Arzneimittel

Aventis-Mitarbeiter fürchten um ihren Arbeitsplatz

VDI nachrichten, Frankfurt, 30. 4. 04 -Frankreich freut sich – die Aktionäre dagegen sind noch etwas verhalten. Die Übernahme des deutsch-französischen Pharmakonzerns Aventis durch die französische Sanofi-Synthélabo bleibt umstritten – vor allem unter deutschen Aventis-Mitarbeitern und Analysten.

Größter Pharmakonzern in Europa, Nummer Drei in der Welt – so feiert vor allem Sanofi das Ende des drei Monate währenden Übernahmekampfes, den das Unternehmen nur nach einer kräftigen Aufbesserung seines Angebots und unter Mithilfe der französischen Regierung gewinnen konnte. Nun muss Sanofi-Chef Jean-François Dehecq den Aventis-Aktionären gut 55 Mrd. € hinblättern, deutlich mehr als die im Januar gebotenen 48,5 Mrd. €.
Der fusionierte Konzern erzielt einen Jahresumsatz von 25 Mrd. € und beschäftigt weltweit etwa 110 000 Mitarbeiter. Damit hat Sanofi, das nur knapp die Hälfte des Aventis-Umsatzes erzielt, sein Ziel erreicht. Sanofi profitiert vor allem von der größeren Vertriebsstärke der Aventis in den USA. Daneben dürfte auch die hochmoderne Produktion am Standort Frankfurt-Höchst interessant sein. Hier produziert Aventis sein Antiallergikum Allegra, das Blutdruckmittel Delix und auch Insulin mit Hilfe der Gentechnik.
Aventis dagegen profitiert wenig von dem Zusammenschluss. Vielmehr gefährdet das Auslaufen des Patentschutzes für Sanofis Blutverdünner Plavix die künftigen Ertragschancen. Dennoch erkennt Peter Düllmann, Analyst des Bankhauses Sal. Oppenheim, eine Logik des Zusammenschlusses: Die Pipelines, also die Entwicklung neuer Medikamente, seien so schlecht nicht, die Vertriebsstärke bei Aventis helfe im Weltmarkt, „es gehen nicht zwei per se Schwache zusammen“. Novartis hätte wohl besser zu Aventis gepasst, sei aber an der starken Rolle des französischen Staates gescheitert. Beobachter unterstellen Novartis ohnehin, kein ernsthaftes Interesse gehabt zu haben.
„Finanziell ist für die Aktionäre nicht der maximale Wert der Aventis-Aktie erreicht worden“, kritisiert Gerrit Jost, Analyst der ING-BHF-Bank. Der Kurs-auftrieb für Aventis sei durch die Einigung unterbunden worden. Außerdem sei fraglich, wie Sanofi die Synergien von 1,6 Mrd. € jährlich erzielen wolle. Die etwa 9000 Aventis-Beschäftigten in Deutschland fürchten, dass das auf ihre Kosten geschehen soll, zumindest die 2750 Stellen in der Verwaltung und in Marketing/Vertrieb könnten gefährdet sein.
Auch die Fondsgesellschaft Union Investment lehnt die Fusion ab: Denn die finanzielle Ausbeute für die Aventis-Aktionäre sei schlechter. Bei Novartis sei das wohl noch besser ausgefallen, glaubt Rolf Drees, Sprecher der genossenschaftlichen Fondsgruppe, die 1,4 % an Aventis hält. Doch habe die französische Regierung mit ihrem massiven Einsatz für eine „französische Lösung“ nicht nur gegen die Interessen der Anleger, sondern auch der Beschäftigten verstoßen.
Das sei „zynisch“, meint Drees. Die französische Industriepolitik könne man aus Sicht der liberal denkenden Kapitalmärkte nicht gutheißen. Diese französische Tradition beherrschten die konservativen Politiker in Frankreich noch besser als manche „linken“ in anderen europäischen Staaten. Bisher aber hatte der französische Staat sich auf Branchen beschränkt, die von „nationalem Interesse“ seien, wie etwa Rüstungs- und Luftfahrtindustrie oder aber Versorger und Finanzwirtschaft. „Wenn französische Finanzdienstleister in Schwierigkeiten geraten, sucht man zunächst immer die rein französische Lösung“, meint etwa Dieter Hein, Bankanalyst des unabhängigen Analysehauses Fairesearch. Als Beispiele nennt er die Übernahme des Crédit Lyonnais durch den Crédit Agricole oder der Versicherung UAP durch Axa. Die Pharmabranche indes hatte bisher nicht so das Interesse des Staates auf sich gezogen.
Nun wird spekuliert, die Übernahme könnte auch Fusionen kleinerer Hersteller beschleunigen, die dann mit einem starken Pharmahersteller, wie Sanofi-Aventis, kooperieren könnten. Auf Ausländer wäre man dann nicht mehr angewiesen. Aber das Interesse internationaler Investoren an französischen Unternehmen könnte abflauen. Und ob das dem französischen Kapitalmarkt gut täte, daran zweifeln Marktbeobachter. B. SCHOLTES

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