Sicherheit 20.07.2007, 19:29 Uhr

Biometrische Gesichtserkennung für Fahndung ungeeignet  

Kameras mussten Testpersonen aus dem täglichen Strom von 23 000 Reisenden herausfiltern. Doch die durchschnittliche Trefferquote lag bei nur 30 %.

BKA-Präsident Jörg Ziercke teilte am Mittwoch letzter Woche in Wiesbaden mit, dass er die Technik Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nicht empfehlen werde. Das BKA hatte vier Monate lang am Mainzer Hauptbahnhof die Technik getestet: Kameras mussten Testpersonen aus dem täglichen Strom von 23 000 Reisenden herausfiltern.

Doch selbst bei besten Lichtverhältnissen konnten die drei erprobten Systeme nur Trefferquoten um die 60 % erzielen. Die durchschnittliche Trefferquote lag bei nur 30 %. Zum Einsatz kamen jeweils zwei Kameras der Firmen L1-ID/Bosch Sicherheitssysteme, Cognitec und Crossmatch/Vitronic Dr. Stein.

Das BKA untersuchte, ob sich gesuchte Personen in Bahnhöfen, Flughäfen oder Sportstadien per Videokamera erkennen lassen können. Dabei wurden im Mainzer Bahnhof Gesichtsbilder der Passanten mit den biometrischen Merkmalen von 200 Personen verglichen. Bei Dunkelheit sank die Trefferrate im Bahnhof auf 10 % bis 20 %. Personen auf der Rolltreppe wurden um 5 % bis 15 % besser erkannt als auf der Fußtreppe.

Ziercke hatte sich eine zuverlässige Erkennung von nahezu 100 % erhofft. Nun konstatierte er: „Das Ziel, eine Gefahr zu verhindern, erreiche ich damit nicht.“ Selbst bei einer Verwechslungs- oder Fehlerrate von nur 0,1 % wären in Mainz „täglich cirka 23 Bürger aufgrund von Verwechslungen mit weiterführenden Maßnahmen belastet worden“, heißt es im Abschlussbericht.

Ziercke will die Technik daher nur in kontrollierten Umgebungen einsetzen, etwa bei Zugangskontrollen und Personenschleusen. Hier kann die Beleuchtung optimiert werden, außerdem müssen die Personen einzeln in die Kameras blicken.

Michael von Foerster, Leiter Verbands-, Regierungs- und Öffentlichkeitskontakte von Bosch Sicherheitssysteme zeigt sich wenig überrascht: „Wir werden nie auf 100 % kommen, weil wir hier in einem nichtkooperativen Szenario arbeiten. Es war von vornherein klar, dass ein solches System nur ein zusätzliches Hilfsmittel sein kann, um die Polizei zu unterstützen.“ Auch mit kooperativen Systemen, bei denen die Beobachteten aktiv mitmachen, seien derzeit nur etwa 98 % bis 99 % je nach Szenario zu erreichen. Cognitec-Sprecher Jürgen Pampus ergänzt, dass ähnliche Feldtests auch von der niederländischen und britischen Polizei bereits gemacht wurden. Diese hielten die Systeme mit einer Leistung von 60 % für zufriedenstellend.

Von Foerster wertet die Ergebnisse sogar als „sehr positiv“: „Das war der erste Realtest in diesem Bereich überhaupt.“ Im Testvergleich sei Bosch „sehr zufrieden“ mit seinen Ergebnissen. Der Feldtest sei ein weiterer Meilenstein, um die Technologie voranzubringen und als einsatzfähiges System für Fahndungsprojekte einzusetzen. Eine Erkennungsleistung von 60 % bis 70 % sei bei guten Lichtverhältnissen „realistisch“ und bedeutete für die Polizei, dass sie bis zu sieben Personen von zehn zur Fahndung ausgeschriebenen Personen bekomme. Von Foerster: „Das ist doch ein tatsächlicher Fahndungserfolg, den ich vorher nicht verzeichnen konnte. Insofern ist ein echter Mehrwert geschaffen.“

BKA-Präsident Ziercke hofft allerdings noch auf 3-D-Kameras. Auf einer Veranstaltung des Darmstädter CAST-Forums über Biometrie und eCards betonte allerdings Ludwig Turba, zuständig für die Zugangskontrolle der Berliner Flughäfen, dass auch 3-D-Systeme mit unterschiedlichen Licht- und Wettersituationen umgehen können müssen. Er bereitet derzeit einen Testlauf vor, der 400 Flughafen-Angestellte mit ID-Karten mit 3-D-Gesichtsdaten ausrüstet. Er soll die Technik im Anwendungsbereich der Zugangskontrolle testen. Bosch-Sprecher von Foerster warnt jedoch vor zu hohen Erwartungen: „Auch mit einer 3-D-Technologie werden wir im nichtkooperativen Szenario 100 % nicht erreichen, sie wird aber bessere Ergebnisse erreichen, da sie die aufgenommenen Bilder robuster macht und so zu einer höheren Erkennungsleistung beiträgt.“

Bundesdatenschützer Peter Schaar hingegen warnte vor dem Einsatz einer unausgereiften Technik. „Besonders kritisch sind Falscherkennungen, die unverdächtige Bürger zunächst einem Anfangsverdacht aussetzen“, erklärte der Datenschützer. Dies erzeuge ein allgemeines Überwachungsklima, das das Verhalten der Bürger beeinflusse. CHR. SCHULZKI-HADDOUTI

Ein Beitrag von:

  • Christiane Schulzki-Haddouti

    Freie Journalistin und Buchautorin in Bonn. Scherpunktthemen: Bürgerrechte, Informationsfreiheit, Datenschutz und Medienethik.

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