Gesundheit

Bei Anruf Krebs?

Jahrelang hatte Chris Newman, 41, sein Handy immer dabei – zum Wohl der Patienten. Der Neurologe aus Baltimore (US-Staat Maryland) pendelte zwischen drei Krankenhäusern und seiner Praxis und wollte jederzeit erreichbar sein. Seit März 1998 jedoch ist Newman arbeitsunfähig geschrieben. Diagnose: ein bösartiger Tumor hinter seinem rechten Ohr.
Kein Zufall, meint Newman. Er sieht einen klaren Zusammenhang zwischen der jahrelangen Benutzung des Mobiltelefons und seiner schweren Erkrankung, die mittlerweile das Endstadium erreicht hat. Nun hat Newman mehrere US-Firmen, darunter Motorola sowie Verizon Communications, auf 100 Mio. Dollar Schadensersatz sowie 700 Mio. Dollar Strafe verklagt. Newmans Anwälte beschuldigen die Firmen, ihre Kunden nicht ausreichend über das Risiko einer Krebserkrankung und anderen Gesundheitsrisiken durch Handy-Strahlen aufgeklärt zu haben.
Newmans Klage lässt einen alten Verdacht neu aufkeimen. Auch vielfältige Studien haben ihn bisher weder widerlegen noch bestätigen können: Dass Mobiltelefone womöglich Krebs oder andere Gesundheitsprobleme verursachen, davor wird bereits seit Jahren gewarnt. Für weltweites Aufsehen sorgte 1993 ein Fall in den USA, als zum ersten Mal eine Hirntumor-Patientin die Herstellerfirma ihres Mobiltelefons verklagte – erfolglos.
Newmans Klage jedoch könnte mehr Erfolg beschieden sein. Beistand erhielt der Neurologe beispielsweise durch einen Aufsatz im amerikanischen Online-Journal „Med Gen Med“, das den medizinischen Forschungsstand analysierte. Fazit: Die Behauptung der Industrie, dass Mobiltelefone absolut sicher seien, könne „nicht länger aufrechterhalten werden“. „Langsam“, so der Hauptverfasser des Berichts, der US-Pathologe und Jurist George Carlo, „werden wissenschaftliche und medizinische Studien bekannt, die in die Richtung möglicher Probleme deuten.“
Als mögliche Gefahrenquelle gelten laut Carlo und Kollegen Mobiltelefone, deren integrierte Antennen sich beim Fernsprechen direkt am Kopf des Benutzers befinden. Zu den damit verbundenen Gesundheitsrisiken gibt es zahlreiche Studien, mit widersprüchlichen Ergebnissen. Im Grundsatz unumstritten: Menschliches Gewebe kann beschädigt werden, wenn es intensiver elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt ist.
Ob die Strahlendosis, die von Handy-Antennen ausgestrahlt wird, dazu wirklich ausreicht, lässt sich bislang jedoch nicht beantworten. 50 Studien im Rahmen des „Wireless Technology Research“-Programmes (Volumen: 27 Mio. Dollar), das von der Handy-Industrie finanziert wird, ergaben zwar keine Beweise, dass Handys an Hirntumoren schuld seien. Doch dem US-Experten George Carlo zufolge enthalten sie genug Anhaltspunkte für eine Risikowarnung: Die über 500 Mio. Mobiltelefonierer weltweit sollten Schutzmaßnahmen treffen.
Newman und Carlo sehen sich nun der Phalanx der Handy-Hersteller gegenüber, die solche Folgerungen als unfundiert zurückweisen. „Die überwiegende Mehrheit wissenschaftlicher Meinung“, so eine Sprecherin des Industrieverbands der Handy-Hersteller, CTIA, „deutet darauf hin, dass sich die Benutzung mobiler Telefone nicht nachteilig auf die Gesundheit auswirkt.“ Der Zusammenhang zwischen Telefon und Tumor sei wissenschaftlich nicht bewiesen, unterstreicht Norman Sandler, Sprecher von Motorola: „Wir behaupten seit Jahren, dass solche Beschuldigungen grundlos sind.“

Einige Experten fordern Analyse von Langzeitwirkung

Tatsächlich belegen bisherige Untersuchungen nur, dass mehr Forschung vonnöten ist. Einige Experten fordern Langzeitstudien ihr Argument: Mobiltelefone sind erst seit den 80er Jahren verbreitet, Schlussfolgerungen dürften nur aufgrund wissenschaftlicher Analysen von Langzeitwirkungen erfolgen. Eine Fallstudie deutet auf ein erhöhtes Risiko von Tumoren des Hörnervs hin, wenn das Handy länger als sechs Jahre benutzt worden war.
In einer 1999 veröffentlichten Studie mit Gehirntumor-Patienten in Schweden kamen Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass Mobiltelefone zwar kein erhöhtes Risiko für Gehirntumore darstellten. Dennoch traten in einer kleinen Patienten-Untergruppe Tumore häufiger auf der Kopfseite auf, an die das Telefon beim Gespräch gehalten wurde. Auch Forscher um Dr. Joshua Muscat von der American Health Foundation in Valhalla, N.Y. untersuchten 470 Gehirntumorpatienten. Sie fanden bei der Mehrheit kein Risiko. Doch in einer Untergruppe von 35 Personen korrelierte die Handy-Benutzung mit einem seltenen Krebstyp.
Die Anwältin des krebskranken Chris Newman jedenfalls, Joanne Suder, hält die Beweislage in seinem Fall für erdrückend. Schließlich, so Suder, liege der Krebstumor anatomisch genau dort im Gehirn, wo die Strahlungswellen des Handys eintreten konnten. Suder zieht Parallelen zu Klagen gegen die Zigarettenkonzerne, die zuerst auch auf vehementen Widerstand der Firmen gestoßen waren.
Die Handy-Hersteller als Ziel von Milliardenklagen wie in der Tabakindustrie? Wie damals, so hält sich auch jetzt die US-Gesundheitsbehörde FDA zurück: Sie sehe derzeit keine zwingenden Beweise, die ihr Eingreifen erforderlich mache. Doch wissenschaftlich gesicherte Beweise, dass Handys risikofrei sind, gebe es auch nicht, verlautet es vorsichtig aus Washington.
Bereits 1996 hatte die US-Aufsichtsbehörde FCC einen Höchstwert von 1,6 W Strahlungsleistung auf menschliches Gewebe festgelegt. Dies betrifft die abgegebene Strahlungsleistung, die ein Gerät aussendet, wenn es direkt mit einem Körperteil in Berührung kommt. Solche Zahlen, hatte der Industrieverband CTIA noch vor kurzem behauptet, förderten nur einen „Schönheitswettbewerb“ der Handy-Hersteller. Doch nun ist der öffentliche Druck derart angewachsen, dass im Juli eine neue CTIA-Richtlinie eingeführt wurde. Sie verpflichtet die Hersteller dazu, die Strahlenwerte ihrer jeweiligen Handys bekannt zu geben. Kunden können so Vergleiche zwischen verschiedenen Modellen anstellen.
Außerdem wird weitergeforscht. Das amerikanische „National Cancer Institute“ analysiert derzeit Daten aus einer Studie über die Ursachen von Gehirntumoren. Darin ist auch eine Analyse von Handys enthalten. Und die Weltgesundheitsorganisation WHO plant eine Untersuchung in mindestens zehn Ländern, um mehr über einen möglichen Zusammenhang von Handy-Strahlung und Kopf- und Nacken-Krebs herauszufinden. rsv/GERD MEISSNER

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