Sicherheit

Brandstiftung oder pure Schlamperei?

Normalerweise bringen Feuerwerkskörper Freude. In Enschede haben sie eine nie da gewesene Katastrophe verursacht. Das Rätselraten über die Ursachen und die Schuldigen hat begonnen.

Seeta Ganeshi schluchzt still vor sich hin. Tränen laufen ihr über das Gesicht. Mit ihrem linken Arm stützt sie sich auf die Schulter ihres Mannes Jim. Der humpelt, sein rechter Fuß ist dick verbunden. Herumfliegende Splitter haben ihn bei der Explosion von Enschede durchlöchert. Seeta und Jim, die beide aus Indien stammen und sich in Enschede eine bescheidene Existenz aufgebaut haben, können immer noch nicht fassen, was passiert ist. „Ich will zu meinem Haus, ich will zu meinem Haus,“ ruft Jim immer wieder und rüttelt an den Absperrungsgittern, die die Polizei großräumig um das Katastrophengebiet von Enschede aufgestellt hat.
„Das Haus ist weg,“ holt Seeta ihren Mann auf den Boden der Realität zurück. Jim kann es nicht, will es einfach nicht fassen. „Mehr als 20 000 Gulden haben wir erst vor kurzem in die Renovierung gesteckt.“ Rechnungen in Höhe von 14 000 Gulden stehen noch aus,“ sagt Seeta und starrt in die Trümmer hinter der Absperrung. „Wie sollen wir die jemals bezahlen?“
Hinter der Absperrung nur Trümmer, wie nach einen Bombenangriff, Bilder wie man sie in der letzten Zeit nur aus dem Kosovo kannte. Und die beiden haben alles verloren, was sie besaßen. „Alle reden nur immer von Hilfe, aber keiner hilft uns wirklich,“ klagt Seeta. „Von Worten können wir nicht leben.“
Solche kritischen Töne sind fast eine Woche nach der Explosion in der Feuerwerksfabrik S.E. Fireworks, die den Stadtteil Roombeek in der Grenzstadt Enschede in eine Feuerhölle verwandelte, mindestens 16 Menschen tötete und 950 verletzte, immer häufiger zu hören. Tagelang irrten viele Opfer der Katastrophe im Schockzustand ziellos in der Stadt umher, suchen nach Familienmitgliedern, nach Nachbarn, nach ihrem Hab und Gut.
Offiziell werden noch 200 bis 400 Menschen vermisst, „wir wissen es einfach nicht genau“, so der verunsicherte Bürgermeister von Enschede, Jan Mans.
Über Enschede hängt, nachdem der Pulverdampf der Explosion sich verflüchtigt hat, noch immer der Geruch von Feuer und eine Atmosphäre der Angst und der Trauer.
Aber auch Wut macht sich langsam breit, Wut darüber, dass die Betreuung der Opfer zu wünschen übrig lässt, dass vielen der Obdachlosen noch keine Ersatzwohnung in Aussicht gestellt wurde. „Wir werden völlig allein gelassen,“ klagt Marianne Boxen. Sie, wie viele ihrer Leidensgenossen, sind aufgebracht: „Die Behörden halten uns zum Narren. Die sagen nicht, was sie wissen. Es müssen doch viel mehr Tote geborgen worden sein.“
„Nein, wir haben bisher nur 16 Leichen gefunden,“ hält Bürgermeister Jan Mans entgegen. Doch die Suche geht nur langsam voran. Der Regen Mitte dieser Woche hat die Unfallstelle in eine Wüste aus schwarzem Morast verwandelt, vorsichtig staksen die Bergungsmannschaften des „Rampen Identificatie Teams“ (RIT) durch den Schutt, regelmäßig werden sie abgelöst, von Ärzten und Pfarrern betreut.
Die Hoffnung vieler Enscheder Bürger, in Kellern der ausgebrannten Häuser könnten sich noch Überlebende befinden, mag der Bürgermeister nicht teilen. „Wir haben alles mit Spürhunden abgesucht und die Hoffnung aufgegeben, irgendwo noch Überlebende zu finden.“
Auch Tage nach der schwersten Explosionskatastrophe in der Geschichte der Niederlande heißt es noch immer, es seien 16 Leichen geborgen worden. Unter ihnen befinden sich vier Feuerwehrleute. Von den über 950 Verletzten befanden sich Mitte der Woche nur noch wenige in den Krankenhäusern, sechs davon auf Intensivstationen. Zwischen 200 und 400 Personen werden nach wie vor vermisst.
Immer lauter wird in Enschede und den Niederlanden nun die Frage nach der Unglücksursache. Erstmals gab die Feuerwehr zu, dass sie Brandstiftung als Grund für die Enscheder Explosionskatastrophe nicht mehr ausschließen kann.
Genauso wenig wie pure Schlamperei bei S.E. Fireworks. Kurz vor der Detonation sollen auf dem Fireworks-Firmengelände acht Seecontainer im Innenhof gestanden haben. Fireworks hatte von der Stadtverwaltung aber nur die Genehmigung erhalten, dort maximal drei Container zu deponieren. Außerdem, so mutmaßen Feuerwerksexperten sowie die Feuerwehr, müssen die Türen der Container offen gestanden haben, so dass es zu einer verheerenden Kettenreaktion und der sich anschließenden heftigen Detonation kommen konnte.
Schließlich wird vermutet, in den Containern könne sich Magnesium befunden haben, das sich beim Löschen mit Wasser unter großer Hitzeentwicklung entzündet und eine Kettenreaktion ausgelöst haben könnte. Die Feuerwehr hatte davon keine Ahnung und löschte wie gewohnt mit Wasser.
Die beiden Firmenchefs von S. E. Fireworks, Willem Pater und Rudi Jan Bakker, haben sich inzwischen der Polizei gestellt und werden verhört, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sie. Auch der Firmengründer von Fireworks, Harm Smallenbroek, wurde von der Polizei vernommen. Er hat das Unternehmen jedoch schon vor zwei Jahren an Pater und Bakker verkauft.
Firework organisierte in der Vergangenheit große Feuerwerkshows vor allem bei Popkonzerten, etwa für die Dire Straits, Bon Jovi und für Michael Jackson.
Doch in Enschede bleibt derweil die schreckliche Ungewissheit über das Schicksal der Vermissten. Was ist aus den Vermissten geworden? Liegen sie noch zwischen den Trümmern zwischen Tollenstraat und Reembaanstraat? Oder sind sie einfach, weil sie den Anblick der Trümmerlandschaft nicht mehr ertragen konnten, Hals über Kopf zu Verwandten irgendwo in den Niederlanden abgereist, um dort die Hilfe zu finden, die der Staat nur so schleppend leistet?
Jos und Herman Weegerink und deren beiden Töchter Linda und Yvonne haben das jedenfalls getan. Sie sind bei Verwandten im nahe gelegenen Oldenzaal direkt an der deutschen Grenze vorerst untergekommen. Doch die Existenz ohne Papiere ist schwierig. Herman Weegerink (58), dessen Haus vom Feuerwerksinferno weggefegt wurde, hat gerade mal das nackte Leben retten können und keine Dokumente. Keinen Pass, kein Geld, keine Kreditkarte oder EC-Karte, keinen Führerschein, nichts. In Oldenzaal kennt ihn niemand, er kann sich nicht legitimieren und bekommt zunächst kein Geld. Er erzählt dem Bankangestellten seine Geschichte. Der überprüft, ob Herman Weegerink in Enschede einen Telefonanschluss hat. Den hatte er einmal, als sein Haus noch stand. Dann dauert es Stunden, bis der Bankangestellte von seinen Vorgesetzten endlich die Zustimmung erhält, Weegerink 900 Gulden auszuzahlen – als rückzahlbaren Kredit.
Kredite und viel Geld werden nötig sein, um den Enscheder Bürgern ohne Haus und Besitz nun unter die Arme zu greifen. Die Kölnische Rück hat inzwischen ausgerechnet, dass auf niederländische Versicherungsunternehmen Schadenersatzforderung in einer Größenordnung von mindestens 500 Mio. Gulden (450 Mio. DM/227 Mio. Euro) zukommen dürften.
Die Opfer aber werden noch einige Zeit brauchen, um den Anblick des qualmenden Kraters zu vergessen, in dem ihr einstiges zu Hause verschwand. HELMUT HETZEL
Ein Schneise der Verwüstung hat der Feuerball der Explosion durch Enschede gezogen.
Bilder, wie sie man in letzter Zeit nur aus dem Kosovo kannte: Häuser in Enschede, von denen nur noch die Wände stehen.
Unmittelbar nach der Explosion: Eine schwarze Wolke im Sommerhimmel. Mittlerweile hat der Regen die Unglücksstelle in eine Wüste aus schwarzem Schlamm verwandelt.

Von Helmut Hetzel

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