichen Ursachen ind Kraut. Eine Überlastung wird allgemein ausgeschlossen, denn da nur vier von acht Spuren offen waren, scheidet ein überhöhtes Verkehrsaufkommen aus. Ob die Arbeiten am Straßenbelag auf den gesperrten Fahrspuren eine Mitschuld tragen, ist umstritten. Einerseits wurde nichts an der Stahlkonstruktion verändert und diese auch nicht beschädigt, andererseits meinen einige US-Ingenieure, dass die Vibrationen der Presslufthämmer durchaus das auslösende Element für den Einsturz gewesen sein könnten. Aber auch Korrosion durch exzessive Vogelkotablagerungen oder die extremen Temperaturschwankungen werden als mögliche Ursachen genannt (in Minneapolis schwanken im Sommer an manchen Tagen die Temperaturen um bis zu 25 Grad).

Jetzt soll mit Computeranalysen herausgefunden werden, welche konkreten Strukturfehler zu einem ähnlichen Einsturz-Szenario führen, das wäre dann zwar kein Beweis für die Ursache, aber man hätte einen Anfangspunkt.

Die Regierung verkündete außerdem die sofortige Überprüfung aller Brücken in den USA. Doch das wird von den Experten als Lippenbekenntnis abgetan. „Es gibt schon seit vielen Jahren einen Mangel an Inspektoren, was dazu geführt hat, dass selbst die wenigen gesetzlich vorgeschriebenen Überprüfungen gar nicht oder nicht gründlich genug durchgeführt werden“, sagt Prof. William Ibbs, Leiter des Bereiches Bautechnik an der Berkeley University in San Francisco. Seiner Ansicht nach wird es Jahre dauern, bis genügend ausgebildete Bauingenieure als Inspektoren bereitstehen.

Außerdem ist das Misstrauen in die Kontrollarbeit der Inspekteure in den USA sehr hoch, denn auch die Brücke in Minneapolis wurde erst 2005 kontrolliert und dabei wurden keine gravierenden Beanstandungen festgestellt, die zur Schließung hätten führen müssen. Auch beim Absturz der tonnenschweren Deckenplatten im Hafentunnel von Boston Anfang 2006 war nur wenige Wochen zuvor eine Inspektion durchgeführt worden. Dabei war den Prüfern aber nicht aufgefallen, dass sich ein Großteil der Bolzen gelöst hatte.

Die jetzt in Minneapolis eingestürzte Brücke gehörte übrigens nicht zu den von den Bauingenieuren als besonders gefährdet eingestuften, sondern erhielt nur die Note „mangelhaft“. Zu den gefährdeten Brücken gehören jedoch unter anderen die weltberühmte 150 Jahre alte Brooklyn-Bridge und die Tappan-Zee-Bridge nördlich der Stadt New York. Die 5 km lange Tappan-Zee-Brücke überspannt den Hudson-River etwa 50 km stromaufwärts von New York. Sie wurde Anfang der 50er-Jahre als zeitlich begrenzte Behelfsmaßnahme gebaut, um während des Korea-Krieges die Militärakademie Westpoint mit den beiden New-Yorker Flughäfen zu verbinden. Doch inzwischen ist daraus eine Dauerlösung geworden, über die alltäglich 150 000 Fahrzeuge rollen. Die Tappan-Zee-Brücke ist zwar nicht vom selben Typ wie die in Minneapolis, aber sie steht auf Holzpfeilern an denen die Parasiten nagen und aus den ursprünglich nur vier Spuren sind inzwischen sieben geworden.

Knapp 100 Mio. $ hat der Staat New York jetzt für dringende Reparaturmaßnahmen bewilligt, denn der von vielen Fachleuten geforderte Neubau wird auf 14,5 Mrd. $ veranschlagt – ein Betrag, den der Staat New York auf Jahrzehnte hinaus nicht aufbringen kann.

Das grundlegende Problem beim Aufbau und der Instandhaltung der amerikanischen Infrastruktur ist die extreme politische Abhängigkeit und das damit verbundene kurzfristige Denken in Legislaturperioden. Kein Bürgermeister, Gouverneur und auch nicht der Präsident kann auf Wählerstimmen hoffen, nur weil Milliarden oder viel Zeit für Dinge aufgewendet werden, die keiner sieht.

Was beispielsweise die notwendigen Instandsetzungsarbeiten angeht, so weiß jeder Amtsinhaber, dass eine konkrete Datumsangabe für eine bevorstehende Katastrophe nicht möglich ist, und so hofft man darauf, dass alles erst in der nächsten Amtszeit stattfinden wird.

In der Vergangenheit funktionierte noch die Methode „Neubau statt Reparatur“. So konnte Präsident Eisenhower in den 50er-Jahren noch den Ruhm seines aggressiven Highway-Ausbaus innerhalb seiner Amtszeit erleben. Auch danach haben vor allem in den Ballungsgebieten viele Bürgermeister lieber eine teure neue Brücke neben einer alten gebaut, als dass sie diese saniert haben. Für das politische Image ist die Einweihung einer neuen Trasse nämlich wesentlich prestigeträchtiger, als eine Brücke jahrelang halbseitig zu sperren und sie damit in einen dauerhaften Verkehrsärger für alle Pendler zu verwandeln.

Inzwischen aber bewirkt jeder Neubauplan eine Flut an Gerichtsverfahren, so dass den meisten Politikern auch die Lust an solchen Neubauprojekten vergangen ist. Bestes Beispiel dafür ist der Wiederaufbau des World Trade Centers, dessen Vorlaufstreit sechs Jahre andauerte. Obwohl jetzt inzwischen die ersten Baukräne errichtet sind, klafft sieben Jahre nach dem Einsturz der beiden Türme immer noch ein großes Loch an Ground Zero. New York hat längst einen neuen Gouverneur und sollten die gegenwärtigen Pläne endlich eingehalten werden, so wird der heutige Bürgermeister Bloomberg zur Einweihung nicht mehr im Amt sein, da dieses per Gesetz auf acht Jahre begrenzt ist.

Und so ist auch nach der Katastrophe in Minneapolis die Bereitschaft der Politiker gering, Wesentliches zu ändern. Zwar kündigte Präsident Bush an, 250 Mio. $ für den Wiederaufbau bereitzustellen und der Kongress hat den Betrag im üblichen Eilverfahren genehmigt. Doch noch ist kein Zeitplan dafür vorgesehen und je länger das Aufräumen und die Ursachenermittlung anhalten, umso geringer sind die Chancen für eine neue und vor allem sichere Brücke. Denn die Regierung hat kein Geld – zumindest keines für die Infrastruktur im eigenen Land. Spendierfreudiger sind die USA nur in anderen Ländern. So wird der Krieg im Irak nach neuesten Schätzungen des Kongress“ den astronomischen Betrag von einer Billion Dollar kosten. HARALD WEISS

Warnungen blieben bisher ohne Konsequenzen

 

Von Harald Weiss

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